Mit einem Flug über Bagdad hat US-Präsident Bush seine einwöchige Auslandsreise beendet: Für ihn ein Erfolg, für andere eine vage Hoffnung.
Alle Handschläge sind gezählt, alle Minuten registriert, jede Körper sprache interpretiert - und US-Präsident George W. Bush ist wieder zu Hause in Washington eingetroffen. Seine einwöchige Tour de force von Krakau bis Katar ist zu Ende.
Am Ende seiner Nahost-Gespräche in Jordanien hat sich Bush laut Berichten selbst als "Meister der niedrigen Erwartungen" bezeichnet. Von Anfang seiner Reise an bis zu den ersten Minuten seines Heimfluges aber hat er sich auch als Meister der Symbole erwiesen: Von der demonstrativen Belohnung Polens über das absichtsvolle vorzeitige Verlassen des G-8- Gipfels in Frankreich bis zum symbolträchtigen Überflug Bagdads gestern, Donnerstag, sollte jeder Auftritt auch eine Botschaft sein.
Gemessen an seinen eigenen - eben niedrigen Erwartungen - muss die Reise denn auch ein durchschlagender Erfolg gewesen sein. Für jede Station gab es eine eigene Agenda: Ausgerechnet von Polen aus ließ Bush ganz Europa wissen, dass die Differenzen um den Irak-Krieg die "großartige Allianz" nicht stören werden. Der Besuch in St. Petersburg sollte Europa und der Welt zeigen, dass die Anti-Kriegs-Achse Paris-Berlin-Moskau im Lichte seiner Freundschaft mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin zum alten Eisen geworfen werden kann. Putin wurde vergeben.
Der Gipfel in Evian war Bush ganz offensichtlich nicht wichtig. Für den Fall, dass Gastgeber Jacques Chirac das anders sah, unterstrich Bush seine Linie aber noch mit der saloppen Aufforderung, Chirac könnte ja im Weißen Haus vorbeischauen, wenn er in den USA sei. Wer die Amerikaner kennt, weiß: Es gibt keine unverbindlichere Einladung als die Aufforderung, doch "einmal vorbei zu schauen" (to drop by).
In Ägypten und in Akaba aber hat Bush aus seiner Sicht genau das erreicht, was er wollte: Die zusammengetrommelten Führer der arabischen Nationen haben ihm Unterstützung für die sogenannte "Roadmap" Richtung Nahostfrieden zugesagt. Es ist anzunehmen, dass Bush ihnen bei dem Treffen unter Ausschluss aller Berater auch keine andere Wahl gelassen hat. Ungewiss ist, wie groß sein Erfolg dann in Akaba war, wo er Israels Premier Scharon und dem palästinensischen Ministerpräsidenten Abbas konkrete Festlegungen abgerungen hat; und ob er sein eigenes Versprechen, wieder einmal abgegeben in der Sprache seiner texanischen Heimat - "ride a herd", was so viel wie eine strenge Kontrolle der Israelis und Palästinenser meint -, halten wird.
Aus der Innensicht des Weißen Hauses und der USA war der Weg quer durch Europa und den Nahen Osten also eine einzige Erfolgsstraße. Und aus der Außensicht? Da fällt die Bilanz schon gemischter aus: Der G-8- Gipfel in Evian hat ohne das aktive Interesse der USA nicht viel mehr gebracht als die Bekräftigung früherer Absichtserklärungen. Der Plan Frankreichs, den USA bei dem Treffen zu bedeuten, sie seien eben nicht die einzigen "Global players" auf der Weltbühne, wird unter der Wahrnehmungsgrenze Bushs geblieben sein.
Auch die Nahost-Treffen werden außerhalb der USA skeptischer gesehen, wenngleich man den Kurswechsel der Bush-Administration weg von der völligen Indifferenz hin zur aktiven Friedenspolitik honorieren möchte. Insgeheim wird gehofft, diese Administration könnte ihr bisheriges Credo - Alles anders zu tun als Vorgänger Bill Clinton - in dieser gefährlichen Region aufgeben. Allerdings weiß man auch, dass die Neuorientierung des Weißen Hauses, sofern sie nachhaltig ist, auf den US-Sieg im Irak zurückzuführen ist - und nicht auf eine Verlagerung des Schwerpunkts zur Diplomatie hin. Daher rührt die Skepsis.
Deshalb wird der Erfolg der eiligen Bush-Reise künftig auch daran gemessen werden, ob die Roadmap des Friedens im Nahen Osten an ein Ziel oder wieder ins Nichts führt. Die Intensität der Augenkontakte in Europa hingegen werden bald in Vergessenheit geraten.
anneliese.rohrer@diepresse.com