Die (un)bekannte Gefahr

Selbst die Geheimdienste wissen wenig über Südkorea und die drittgrößte Armee der Welt.

Alte Menschen, die vor Greisen weinend in die Knie sanken; Junge, die ob der Explosion an Emotionen etwas ratlos um runde Tische standen: Diese Bilder der Zusammenführung von nord- und südkoreanischen Familien aus dem Jahr 2000 hat die Welt gesehen und noch in Erinnerung.

Abgesehen aber davon und den ewig gleichen Bildern der Aufmärsche und des Diktators Kim Jong Il sah die Welt wenig von Nordkorea. Bis jetzt. Das letzte stalinistische Regime hält sein von Hunger und Elend gequältes Volk im Verborgenen. So wußte die Welt wenig über Kim Jong Ils Reich und stürzte sich deshalb auf Triviales wie seine Flugangst, die ihn etwa im Vorjahr zu einer mehrwöchingen Bahnreise nach Moskau zwang.

Jetzt weiß die Welt von der Atom-Kapazität Nordkoreas; sieht Bilder von Anlagen, in denen Überwachungskameras ostentativ abgeschaltet werden. Und plötzlich erfährt die Welt, daß auch Geheimdienste über die drittgrößte Armee der Welt nicht viel wissen - jedenfalls nichts über die wahren Absichten des Regimes in Pjöngjang.

Sollten Seoul, Washington, Moskau, die UNO vom Eingeständnis Nordkoreas, seit 1994 an einem Atom-Programm weitergearbeitet haben, wirklich so überrascht gewesen sein, wie sie vorgaben, kann es sich nur um grobe Fahrlässigkeit handeln.

Denn weder das Eingeständnis noch die Drohungen Nordkoreas ausgerechnet jetzt können Zufall sein. Sie fallen nämlich in Südkorea in eine Übergangszeit von einer Präsidentschaft zur anderen; in den USA in eine Zeit der Kriegsvorbereitungen in einer ganz anderen Region. Und sie fallen in eine Zeit, in der in vielen Machtzentren über Vor- und Nachteile von Appeasement debattiert wird.

Südkorea will daran festhalten. Seine Hände sind gebunden, weil es auf den Tod bedroht ist. Die USA wiederum sprechen von nuklearer Erpressung, die man nicht dulden werde. Diplomaten aus aller Welt machen sich sonder Zahl auf den Weg nach Asien. Ein Funken Hoffnung liegt darin, daß dem steinernen Diktator Kim Jr. sein internationales Standing nicht ganz gleichgültig zu sein scheint. Daher ist Nordkorea ein (klassischer) Fall für die UNO - nicht für Beschwichtigung.

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