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an sollte nicht krampfhaft einen Knochen in jenem traditionellen Truthahn-Essen suchen, für das US-Präsident George W. Bush einen 26-Stunden-Flug nach Bagdad und zurück auf sich genommen hat. Die "Operation Truthahn" ist, was sie ist: Der geniale Coup eines innenpolitisch in Bedrängnis geratenen US-Präsidenten, der sich um seine Wiederwahl bemüht; das Bravourstück eines Politikers, der schon mit seiner Top-Gun-Aktion als Jet-Pilot im Mai, dann im September in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung und jetzt wieder demonstriert hat, dass er vor allem die innenpolitische Wirkung und seine Wählerschaft im Auge hat.
Dennoch kann man jetzt von Bush Reloaded sprechen: Beim Blitz-Besuch in Bagdad, mit dem er die Welt, die Soldaten und sogar seine Familie überraschte, hat Bush sich nämlich für den Wahlkampf 2004 wieder aufgeladen. Deshalb wird er auch die Aufforderung seiner Kritiker überhören, sich doch endlich mehr als Präsident und weniger als Politiker zu verhalten. Es hat seit 1945 nur fünf Präsidenten-Besuche in Kriegsgebieten gegeben, keiner von ihnen war jedoch so spektakulär wie das Abendessen in Bagdad.
Allerdings: Wer hat an diesem Thanksgiving-Donnerstag die Familien jener 184 US-Soldaten getröstet, die seit Mai im Irak ihr Leben verloren haben? Im Mai haben sie Bush auf dem Flugzeugträger vielleicht noch bewundert, jetzt nicht mehr. Der Wert politischer Coups ist eben doch relativ.