Eine dysfunktionale Familie

Beim G 8 Gipfel sollten Europa und die USA nicht so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Pragmatismus kann den Eklat verhindern.

Mitunter taucht auch in der inter nationalen Politik Humor auf, meist unbeabsichtigt. So findet das Treffen der acht führenden Industrienationen, der G 8-Gipfel also, ab Sonntag ausgerechnet im französischen Evian statt und just in einer Zeit, in der manche Amerikaner ihren Patriotismus mit einem Boykott der französischen Trinkwasser-Marke Evian ausleben. Was wunder also, wenn sich alle Aufmerksamkeit auf Körpersprache, Augenkontakt, Zeitdauer individueller Begegnungen konzentrieren wird - und nicht auf Inhalt und Ergebnis des Gipfels.

Da mag sich Gastgeber Jacques Chirac noch so sehr bemühen, Wirtschaftsthemen, Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung in den Vordergrund zu stellen und diese Anstrengung auch mit der Liste der Eingeladenen aus Afrika, Asien, Lateinamerika zu betonen. Auch der erste internationale Auftritt von Chinas Präsidenten Hu wird davon nicht ablenken. Für die europäische Öffentlichkeit wird die Hauptfrage in Evian sein: Wie nachhaltig sind die Beziehungen der USA mit Europa durch die Differenzen um den Irak-Krieg gestört?

Von US-Präsident George W. Bush ist da keine Geste zu erwarten. Sie interessiert ihn schlicht und einfach nicht. Wer das nicht wahrhaben will, sollte jene Signale genau analysieren, die das Weiße Haus ausgesendet hat: Heute, Freitag, trifft Bush in Polen ein - in jenem künftigen EU-Mitgliedsland also, das neben Großbritannien als einziges Verantwortung im Irak übertragen bekam. Sonntag wird Bush den Gipfel in Evian vorzeitig verlassen, um in den Nahen Osten zu reisen. Und schließlich hat Bush mit der plötzlichen Unterzeichnung eines "historischen" Milliarden-Pakets für die Aids-Forschung vor dem Gipfel bedeutet: Ihr redet, wir handeln.

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er immer sich in Evian eine The rapie für die seit Monaten schrecklich dysfunktionale transatlantische Familie erhofft, sollte sich rechtzeitig umstellen. Schuldzuweisungen für Vergangenes, Trotzhaltungen für Künftiges würden den Gipfel zu einem Desaster werden lassen. Die einzige Erfolgschance dieses Treffens liegt in der nüchternen Akzeptanz der Differenzen. Wer der Welt vormachen will, diese seien beseitigt, nur weil Bush mit Chirac unter vier Augen sprechen und Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder vielleicht nicht allzu auffällig brüskieren wird, würde einen Fehler begehen.

Es sollten jene Politik-Felder benannt werden, auf denen sich bis auf weiteres Gemeinsamkeit herstellen lässt: Beim Fahrplan für einen Nahost-Frieden etwa, bei der bereits in Genua vor zwei Jahren versprochenen Afrika-Hilfe auch, in der Zusammenarbeit gegen den internationalen Terror gewiss. In der Zwischenzeit sollte sich Europa um sicherheits- sowie außenpolitische Einigkeit bemühen.

Doch selbst da droht neues Ungemach: Kaum hatte sich die EU zu einem gemeinsamen Außenminister durchgerungen, kaum sahen viele in Joschka Fischer den geeigneten Mann, da zeigte das Weiße Haus totale Ablehnung: Fischer habe nicht die richtige Vita für einen Staatsmann. Bush hat mit diplomatischer Sprache, Konsens, Zugeständnissen nichts, mit politischer Bestrafung und Belohnung viel im Sinn. Je realistischer und pragmatischer Europa die Fakten sieht, desto besser werden die transatlantischen Beziehungen funktionieren.

rohrer@diepresse.com

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