Der Westen stellt sich blind und taub

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ladimir Putin trinkt Tee im Buckingham Palast in London, hilft Elisabeth II. formvollendet aus der Kutsche. Bilder der letzten Tage, die man so schnell nicht vergessen wird. Jene von den toten jungen Menschen auf dem Flugfeld in der Nähe Moskaus auch nicht. Wer sich beide Fotoserien ansieht und den Zusammenhang nicht erkennt, ist blind. Politisch zumindest.

Denn je herzlicher der russische Präsident im Westen willkommen geheißen wird - und den Tee mit der Queen wird er wohl als ultimativen Freundlichkeits-Beweis verstanden haben - desto verzweifelter werden die Rebellen in der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien handeln. Je erfolgreicher Putin den Westen seine Tschetschenien-Politik als Befriedung verkauft, desto radikaler werden Terroristen die Botschaft Tschetscheniens mit Sprengstoff in die Städte mittragen; laut genug, um sich in einer desinteressierten internationalen Gemeinschaft Gehör zu verschaffen.

Wie wenig Interesse Russland aber daran hat, dass diese Gemeinschaft nach Tschetschenien blickt, zeigt sich an einem einzigen aktuellen Beispiel: Während alle Welt auf den Irak starrt und darüber klagt, dass dort fast täglich ein US-Soldat ums Leben kommt, kümmert sich niemand um die drei russischen Soldaten, die Meldungen zufolge, täglich in Tschetschenien sterben. Moskau hat nicht das geringste Interesse daran, dass die Welt seine Opfer kennt. Denn dann könnte jemand die Frage nach einer verfehlten Politik stellen; dann wäre Tschetschenien womöglich ein Thema, mit dem Putin, wenn schon nicht beim Tee, so jedenfalls auf internationaler Ebene konfrontiert werden müsste. Davor scheut der Westen aber aus durchsichtigen Gründen zurück.

anneliese.rohrer@diepresse.com

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