Mit Tunesien assoziierte man lange Zeit hauptsächlich Sonne, Sand und Meer. Dabei hat das liberalste der arabischen Länder auch Kulturtouristen einiges zu bieten – worauf man sich neuerdings wieder stärker besinnt.
Ein Streifzug durch die bewegte Geschichte des Landes.
Am Beginn stand die phönizische Prinzessin Dido, die auf der Flucht aus ihrer alten Heimat im heutigen Tunesien Zuflucht fand. Ein Land, so groß wie eine Ochsenhaut, hatte ihr der einheimische Fürst Hiarbas versprochen. Dido ließ das Fell in feine Streifen schneiden, die aneinandergereiht einen großen Hügel umfassten, viel größer, als Hiarbas sich das vorgestellt hatte. Der Sage nach verliebte sie sich in den nach dem Troja-Krieg umherziehenden Aeneas und beging nach dessen Abfahrt Selbstmord – aber diese Geschichte ist eher ins Reich der Fabel zu verweisen. Der Troja-Krieg fand 1300 vor Christus statt, Karthago wurde erst 700 Jahre später gegründet.
Tunesien besinnt sich zunehmend seiner Geschichte, wenn es darum geht, Touristen ins Land zu locken. Denn das Land hat mehr zu bieten als nur Sonne und Strand. Kultur-Tourismus ist jener Bereich, der den allgemeinen Rückgang im Fremdenverkehr (minus 25 Prozent im Vorjahr nach dem blutigen Anschlag in Djerba, heuer gibt es einen weiteren Buchungsrückgang um zehn Prozent) wettmachen soll. Und das ist dringend notwendig, das Land gilt zwar als das westlichste unter den arabischen Ländern, es verfügt aber kaum über Einnahmequellen außerhalb des Tourismus. Denn die Ölvorräte sind nicht allzu groß, eine Industrie kaum vorhanden. Bleiben als Devisenbringer nur noch das Handwerk, das aber mit reichlich antiquierten Mitteln arbeitet, und die Gelder, die die Gastarbeiter nach Hause schicken.
Kindesopfer
Ein Streifzug durch die Geschichte Tunesiens beginnt naturgemäß mit den Karthagern. Einen Einblick in deren Leben bietet die Ausstellung der sogenannten „Stelen“, Grabsteine, die auf den Brauch von Kindesopfern hinweisen. Angeblich sollen die Familien ihr erstes Kind geopfert haben, um die Götter bei großer Gefahr von Kriegen oder Epidemien zu besänftigen. Laut Überlieferung wurden die Kinder erstickt und in der Folge der Statue einer Göttin in die Arme gelegt und verbrannt.
Leise Zweifel sind angebracht. Denn die einzigen schriftlichen Aufzeichnungen über das Leben der Karthager stammen von römischen Autoren – und die Römer galten ja bekanntermaßen nicht unbedingt als Freunde der Karthager. Eine frühe Form von Kriegspropaganda also. Zumal die Karthager in diesen Quellen auch als „Volk voller Bitterkeit und Grobheit, unterwürfig gegenüber Herrschern, tyrannisch zu den Untergebenen und so streng, dass es Humor und Freundlichkeit völlig ablehnte“, beschrieben wurde. Die Stelen können genauso gut ein Zeichen für die hohe Kindersterblichkeit sein, „geopfert“ wurden demnach die bereits verstorbenen Kinder.
Von den Karthagern ist nicht viel übrig geblieben. Die Kontrahenten des aufstrebenden Römischen Reiches wurden in den drei Punischen Kriegen völlig vernichtet, die Stadt Karthago zu Ende des Dritten Punischen Krieges dem Erdboden gleichgemacht. Die berühmten Worte des alten Cato, der jede Rede im römischen Senat mit seinem „ceterum censeo “ (im Ubrigen meine ich, Karthago muss zerstört werden) abschloss, sind blutige Realität geworden.
Zerstört & aufgebaut
200 Jahre später bauten die Römer Karthago wieder auf. Über den Resten der alten Stadt entstand eine neue Siedlung, die sich in der Folge zur drittgrößten Stadt im Römischen Reich entwickelte. Die Römer errichteten ein Forum, Tempel, Paläste, Bäder, Theater, mehrstöckige Häuser und Marktplätze. Spuren der römischen Anwesenheit werden in aufwendigen Ausgrabungen freigelegt. Besonders interessant: das Bad, das noch relativ gut erhalten ist. Gleich neben den Ausgrabungen befindet sich übrigens der Palast des derzeitigen Präsidenten, was für die Besucher mit Einschränkungen verbunden ist: Fotos vom Palast sind streng verpönt. Besichtigenswert sind nicht nur die Ausgrabungen, sondern auch die römischen Mosaike, zu sehen im Bardo-Museum. Gut erhalten ist auch die Wasserleitung, die die Römer für Karthago bauten. Über einen 145 Kilometer langen Äquadukt wurde das Wasser aus Zaghouan herbeigeschafft. Teile der Wasserleitung sind bis zum heutigen Tag noch in Betrieb. Das Vorhandensein von Wasser in der Wüste war auch der Grund für den Bau einer zweiten römischen Siedlung: El Djem war die zweitgrößte römische Stadt in Nordafrika nach Karthago. Noch recht gut erhalten ist das Amphitheater – es war eines der größten im Römischen Reich.
Sprudelnde Quellen
Auch nach dem Niedergang des Römischen Reichs blieb das nordafrikanische Land im Brennpunkt der geschichtlichen Entwicklung. 670 eroberte eine arabische Armee Tunesien, das Land wurde moslemisch. Unter den Eroberern: Oqba Ibn Nafi, ein Schüler des Propheten Mohammed. Dessen Pferd glitt mitten in der Steppe aus, genau an dieser Stelle sprudelte plötzlich eine Quelle aus dem Boden, auf deren Grund ein goldener Kelch leuchtete – so die Sage.
Oqba habe dies als göttlichen Fingerzeig empfunden und errichtete an dieser Stelle eine Moschee.
Kairouan ist heute die viertwichtigste heilige Stätte des Islam, nach Mekka, Medina und Jerusalem. Vom großen Touristenanstrom bleibt die Stadt trotzdem verschont – liegt sie doch mitten in der Steppe, eineinhalb Autostunden von Tunis entfernt. Auf der Fahrt kann man auch die großen Unterschiede im Land beobachten: Während die Stadt Tunis sehr westlich wirkt – Tunesien gilt als das pro-westlichste unter den islamischen Ländern – sind in der Umgebung von Kairouan Pferdekarren ein durchaus noch übliches Transportmittel. Die berühmte Sidi Oqba-Moschee stammt aus dem neunten Jahrhundert und ist mit ihrem wehrhaften Charakter – sie ist von gewaltigen Mauern umgeben – typisch für die frühe arabische Architektur. Beeindruckend ist auch der Innenhof, der 20.000 Menschen fasst. Er dient im Übrigen als riesiger Trichter für das Regenwasser, das sich selten, aber plötzlich über Kairouan ergießt und sorgsam aufbewahrt werden muss. Die Pflastersteine neigen sich auf einen mittleren Abfluss hin, wo der Schmutz gefiltert wird, bevor das Wasser weiter in die unterirdisch liegenden Zisternen fließt.
Künstlerdorf
Auch die Mauren – aus Spanien vertrieben und in Nordafrika neu angesiedelt, haben in Tunesien Spuren hinterlassen. Am beeindruckendsten zu beobachten in Sidi Bou Said, einem Dorf aus dem 11. Jahrhundert, mit seinen charakteristischen blauen Toren und Fensterläden. Bereits seit 100 Jahren haben Künstler auch aus Europa dieses Dorf entdeckt und sich dort angesiedelt. Macke zum Beispiel hat dort sein berühmtes Bild „Blick auf eine Moschee“ gemalt.
Auf nach Tunesien...
Infos: Tunesisches Fremdenverkehrsamt, 1010 Wien, Opernring 1/R/109, Tel: 01/585 34 80; www.tourismtunesia.com
Rundreisen: u.a. Dr. MaierÂ’s Studienreisen, Akademischer Reisedienst/Kompass Reisen, Ikarus Tours, Studiosus, Pineapple Tours