Hunderttausende begeistern sich jedes Jahr für Reggae, Rum, Sonne und Sex auf Jamaika. Aber nur wenige suchen auf der Antilleninsel nach deutschen Dichtern und finden ein Aussteiger-Paradies.
Schuld war der Dichter. Der Revoluzzer und antiautoritäre Herumtreiber. Der in Leben und Werk unkonventionelle Krimiautor, dessen Privatschnüffler Ruffneck die Gangster nicht in öden Betonwüsten wie Chicago oder L. A. jagt, sondern im Tropenidyll Jamaika. Schuld daran, dass man den 15-Stunden-Flug auf die Antillen auf sich nimmt, ist Paul Peter Zahl, ein gebürtiger Deutscher, der seit 1985 auf der Insel lebt und als der wichtigste jamaikanische Gegenwartsliterat gilt.
Jamaika, die Insel des Reggae, der Party- und Alkohol-Exzesse und des schnellen Sex. Aufpassen in Kingston! Aufpassen vor den Dealern mit Ganja-Rauchwaren! Vorsicht vor käuflicher Strandliebe! DoÂ’nt rent a Rasta! Vorsicht auch vor den Schlaglöchern, so riesig, dass sie ganze Autos verschlucken. Die Liste der Vorurteile über Jamaika ist lang. Was sollÂ’s, deswegen landen wir nicht kurz nach Einbruch der Dunkelheit in Montego Bay, auf Jamaikas größtem Flughafen, in Jamaikas geschäftiger Vize-Großstadt mit dem höchsten Hotelaufkommen und dem schicken Namen „MoBay“. Wir wollen sofort weiter nach Osten, entern den Mietwagen und starten eine lange Nachtfahrt entlang der Küste. Der Verkehr ist tatsächlich streckenweise chaotisch. Doch viele Kilometer lang geht es auf den neuen jamaikanischen Highways bestens voran. Und als sich kurz vor Ocho Rios der Morgennebel langsam von den Bergen hebt, zeigt Jamaika seinwahres Gesicht: das einer veritablen Schönheit. Sattgrüne Tropenwälder und Hügel, Bananenfelder, Kakao und Kaffee, am Horizont hohe Berge.
Insel der Vorurteile? Eher der Vorteile. Xaymaca, Land des Waldes und des Wassers, wurde Jamaika von den Arawak-Indianern genannt. Über die drittgrößte Insel der Karibik erstrecken sich ausgedehnte tropische Wälder und immergrüne Berghänge. Hier gibt es Flüsse und Wasserfälle, Tropfsteinhöhlen und Heilquellen. Der längste Fluss, der Black River, schlängelt sich durch Mangrovengebiet und ist Heimat vieler Krokodil- und mehr als 200 Vogelarten. Die Inselnatur hat viele und völlig konträre Gesichter: Busch- und Grasland im Süden, im Inselinneren die zerklüftete Karsthochebene „Cockpit Country“, das Land der „Maroons“ – der von den Spaniern frei gelassenen Sklaven. Im Osten erheben sich die Blue Mountains mit Gipfeln höher als 2000 Meter.
Wilde Frische. Auch das Hügelland um Ocho Rios bietet alle Farbnuancen von saftigem Grün. Ausladende Gummibäume, hoch aufragende Palmen, ein ganzer Wald voller Farne, unter einem dichten Blätterdach rauschen die Wasserkaskaden der Dunns River Falls. Auf den sanft abfallenden Hängen liegen einige formidable Hotels, ihre schönen Sandstrände liegen breit in der Auslage. Das Royal Plantation gilt als bestes Haus am Platz. In der Küche des Fünfsterne-Hauses schwingt ein gebürtiger Wiener den Kochlöffel. Chefkoch Hugo Hirn, der als Lehrbub im Zipferbräu vis- -vis vom Volkstheater werkte, brachte den Kaiserschmarrn nach Ocho Rios und machte Kalbsgulasch in dem zum englischen Plantagensitz gestylten Luxushotel salonfähig.
Kurzer Stopp beim Tourismusbüro von Ocho Rios. Mark McDermoth kennt den Weg zum deutschen Dichterfürsten. Ganz easy zu finden, nur immer weiter die Nordküste entlang nach Port Antonio. Mark freut sich: Cool, man! Da fragt jemand mal nicht nach dem maximalen Strandvergnügen. Solche Leute schickt er an die Westküste. Ganz Negril ist ein einziger Strand. Elf Kilometer Wassersport, Urlaub und Entertainment. Da wird es schwer, über den eigenen Liegestuhl hinauszuschauen. Hinüber nach Kingston zum Beispiel. Die Kulturzone. Mit der Dichte an Galerien, Kunstsammlungen und Museen kann Jamaikas Hauptstadt bald mal mit Wien mithalten. Mark muss es wissen, er hat Kulturgeschichte studiert. „Von wegen Ghettoleben. Ganz Kingston ist eine Dancehall. Hier pulsiert das ungestüme, kreative Jamaica.“ Im Takt von Mento und Ska, Reggae und Rock Steady. Klingt mitreißend, aber der Dichter ruft.
Die beiden Floßführer am White River zeigen den Weg zum Häuschen. Das „Häuschen“ entpuppt sich als riesiger Landsitz und gehört zum falschen Schriftsteller: Ian Flemming, der in der „Golden Eye“-Villa am Strand von Oracabessa alle 14 James Bond-Romane verfasste. Der nächste Versuch ein paar Kilometer weiter: auch sehr nobel, auch ein Autor, aber auch nicht der richtige: „Firefly“heißt das mondäne Anwesen des Dramatikers No«l Coward auf den Anhöhen über Port Maria, perfekt, um ein bisschen die herrliche Aussicht zu genießen bevor es weitergeht.
Vorbei am Rio Grande und an den ersten Ausläufern der Blue Mountains, auf deren weitläufigen Hochebenen der teuerste Kaffee der Welt reift. Es heißt, Louis XV. hätte 1723 die erste Arabica-Kaffeepflanze nach Jamaika geschickt. Frische Ernte auch am Straßenrand: Über klapprigen Holztischen hängen Rastafaris ab und darüber Ananas und Ackees, Mangos und Maracujas, an Wäscheleinen aufgereiht. Und Bananen, staudenweise. Port Antonio kündigt sich an. Ende des 19. Jahrhunderts war der Hafen der größte Bananenumschlagplatz der Welt.
Blue Lagoon, Fairy Hill, Boston Bay. Es riecht köstlich nach Gebratenem. Jerk! Essen auf der Straße. Wie die Wiener nach der Oper zum Würstelstand, kommen die Jamaikaner nach dem Reggae-Konzert zur Jerk-Bude. Offene Holzkohlenfeuer hinter zusammengezimmerten Bretterständen. Das Radio in einem halb verrosteten Kastenwagen beschallt den Platz mit Reggae vom Feinsten. Auf dem Griller: Hühnchen, Lamm, Schwein. Zerkleinert, flach geklopft, einen Tag lang mariniert in Öl, Chilli, Muskat, Piment, Zwiebeln und Schalotten, stundenlang auf Guavaholz gegrillt und weiter zerfitzelt. Hot Pickapeppa Sauce dazu. Und gerösteter Yams.
Was man sonst noch braucht? Seine Finger. Und vielleicht eine Serviette anschließend, um dem Dichter wenigstens eine saubere Hand anzubieten. Peter Who? Mr. Saaahl? Der Mann hinterm Grill schafft die Wegbeschreibung mit den drei gebräuchlichsten Redewendungen Jamaikas:„Cool Man, no Problem. Soon come!“ Dann doch genauer: In Long Bay einmal links, zweimal rechts, drei Häuser weiter, schon ist man da.
Das Haus ist klein und bescheiden. Peter Paul Zahl sitzt auf der Terrasse an einem Holztisch und stöpselt an einem alten Laptop herum. „Ich steige auf Computer um.“ Hinter ihm, in einem Regal im offenen Wohnraum, steht die antiquierte Schreibmaschine, auf der er mehr als 30 Romane, Theaterstücke, Hörspiele, Gedichte geschrieben hat. Aus linker Perspektive. Peter Paul Zahl steht auch mit 59 Jahren zu den Idealen der damals deutschen Neuen Linken. Das hat dem in Freiburg im Breisgau Geborenen zwar Gefängnis und Anfeindungen gebracht, aber auch deutsche Literaturpreise und den Ruf, der beste jamaikanische Autor von Gegenwartsliteratur zu sein. Während unten lang brechende Wellen an der Weite der Long Bay auslaufen und das Rauschen bis zur Terrasse heraufdringt, erinnert sich Zahl. „Meine erste Lesung hatte ich 1966 in Dortmund bei der Gruppe 61, den ersten Roman habe ich 1970 veröffentlicht und so ging das weiter, zuerst draußen, dann im Knast und jetzt hier.“
Zahl hatte sich in der Außerparlamentarischen Opposition als Verleger einer linken Zeitschrift umgetan. Einer Personenkontrolle durch das BKA versuchte sich Zahl zu entziehen, es kam dabei zu einem Schusswechsel, bei dem ein Beamter und auch er selbst verletzt wurde. „15 Jahre Haft“, sagt er, „zehn saß ich ab, teilweise in verschärfter Einzelhaft.“ Nach Jamaika kam er in den frühen Achtzigern über den Umweg Grenada, wo er nach der US-Invasion zur Persona non grata wurde. „Nächste Station waren die Seychellen. „Schöne Strände, feines Wetter, nette Leute und eine nette Revolution per Telefon. Die kabelten ihrem Regierungschef einfach nach London hinterher: ,Den Rolls Royce kannst Du behalten, aber bleib, wo du bist!"
Zahl reiste über Nicaragua nach Jamaika. Heute ist der Breisgauer so etwas wie der Don Leon von Jamaika. Sein Commissario Brunetti heißt Ruffneck, ist tiefschwarz und der Held der auf der Insel angesiedelten 14-bändigen Romanserie. Ein Held, der von Monogamie wenig hält. „Alles andere wäre auf Jamaika nicht lebensnah“, sagt Zahl. „Missionarische Attitüden kannst du hier vergessen.“
Nach 400 Jahren Kolonialgeschichte sind die 2,5 Millionen Jamaikaner heute stolz auf ihre Unabhängigkeit. Einer davon heißt Paul Peter Zahl. „Mit einer Insel ist es ein bisschen wie mit der Liebe. Wenn die Richtige kommt, weißt duÂ’s.“