Um des Friedens willen

Josef Muzak, Lederwaren-Vertreter in Wien, war Mitbegründer der überparteilichen Österreichischen Freiheitsbewegung, die gegen den Naziterror und für ein unabhängiges Österreich kämpfte.
Seit April 1945 fehlt von Muzak jede Spur. - Eine Geschichte, die abgeschlossen ist?

Am 18. April des Vorjahres schrieb eine Frau namens Vera Frömel einen Brief an die Wohnungseigentümer und Mieter des Hauses Neustiftgasse 92, im siebten Wiener Gemeindebezirk. "Sehr geehrte Damen und Herren", schrieb sie. "An der Stelle, wo dieses Haus errichtet wurde, befand sich in den Kriegsjahren 1939/45 im Erdgeschoß das Büro meines Vaters Josef Muzak, der als Vertreter in der Lederwarenbranche tätig war. Dort trafen sich Mitglieder der Österreichischen Freiheitsbewegung (ÖF), die mein Vater mitbegründet hatte - eine überparteiliche Organisation, die gegen den Naziterror und für ein freies, unabhängiges Österreich kämpfte und die Bevölkerung in diesem Sinn zu beeinflussen versuchte."

Vera hat ihren Vater vor 59 Jahren zum letzten Mal gesehen. Im September 1944 war sie, auf sein Drängen hin, gemeinsam mit ihrer Mutter aus Wien nach Altaussee gefahren, zum Jahreswechsel hatte er sie dort besucht, auf dem Hof ihres Großonkels, am 4. Jänner war er nach Wien zurückgekehrt. Ein paar Briefe wurden noch gewechselt, dann erreichte sie, in den Wirren der letzten Kriegstage, keine Nachricht mehr. Sobald sich eine Gelegenheit bot, fuhr Vera nach Wien, suchte ihren Vater, fand ihn nicht. Es hieß, er sei am 8., 11. oder 12. April 1945 auf dem Weg von Ober-Kühberg nach Laaben, im westlichen Wienerwald, einer SS-Streife in die Hände gefallen.

Josef Muzak, Jahrgang 1892, war der Sohn des Ehepaares Anton Muzak und Ottilie Heuer. Der Vater, Tscheche, arbeitete als Koch auf Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie, später in Hotels und Restaurants. Zuletzt war er Küchenchef im Offizierskasino der Kaserne Leitmeritz. Josef und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Rudolf besuchten die Volksschule in Prag, nach dem frühen Tod des Vaters übersiedelte die Familie nach Wien, wo Josef unter manchen Entbehrungen das Lehrerseminar absolvierte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er als Einjährig-Freiwilliger einberufen. Schon im Oktober 1914 geriet er in russische Gefangenschaft.

Eins der wenigen Erinnerungsstücke, die Vera von ihrem Vater geblieben sind, ist ein umfangreiches Typoskript, in dem Josef Muzak seine Erlebnisse in Russland, großteils in Sibirien, festgehalten hat. Es ist die minutiöse Chronik von Gefangenschaft und Revolution, mehr noch eine schwärmerische Darstellung des russischen Menschen, der ihm als großzügig und selbstlos, frei von nationalem Dünkel, frei auch vom Diktat der Zeit erschienen war. "Sechs Jahre lebte ich dort: und sie brachten so viel Freude, so viel Leid, so viel Wissen über Mensch und Menschlichkeit, so viel Achtung vor dem Proletarier, so viel Abscheu vor der Civilisation und Intelligenz, so viel Liebe zum russischen Weibe, dass aller Rest des Lebens arm war und arm sein wird. Nimm die sechs Jahre aus meinem Leben und eine Bildungslüge bleibt zurück."

Muzak heiratete noch in der Sowjetunion. Von seiner ersten Frau Genia weiß Vera kaum mehr, als dass sie glühende Kommunistin war, Russin jüdischer Herkunft und ihrem Mann nur bis zur Schulter oder Brust reichte: Irgendwann, irgendwo soll ein Passant sich über das ungleiche Paar lustig gemacht haben, was ein gebrochenes Nasenbein zur Folge hatte. Die Ehe hielt fünf oder sechs Jahre, dann lernte Veras Vater Juliana Mikulka kennen, Röntgenschwester, die aus Ischl stammte. 1927 wurde geheiratet, noch vor der Trauung kam Vera zur Welt. Ihre ersten plastischen Erinnerungen verbinden sich mit den Februarkämpfen 1934: schwere Artillerie auf der Lassallestraße, die den Goethehof jenseits der Donau unter Beschuss nimmt; eine MG-Stellung des Bundesheeres auf dem Kirchturm am heutigen Mexikoplatz; Soldaten, die auf der Straße patrouillieren und ihre Gewehrläufe auf die Fenster richten. Dann Hausdurchsuchung, in allen Wohnungen. Heimlich schafften Vera und ihre Mutter politisch belastende Literatur aus der Wohnung in der Ybbsstraße 42 und legten sie in Telefonzellen weg. Andere Bücher, von denen sie sich nicht trennen wollten, wurden von einem Freund Josef Muzaks neu gebunden und mit unverfänglichen Titeln versehen, darunter "Nacht über Rußland" von Veras Lieblingsautorin Vera Figner und John Reeds "Zehn Tage, die die Welt erschütterten".

Nach seiner Rückkehr 1920 hatte Josef Muzak vergeblich versucht, eine Anstellung als Lehrer zu finden. Da sein Bruder ein Unternehmen gegründet hatte, das Hosenträger herstellte, begann er für ihn als Vertreter zu arbeiten. Er weitete diese Tätigkeit bald aus, kümmerte sich aber vordringlich um die Erziehung seiner Tochter. "Mein Vater hat sich ungeheuer viel beschäftigt mit mir. Wenn er Zeit hatte, auch unter der Woche." An Veras Gitterbett und am Kinderwagen hatte er ein Pappschild angebracht, "Bitte rühr mich nicht an", aus hygienischen Gründen, weil die Leute nichts daran fanden, mit schmutzigen Händen oder Handschuhen Kinderwangen zu tätscheln. Mit der Mutter, die auf Wunsch des Vaters nicht wieder arbeiten ging, machte Vera jeden Tag einen Spaziergang, der frischen Luft wegen, am Sonntag unternahmen sie zu dritt oder in Gesellschaft Ausflüge in die Lobau - im Wienerwald war Josef Muzak zu viel Bourgeoisie unterwegs -, oder ihr Vater zeigte ihr die Bauten und Museen der Innenstadt. Veras erstes Buch hieß: "Das Tier in der Kunst". Märchen durften ihr nicht erzählt werden, ihres grausamen Gehalts wegen, vom Christkind hörte sie erst in der Schule reden. Die Sommermonate verbrachte Familie Muzak in einem Zelt auf der Donauwiese, beim Stürzlwasser. Dort wurde auch musiziert, Josef Muzak spielte Mandoline, ein Freund von ihm, aus der Zeit in Kriegsgefangenschaft, sang schwermütige russische Lieder. Dazwischen, oder danach, lange Gespräche der Erwachsenen, noch im Halbschlaf hörte Vera die Stimme ihres Vaters, es ging um Kunst und Politik, Natur und Gesundheit, das Erstarren der Revolution, die Aufgaben des neuen Menschen.

Ende der Zwanzigerjahre hatte Josef Muzak an einem Atheistenkongress in Moskau teilgenommen, dabei Gefährten von früher getroffen, sich umgesehen und umgehört, Trotzkis Entmachtung im Staat und in der Partei stimmte ihn nicht zuversichtlich. Aus der kleinen, von Fraktionskämpfen erschütterten KPÖ war er kurz zuvor ausgeschlossen worden.

Denkbar, dass Josef Muzak schon zwischen 1934 und 1938 im Widerstand arbeitete, jedenfalls sammelte er Geld für die Hinterbliebenen gefallener Februarkämpfer, einmal im Jahr legten Vera und seine Frau Blumen aufs Grab des Schutzbundführers Karl Münichreiter, der von der Bahre weg unter das Schafott gezerrt worden war. Aber der Hass machte Muzak nicht blind gegenüber dem größeren Feind. Ende Februar, Anfang März 1938 war er unermüdlich unterwegs, um seine Bekannten von der Notwendigkeit zu überzeugen, bei der von Schuschnigg angesetzten Volksabstimmung für Österreich zu stimmen. Umgekehrt, ei- nen Monat später - als Hitler sich den "Anschluss" bestätigen ließ - beschwor er sie, die Wahl nicht zu boykottieren; ihm war klar, dass sie am Ergebnis nichts ändern, bloß die Nazis auf sich aufmerksam machen würden. Schuschniggs Abschiedsrede, am 11. März, hörten sie im Radio, bei der Nachbarfamilie Schindler, überzeugten Sozialdemokraten. Auch eine dritte Hauspartei war dabei, das Ehepaar Urban, schwarz bis auf die Knochen, die Frau war nach der Rede in Tränen aufgelöst. Tags darauf hängte ihr Mann, Kunstmaler von Beruf, die Hakenkreuzfahne aus dem Fenster.

Josef Muzak blieb unter den neuen Machthabern unbehelligt. Als Vertreter, nun für reichsdeutsche Firmen, die auf den neuen Markt drängten, kam er viel herum, fand Gleichgesinnte, schuf Verbindungen bis hinein in Wehrmachtskreise, zu Polizeioffizieren und hohen kirchlichen Würdenträgern. Vera ahnte, dass es darum ging, jüdische Verfolgte ins Ausland zu bringen, später, Deserteure mit gefälschten Papieren auszustatten. Einmal nahm er seine Tochter mit in die Lobau, Görings Jagdrevier inzwischen, zog eine Pistole aus der Tasche, brachte ihr bei, wie sie zu handhaben sei. Ein Freund, Radiotechniker, besorgte ihnen einen leistungsstarken Empfänger, mit dem sie, um acht und zehn Uhr abends, den Londoner Rundfunk hörten. Am besten gefielen Vera die Briefe des Gefreiten Hirnschall an sein geliebtes Weib Amalie. "Hier und da haben wir auch Radio Moskau reingekriegt." Man wusste, wer im Haus ein Nazi war (der Luftschutzwart zum Beispiel), und verhielt sich entsprechend. "Das Gefühl von Gefahr war eigentlich immer da. So hat man gelebt."

Der Vater war für Vera viel wichtiger als die Mutter. Erstens, Josef Muzak war geduldig. Zweitens, er war empfindsam. Drittens, sie hatten die gleichen Interessen. Viertens, er schlug sie nicht (nur einmal setzte es eine Ohrfeige, als Vera zum dritten Mal das Radio einschaltete, um den Heldentenor Max Lorenz zu hören, in einer Übertragung aus Bayreuth, und Josef Muzak hasste Wagnermusik). Die Mutter war hart. Vera bekam von ihr oft eine Ohrfeige, weil sie schlampig war oder frech, und sie zuckte zusammen, wenn ihr die Mutter nur zu nahe kam, und dann sagte die Mutter: Aha, du hast ein schlechtes Gewissen. (Josef Muzak dagegen schämte sich lange vor seiner Tochter, wegen der Sache mit der Opernübertragung.) Die Mutter war auch schrecklich eifersüchtig, mit und ohne Grund. Oft war von Scheidung die Rede. Die Vorstellung, dass sich ihre Eltern trennten, war Vera nicht unangenehm. Dann wollte sie beim Vater bleiben.

Die Wohnung in der Ybbsstraße lag im fünften Stock, im Fall einer Razzia gab es also kein Entkommen. Deshalb übernachtete Josef Muzak in den letzten Jahren nicht mehr zu Hause, sondern in seinem Büro in der Neustiftgasse, das drei getrennte Ausgänge hatte. Dort, in einer Nische hinter einem großen Warenschrank, soll er, dem 1946 publizierten Tätigkeitsbericht der ÖF zufolge, einen Vervielfältigungsapparat, Papiervorräte, Waffen und Munition versteckt haben. In diesem Bericht steht, dass die Freiheitsbewegung ab April 1944 elf Nummern ihres Mitteilungsblattes hergestellt und verschickt oder an zugänglichen Orten abgelegt hat. Vera erinnert sich, dass eine Bekannte ihrer Mutter stolz war, weil sie ein Exemplar erhalten hatte. Zwei Streuzettel der ÖF mit der Raute, ihrem Symbol, und den Losungen: "Wir kämpfen vereint, Wir schlagen vereint, Wir haben alle nur einen Feind: Hitler!" und "Kämpfet mit uns für Frieden, für Freiheit, für Österreich!", sind erhalten geblieben.

Es ist unklar, wieso Josef Muzak Wien in den letzten Kriegstagen verlassen hat. Sein Freund Ludwig Roth sprach von einer Kurzschlusshandlung, angeblich befürchtete Muzak eine längere Belagerung der Stadt. Auch wollte er Unterlagen der ÖF mit einer Liste "blutschuldiger" Handlanger des NS-Regimes der Roten Armee übergeben. Als
er von der SS festgenommen wurde, war Muzak in Begleitung des Volksschullehrers Eduard Korbel, mit dem er am Lehrerseminar studiert hatte. Korbel hatte im Februar 1934 als Kreisführer des Schutzbundes seine Leute verraten. Das war Muzak bekannt. Er wusste nicht, dass Korbel auch als Spitzel der Gestapo gearbeitet hatte. Jedenfalls wurde dieser, nach eigener Aussage, bei Mauer-Öhling freigelassen. Josef Muzak, so berichtete er, habe vor der Ortschaft Mank einen Fluchtversuch unternommen. In St. Leonhard am Forst habe er ihn noch einmal gesehen. "Ab diesem Zeitpunkt", schrieb Vera Frömel in ihrem Brief an die Bewohner des Hauses Neustiftgasse 92, "fehlt von mei-nem Vater jede Spur. Auch seine sterblichen Überreste wurden nie gefunden."

Außer ihr erinnert sich niemand mehr an Josef Muzak. Seine Frau, seine Freunde und Genossen sind seit langem tot. Aber in Träumen erscheint er seiner Tochter heute noch. Oder sie schaut sich einen Film über die Nazizeit an, und es kommen ihr die Tränen. Sie hat sich gezwungen, in die Ausstellung über den österreichischen Widerstand im Alten Rathaus zu gehen, aber jedesmal hat sie den Saal fluchtartig verlassen müssen. Einerseits macht sie sich Vorwürfe, dass sie jahrzehntelang nicht nach Spuren ihres Vaters gesucht hat, andererseits weiß sie, es war seelisch nicht zu verkraften. Da war die Angst, herauszufinden, was wirklich geschehen ist: "Solange man nichts Genaues weiß, gibt's immer noch einen Zipfel Hoffnung." Eine Freundin von ihr, eine Psychologin, sagt: Bis man nicht von jemand Abschied nehmen kann, ist eine Geschichte nicht abgeschlossen. Es muss einen Fixpunkt geben.

Vera glaubt nicht an ein Jenseits, ein Weiterleben nach dem Tod, aber sie ist immer gern auf Friedhöfe gegangen. In Altaussee zum Grab des Schriftstellers Jakob Wassermann, oder zu dem ihrer Freundin Frieda Pontesegger, die als junges Mädchen sterben musste, an Blinddarmdurchbruch, weil die Lagerleiterin im Arbeitsdienst keinen Arzt holen ließ. Vera würde auch gern zum Grab ihres Vaters gehen, um abschließen
zu können. Aber es gibt kein Grab. "Ich bit-te Sie deshalb um die Erlaubnis, an der Fassade des Hauses Neustiftgasse 92 eine Tafel mit folgender Inschrift anbringen zu dürfen . . ."

Mit ihrem Ansuchen hatte sie sich zuerst an die Firma gewandt, die den Neubau an der Stelle des alten Hauses errichtet hatte. Die erklärte sich für nicht zuständig, alle Wohnungen seien im Eigentum vergeben worden. Daraufhin steckte Vera ihr Bittschreiben an jede Tür. 25 Hausparteien, knapp die Hälfte, haben positiv reagiert. Zu wenige. Drei Antworten hat sie sich aufgehoben. Erstens: "Es ist uns ein besonderes Anliegen, Ihnen unseren Respekt Ihrem Vater gegenüber zu vermitteln." Zweitens: "Mit großer Wehmut und Hochachtung habe ich Ihren Brief gelesen. Eine Tafel wäre für mich eine besondere Auszeichnung für jene, von denen man nichts weiß, denen nie gedankt wurde." Drittens: "Ich denke, es ist besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Um des Friedens willen."

Trotzdem gibt es seit gestern, Freitag, eine Gedenktafel für Josef Muzak. Sie steht auf öffentlichem Grund, auf dem Gehsteig vor dem Haus. Die Bezirksvertretung Neubau hatte Veras Initiative unterstützt. Jetzt wä-re darüber nachzudenken, ob eine Tafel mehr ist oder weniger als ein Grab. Ob sie den Toten hilft oder den Lebenden. Und wie dieser Satz zu verstehen ist: "Um des Friedens willen." [*]

Jahrgang 1954, in Steyr geboren. Schriftsteller und Übersetzer. Lebt in Wien. Zuletzt Koautor des soeben im Verlag der Theodor-Kramer-Gesellschaft von Hans Landauer herausgegebenen "Lexikons der österreichischen Spanienkämpfer 1936-1939".

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