Kontinent mit sieben Müttern

Von der Schengen-Grenze zur Schergen-Grenze? Grenzüberschreitende Nachrichten aus dem alten und neuen Europa.

Es gab Zeiten, in denen ich, wenn ich von Wien aus in den Süden oder in den Westen fahren wollte, außer den Staatsgrenzen noch eine andere Grenze passieren musste, die kreuz und quer durch Österreich verlief. Das war die sogenannte Demarkationslinie, die verschiedene Zonen der vier Besatzungsmächte voneinander trennte. Diese Einrichtung bestand nur zehn Jahre lang, für die Geschichte nur einen winzigen Bruchteil eines Wimpernschlags, doch die Menschen, die sie erleiden mussten, wurden dadurch für ihr Leben geprägt.

Wenn zum Beispiel der Zug in den Süden am Semmering hält, sehe ich immer eine ganze Schar schwer bewaffneter Sowjetsoldaten aus dem Nebel auftauchen und in die Waggons einsteigen, die sie sorgfältig durchkämmen, wobei sie auch unter den Bänken stöbern, auf der Suche nach echten oder vermeintlichen Feinden, die sie, wenn sie ihrer habhaft werden, nach Sibirien verfrachten, von wo sie dann erst nach vielen Jahren oder überhaupt nicht mehr zurückkehren. Man kann es sich leicht vorstellen, wie es mir, immer wenn ich diese Grenze passierte, zumute war, in der Gewissheit, dass sie in mir einen Feind sahen. Der Kalte Krieg näherte sich in den Jahren 1948, 1949 seinem Höhepunkt. Tito war von der Sowjetunion abgefallen und vom Kominform zum Kettenhund des Imperialismus gestempelt, so dass ein in Budapest geborener Serbe und ehemaliges Mitglied der kommunistischen Partei Jugoslawiens in den Augen der Anhänger und Trabanten Stalins nur ein Erzfeind sein konnte.

Deshalb reiste ich mit einer falschen Identitätskarte herum, die auf den Namen Mathias Dietz lautete, eines am selben Tag wie ich, aber in Wien geborenen Sportjournalisten, die mir meine französischen Freunde aus dem Informationsbüro verschafft hatten, damit ich nach Paris fahren konnte. Ich habe diesen Ausweis mit meinem jugendlichen Foto unter all meinen wichtigen oder überflüssigen Papieren aufbewahrt. Wer weiß, welche Zeiten noch auf uns zukommen? Vielleicht wird er mir noch einmal unschätzbare Dienste erweisen.

Abgesehen von den berufsmäßig misstrauischen Blicken der Staatsgrenzenhüter, mit denen sie mich, den ewig Fremden, beäugten, gab es auch einige skurrile Erlebnisse, die ich nicht vergessen werde. Bei einer meiner ersten Reisen nach Deutschland, die ich mit einem Visum für Staatenlose unternahm, nötigte mich der Zollbeamte in Salzburg, mich komplett auszuziehen, weil er mir nicht glauben wollte, dass ich nur zwei D-Mark in der Tasche hatte, ein Geschenk des armen Franz Theodor Csokor, damit ich, wenn ich in München ankomme, Erich Kästner anrufen könne, an den er einen Brief geschrieben hatte, mit der Bitte, mir zu helfen. Den Zollbeamten ließen die Namen Csokor und Kästner völlig kalt. Er war besessen auf der Suche nach in den Nähten meines Sakkos und in meinen Schuhen verborgenen Goldstücken und ließ mich schließlich verdrossen ziehen. Ich sehe mich noch immer in der Unterhose und vor Kälte zitternd da stehen, seinen zornigen Blicken ausgesetzt, weil sein Verdacht sich nicht bestätigt hatte.

In den siebziger Jahren flog ich einmal, um Geld zu sparen, nach Berlin, und zwar direkt über Berlin-Ost, damals Hauptstadt der DDR. Nach der Landung bestieg ich einen Autobus, der mich nach Westberlin brachte. Auf der Rückreise musste ich, dem Autobus aus Westberlin entstiegen, aus mir unverständlichen Gründen, ich war doch nur eine Art Transitpassagier, den DDR-Zoll passieren. Der Zollbeamte öffnete meine Aktentasche und stieß darin auf ein dickes Romanmanuskript. Er wollte wissen, worum es sich dabei handle, und war drauf und dran, das Manuskript als feindliche Schrift zu beschlagnahmen, doch ein älterer Kollege hinderte ihn daran und ersparte uns damit einen langwierigen Streit. Man kann also verstehen, dass ich seit je alle Grenzen samt ihren Hütern zum Teufel wünsche.

Mein tiefes Misstrauen allen Grenzen und den damit verbundenen staatlichen Einrichtungen gegenüber beruht nicht nur auf meinen eigenen, sondern auch auf den reichlichen Erfahrungen meiner Vorfahren, die sich seit Urzeiten damit herumschlagen mussten, ohne jemals eine klare Antwort zu bekommen, wozu diese ganzen Geschichten mit den Grenzpfählen und den im Wind flatternden Fahnen gut sein sollten.

Da ich nicht zum Uradel gehöre, kann ich meinen Stammbaum nicht sehr weit zurück verfolgen. Da bin ich eher auf Vermutungen angewiesen. Ich vermute also, dass meine Vorfahren nicht den Grenzziehern zuzurechnen sind, sondern eher zum Fußvolk zählten, das man willkürlich hin und her schob, auf mehr oder weniger grausame Weise ums Leben brachte oder gefangen nahm und es zur Zwangsarbeit verdonnerte. Ich nehme an, dass sie irgendwann und von irgendwo her auf die Balkanhalbinsel geraten waren und dort unter wechselnden Herrschaften ihr karges Brot verdienten. Gut 500 Jahre lang waren die Türken die Herrschaften, an die man Tribut zahlen musste.

So lebten sie innerhalb der weit ausgedehnten Grenzen des Osmanischen Reichs, bis es den österreichischen Truppen, die einen immer wieder entflammenden Krieg gegen das türkische Heer führten, einmal gelang, tief in den Süden der Balkanhalbinsel vorzudringen. Meine Vorfahren begrüßten sie als Befreier und schlossen sich ihnen an. Als der Feldzug schließlich scheiterte, zogen sie sich zusammen mit dem österreichischen Heer und ihren Familien in das Gebiet nördlich der Save und der Donau zurück, die eine natürliche Grenze bildeten.

Diese geflüchteten Menschen, die sich für Serben hielten, bekamen von den österreichischen Behörden Land zugewiesen, mit der Verpflichtung, die Grenzen des Reichs gegen die anstürmenden Osmanen zu verteidigen. So wurden sie Bewohner der sogenannten Militärgrenze. In der Folge zeigte es sich jedoch, dass man von ihnen nicht nur erwartete, diese Grenze zu schützen, die sozusagen durch ihr Haus verlief, sondern auch an den weit entfernten Grenzen des Reichs für Kaiser und Krone zu kämpfen, so zum Beispiel im Erbfolgekrieg am Rhein gegen die Franzosen und Preußen, um sich so das Heimatrecht zu verdienen.

Doch diese Heimat gehörte nicht ihnen allein. Maria Theresia siedelte dort auch die Schwaben, Slowaken und Ruthenen an, so dass sie zusammen mit den dort schon ansässigen Ungarn und Rumänen sowie den zugewanderten Serben ein buntes Völkergemisch ergaben. Hinzu kamen noch Bulgaren, Griechen und Juden auf der Suche nach einer dauerhaften Bleibe.

In diesem zugrunde gegangenen Reich ohne Grenzen war mein Vater aufgewachsen. Das positive Erbe dieser verschwundenen Zeit war bei ihm die Beherrschung der meisten Sprachen, die zwischen Triest und Krakau gesprochen wurden. Er war kein Linguist, sondern Arzt, sprach aber außer seiner Muttersprache fließend Deutsch, Ungarisch, Rumänisch, Polnisch und Italienisch, um sich, wie er selbst sagte, mit seinen Patienten jeweils in ihrer eigenen Sprache unterhalten zu können.

Nach dem Krieg lernte ich in Wien eine Reihe österreichischer Autoren kennen, die in der Mehrsprachigkeit der k. u. k. Monarchie aufgewachsen waren und mit größter Selbstverständlichkeit Menschen begegneten, die aus dem einst großen Raum kamen. Franz Theodor Csokor, Alexander Lernet-Holenia, Heimito von Doderer und Alexander Sacher-Masoch gehörten zur Generation meines Vaters oder waren, wie Friedrich Torberg und Hans Weigel, nur ein paar Jahre jünger. Für sie war es ganz natürlich, dass ich in Wien lebte. Das Zusammengehörigkeitsgefühl dauerte noch lange nach dem Zerfall der Monarchie, getragen von der Generation, deren Wurzeln noch weit zurückreichten.

Es ist interessant festzustellen, dass dieses Gefühl der nahen Verwandtschaft gerade in unserer Zeit verloren gegangen ist, in der man darangeht, ein vereintes Europa ohne Grenzen zu schaffen. Statt in größeren Zusammenhängen zu denken, sind wir eine armselige Provinz geworden. Wie ist es sonst zu verstehen, dass eine junge Mitarbeiterin des ORF mich unlängst in einem Interview gefragt hat, was ich dazu, ich weiß nicht mehr wozu, sage, wo ich doch aus einer anderen Kultur komme. Diese Frage hat mich richtig erschüttert, so, dass sich die junge Interviewerin beeilte, sich zu entschuldigen. Ich war erschüttert über so viel Unkenntnis und Oberflächlichkeit der jungen Menschen hierzulande im Umgang mit der europäischen Vergangenheit. Noch nie wurde so viel über Europa geredet wie heute und zugleich noch nie so wenig darüber, was uns Europäer wirklich zu Europäern macht - die europäische Kultur, die meiner Ansicht nach bei allen Variationen eine geschlossene Einheit bildet.

Ohne Griechenland gäbe es die europäische Kultur nicht, doch das antike Hellas gäbe es nicht ohne den Nahen Osten, aus dem uns die Schrift und die monotheistische Religion überliefert wurden. Da die Grenzen zumindest für geistige Waren höchst durchlässig waren, wanderten die gesprochenen und niedergeschriebenen Ideen durch ganz Europa, wobei jeder Empfänger auch etwas dazu gab. So gehören alle europäischen geistigen und kulturellen Errungenschaften wie der Humanismus, die Renaissance und das Zeitalter der Aufklärung uns allen. Dazu haben italienische Maler, englische und deutsche Philosophen, französische Aufklärer und russische Dichter ihr Scherflein beigesteuert. So kann man ruhig sagen, dass keine nationale Kultur innerhalb Europas auf dem eigenen Mist gewachsen ist. Was immer man den heutigen Schülern beizubringen versucht, ist, fürchte ich, viel zu wenig, um aus ihnen wahre Europäer zu machen.

Ich weiß, dass ein echter Zusammen-schluss Europas nicht von heute auf morgen erfolgen kann, zumal die Anstrengungen oft in eine ganz andere Richtung gehen. Die dafür politisch Verantwortlichen tun viel zu wenig zur Überwindung der mehr oder weniger künstlichen nationalen Grenzen, die uns das 19. und das 20. Jahrhundert beschert haben.

Auch die Grenzen der Europäischen Union sind immer noch Grenzen. Es ist zu befürchten, dass die sogenannten Schengen-Grenzen sich zu Schergen-Grenzen entwickeln, die von Militär und Bluthunden verteidigt werden, damit ja kein unbefugter Europäer jenseits dieser Grenzen das vermeintliche Paradies heimsuchen kann.

Eine erfreuliche Nachricht für uns träumende Mitteleuropäer, die sich in ganz Europa zu Hause fühlen. Eine Gruppe englischer Gen-Forscher hat nach ausführlichen Untersuchungen und Vergleichen der Gene aller europäischer Völker von Nordirland bis zum Kaukasus und vom Nordkap bis zum Peloponnes festgestellt, dass alle Europäer von sieben Müttern abstammen, die vor langer Zeit, aus Nordafrika kommend, den europäischen Boden, der noch keine Grenzen hatte, betreten haben. Seither träume ich von einem schönen, groß gewachsenen Mädchen mit dunkler Haut, das in Europa zu meiner Urmutter geworden ist. [*]

1923 in Budapest geboren. Schriftsteller, Journalist, Übersetzer. Veröffentlichte zuletzt im Picus Verlag, Wien, seine "Positionen eines kämpferischen Humanisten". Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Österreichischer Staatspreis für Literatur.

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