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Der Staat aus Stahl

An den krisenhaften Bruchstellen der jüngeren österreichischen Geschichte trifft man immer wieder auf die VOEST-Alpine. Mythos VOEST: eine historische Bestandsaufnahme.

Wir sind Voesterreicher!" Zu Sachertorte, Grünem Veltliner und Mozartkugeln gesellt sich das Eisen. Im Nationalbewusstsein der Österreicher rangiert einer Umfrage aus den Neunzigerjahren zufolge der Stolz auf die Eisenindustrie ganz weit vorn, gleich hinter dem Vertrauen auf die hochwertigen Nahrungsmittel und vor der Trachtenmodenerzeugung und der Skiproduktion. So darf es nicht verwundern, dass kein Eigentümerwechsel der jüngeren österreichischen Wirtschaftsgeschichte ähnlich heftige Reaktionen herbeigeführt hat wie die geplante Vollprivatisierung der VOEST-Alpine Stahl AG: nicht der Verkauf der staatlichen Austria Tabak, die von älteren Semestern bisweilen noch nostalgisch als Tabakregie bezeichnet wird, an einen englischen Konzern; nicht die spektakuläre Übertragung des Großteils der österreichischen Bierproduktion an einen niederländischen Braumulti; ja, nicht einmal der Verkauf der Bank Austria, die jetzt zusammen mit ihren Industriebeteiligungen das Schmuckstück einer sonst nicht gerade vom wirtschaftlichen Erfolg verwöhnten ausländischen Bank darstellt. - Es gibt gute Gründe für das hohe Ansehen der Eisenindustrie als sozusagen österreichische Kernkompetenz, historische, ökonomische und politische Gründe: die lange Tradition seit dem Mittelalter; der nicht unbeträchtliche Anteil am Sozialprodukt und am Exporterfolg; die prominenten Innovationen vom LD-Verfahren und Stranggießen bis zur Corex-Technik; und schließlich die vielen symbolischen Bezugssysteme in Hymnen und sonstiger nationaler Begleitmusik. Man könnte natürlich einwenden, dass es sich beim LD-Verfahren eigentlich um eine schweizerische Erfindung handelt, deren Bedeutung von der VOEST als Erster erkannt und zur Produktionsreife geführt wurde, dass die VOEST als Flaggschiff der Verstaatlichten Industrie, die bei nahezu keinem Staatsbesuch fehlen durfte, in ihrem Ursprung als Hermann-Göring-Werke gar nicht so österreichisch war und dass die Alpine Montangesellschaft und ihre Vorgängerbetriebe eine sehr wechselvolle Eigentümergeschichte zwischen österreichisch und ausländisch, staatlich und privat zu verzeichnen hatten.

Die österreichische Eisenproduktion hatte um 1500 einen europäischen Marktanteil von etwa 16 Prozent, um 1550 wohl sogar deutlich mehr als 20 Prozent. Im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte der dramatische Positionsverlust. Aber mehrmals gelang die Rettung und Sanierung. Zwar liegt Österreichs Anteil an der Welteisenproduktion nur mehr bei einem halben Prozent. Aber für Österreichs Wirtschaft ist Eisen eine zentrale Branche geblieben, nicht nur mengenmäßig. In den Fünfzigerjahren lag der Anteil von Eisen und Stahl am gesamten Exportvolumen bei etwa 20 Prozent, in der Zwischenkriegszeit bei etwa zehn Prozent. Die VOEST-Alpine bestreitet etwa vier Prozent des österreichischen Exportvolumens.

"Land der Hämmer, zukunftsreich" lautet eine der zentralen Passagen der österreichischen Bundeshymne, in dem von Paula von Preradovic stammenden, nach dem Zweiten Weltkrieg aus einem Wettbewerb siegreich hervorgegangenen Text. Dasselbe Motiv beherrschte auch die Anfangszeilen der von Staatskanzler Karl Renner 1920 zu einer Melodie von Wilhelm Kienzl getexteten und nie offiziell gewordenen Hymne der Ersten Republik: "Hoch von der Alm, unterm Gletscherdom / Stürzen die Wasser zum Donaustrom / Tränken im Hochland Hirten und Lämmer / Treiben am Absturz Mühlen und Hämmer / Grüßen viel Dörfer, viel Städte und zieh'n / Jauchzend zum Ziel, unser'm einzigen Wien!" Auch der von Jakob Franz Dirnböck stammende Text der 1844 uraufgeführten steirischen Landeshymne "Hoch vom Dachstein an . . ." verweist auf das Eisen: "Wo durch Kohlenglut / Und des Hammers Kraft / Starker Hände Fleiß das Eisen zeugt, / Wo noch Eichen steh'n, / Voll und grün von Saft, / Die kein Sturmwind je noch hat gebeugt: / Dieses schöne Land / Ist der Steirer Land, / Ist mein liebes, theures Heimatland." Und der Text einer der populärsten Melodien Österreichs, des Erzherzog-Johann-Jod- lers des Ennstaler Heimatdichters Anton Schosser, verweist auf das Eisen: "Wer die Gegend kennt, wo man 's Eisen z'rennt, wo die Enns daherrauscht durch das Tal . . ."

Der steirische Erzberg ist zweifellos das prominenteste Industriesymbol und Industriedenkmal Österreichs. Als der "eiserne Brotlaib" Österreichs gehörte er zum unverzichtbaren Repertoire von Politikerreden nicht nur der Zweiten Republik. Bereits in einem landesfürstlichen Patent aus dem Jahr 1544 wurde er als "weitberühmte Gottesgab" gepriesen, "so an Stahel und Güte des Eisens all andere Eisenbergwerk hoch übertrifft". Der Sage nach ließ der gefangene Wassermann die Eisenerzer wählen: "Ein goldner Fuß: / Doch Gold bald schwinden muss! - / Ein silbernes Herz: / Die Zeit verzehrt's! / Ein eiserner Hut / hält lang und gut! / Drum wählet klug, / so habt ihr g'nug!" Die Eisenerzer wählten klug: Aber ewig hielt auch dieser Hut nicht.

Am 9. November 1712 wurde das Tausend-Jahr-Jubiläum der Entdeckung des Erzbergs mit allem barocken Prunk gefeiert, auch wenn die Geschichte von der "Auffindung" des steirischen Erzbergs im Jahr 712 n. Chr. eine reine "Erfindung" war. Eine von dem Admonter Benediktinerpater Ambrosius Dietmayr gehaltene Festpredigt, die 1713 auch in Druck gelegt wurde, rühmte in mehr als hundert Exempeln die tausendjährige Tradition des Erzbergs als besonderes Beispiel göttlicher Gnade.

Immer wieder wurde der steirische Erzberg gezeichnet, gemalt, fotografiert, gefilmt und natürlich beschrieben, als großartigster Eisensteinbau Europas, als grandioses Technik- und Naturschauspiel, als heroisches Monument der österreichischen Identität. Anlässlich der Einweihung des von Erzherzog Johann gestifteten Erzbergkreuzes am 3. Juli 1823 malte Matthäus Loder den damals noch weitgehend bewaldeten Berg. Übermächtig wie eine Pyrami-de dominiert er die Masse der Festgäste, die sich im Fahnenmeer des steirischen Weiß-Grün, kirchlichen Weiß-Gelb und kaiserlichen Schwarz-Gelb versammelten. Am berühmtesten sind wohl Herbert Boeckls zwischen 1943 und 1948 entstandene Erzbergbilder, in denen er mit der charakteristischen Pyramiden- oder Kegelform experimentiert und sie immer wieder in neue Farben zu tauchen versucht hat.

Zwischen 1880 und 1910 erhielt der Erzberg mit der Einführung des Tagbaus und der Errichtung der Abbau-Etagen sein bis heute charakteristisches Aussehen: 1912 drehte der österreichische Filmpionier Sascha Kolowrat hier den ersten Dokumentarfilm Österreichs: "A day on an Austrian iron mine". Die 1927 ausgegebene Fünf-Schilling-Banknote (bis 1936 im Umlauf), nach einem Entwurf von Rudolf Junk, zeigte den Erzberg. Zwischen 1938 und 1945 wurde der Erzberg verstärkt als Bildmotiv gewählt: wegen der Bedeutung für die Rohstoff- und Rüstungswirtschaft wie auch als Ausdruck einer industriellen "Blut-und-Boden"-Ideologie.

Der steirische Erzberg und die rauchenden Silhouetten der Stahlwerke wurden zum Symbol des österreichischen Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders. Am 1. August 1948 sagte Bundespräsident Renner bei der Stadterhebung von Eisenerz: "Der Erzberg und die Eisenerzer - sie weisen dem Österreicher von heute den Weg, den er zu gehen hat, um Freiheit zu behaupten und neuen Wohlstand zu gewinnen? Sie sollen zugleich allen Österreichern ein Symbol sein."

Die lange Tradition und der historische Ruhm des österreichischen Eisens wurden immer wieder beschworen, beginnend mit dem zaghaften bis makabren Verweis, mit dem berühmten norischen Eisen auch ein bisschen zum Glanz des römischen Imperiums beigetragen und vielleicht sogar die Nägel am Kreuze Christi geliefert zu haben, über die im Umkreis des Erzbergs angesiedelten "schwarzen Grafen", die Hammerherren und Sensengewerken, deren Geschäftsverbindungen von den Prärien Nordamerikas bis zu den Weiten Russlands sich erstreckten, bis hin zur Rolle der Grundstoffindustrie im österreichischen Wiederaufbau nach 1945.

Auf diese lange Tradition nahm auch die NS-Rassenideologie Bezug. 1940 ließ der damalige Generaldirektor der Alpinen Montan AG "Hermann Göring", Hans Malzacher, von Grete Garzarolli - nach dem Krieg schrieb sie wieder unter ihrem Mädchennamen Grete Scheuer - ein Buch schreiben: "Erbarbeiter der Ostmark", ein Auftrag, dessen Ausführung Frau Garzarolli zufolge "zwar nicht sehr gut, doch auch nicht gerade miserabel honoriert" wurde. "Erb-arbeiter", das war in Analogie zu Erbhöfen und Erbhofbauern gedacht. Man war auf der Suche nach Arbeitern mit einer möglichst großen Zahl von Ahnen, die in der Eisenindustrie gearbeitet hatten, in der Alpinen Montangesellschaft und ihren Vorgängerbetrieben. Die lange Tradition wurde rassisch umgedeutet: welcher Arbeiter bodenständig (also "Erbarbeiter") sei und welcher zugewandert sei. Bei den "Erbarbeiterfamilien" würden kaum je-ne Inzuchterscheinungen auftreten, die bei Bauern oder Adeligen wegen Heiraten aus Vermögensgründen oder sonstigen Familieninteressen nicht selten seien. Nicht einmal bei den ältesten Familien vermöge man Degenerationen zu erkennen, wie sie in der Neigung zu Verbrechen, Charakterschwächen, Kretinismus und schwächlicher Körperkonstitution zum Ausdruck kämen. "Der Arbeiter der Ostmark fühlt sich als Herr. Viele sind Vorarbeiter der neu hinzugekommenen slowakischen und tschechischen Arbeiter", schrieb Garzarolli zur Legitimation der Zwangsarbeit.

An den krisenhaften Bruchstellen der österreichischen Geschichte trifft man immer wieder auf die VOEST-Alpine und ihre Vorläufer. 1625, mitten im Dreißigjährigen Krieg und der Gegenreformation und im Anschluss an die dramatische Kipper-und-Wipper-Inflation, war aus dem Zusammen- schluss der 19 Radwerke (Schmelzöfen) in Eisenerz, der etwa 50 Welschhammerwerke des Ennstales und der Eisenhändler der Stadt Steyr die Innerberger Hauptgewerkschaft gegründet worden. Sie war mit 2000 bis 3000 Beschäftigten und einer Jahresproduktion von etwa 5000 Tonnen Eisen im 17. Jahrhundert das größte Eisen produzierende Unternehmen der Welt. 1783, als die englische Konkurrenz immer dramatischer wurde, übernahm zuerst die Stadt Steyr das Alleineigentum, dann der Kaiser mit seinem Familienfonds. 1807 schließlich, in höchster Not und im patriotischen Gefühl der Napoleonischen Kriege, wurde sie verstaatlicht. 1869, nach dem Schock von Königgrätz und anhaltenden wirtschaftlichen Misserfolgen, wurde sie wieder privatisiert.

1881 wurde unter französischer Führung ein neuer Sanierungsanlauf genommen und die Österreichische Alpine Montangesellschaft in einer Fusion aller relevanten Eisenerzeuger der Steiermark und Kärn-tens gegründet. Nachdem die französischen Eigentümer selbst ins Schleudern geraten waren, war es nach mehreren Anläufen 1897 Karl Wittgenstein, der Vater des Philosophen, dem der Durchbruch gelang. Wittgenstein, als harter Sanierer nicht nur für die Arbeiter, sondern auch für die kleinen Sensengewerken sowie die sonstigen Hammermeister ein Feindbild, machte die Alpine zu einem profitablen Eisenwerk.

1919 war die Alpine mehrheitlich in österreichischem Besitz. Doch das Unternehmen lag praktisch am Boden. Es fehlte ihm die Kohleversorgung aus den mährisch-schlesischen Revieren. Die Aktienkurse stürzten. In dieser Situation erlangte 1919 der Fiat-Konzern über Vermittlung des berühmten Spekulanten Camillo Castiglioni die Aktienmehrheit. Finanzminister Joseph Schumpeter, dem der Vorwurf gemacht wurde, mit der Unterstützung oder zumindest Duldung dieses Deals den Sozialisierungsbeschluss der Koalition unterlaufen zu haben, musste den Hut nehmen. Nun, die Italiener hatten zwar billig ein Pferd, die Alpine, gekauft, doch es gelang ihnen nicht, für dieses Pferd auch Futter, Kohle, aufzutreiben. Die Produktion in Donawitz kam nicht in Gang.

1921 wurde der deutsche Inflationsgewinnler und Eisenindustrielle Hugo Stinnes neuer Hauptaktionär. Ob damit die Alpine vor der Schließung gerettet oder ihre weitere Auszehrung betrieben wurde, das wurde und wird leidenschaftlich diskutiert. Vermutlich hätte sie ohne die deutschen Großaktionäre und ihre Investitionen schon in den Zwanzigerjahren zugesperrt werden müssen. Die Weltwirtschaftskrise und der Flick-Skandal bei der deutschen Muttergesellschaft brachten die Alpine 1931/32 praktisch wieder an den Rand der Stilllegung. Mit der Rüstungsnachfrage aus Deutschland besserte sich auch für die Alpine die Geschäftslage.

Das Unternehmen wurde zum Außenposten deutscher wirtschaftlicher und politischer Strategien, in der "Anschluss"-Frage, in der Förderung der Heimwehren, beim Pfrimer-Putsch und bei der Durchdringung mit NS-Ideologie - offensichtlich war dies aber mehr Ergebnis der handelnden Personen in der Alpine selbst als in der deutschen Muttergesellschaft. Denn die Gebr. Böhler & Co. AG, wo ebenfalls der Deutsche Stahlverein größter Aktionär war, galt für die Nazis als "verjudetes" ständestaatliches und österreichtreues Unternehmen.

Bereits zwei Monate nach dem "Anschluss", am 13. Mai 1938, erfolgte der Spatenstich der "Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten ,Hermann Göring', Linz". Ein Jahr später erfolgte auf nicht ganz freiwilliger Basis die Fusion der Alpine-Montan-Gesellschaft mit den Linzer Reichswerken zur "Alpine Montan AG ,Hermann Göring', Linz". Geld werde keine Rolle spielen, verkündete Göring für dieses staatseigene Unternehmen. "Geld spielt keine Rolle", war auch das geflügelte Wort Hans Kehrls, des maßgeblichen, zeitweise auch für Österreich zuständigen Rüstungsplaners. Ständige Umplanungen und schwere Korruptionsfälle erhöhten die Errichtungskosten von den 1938 veranschlagten 100 Millionen Reichsmark auf zuletzt, 1944, etwa 600 Millionen.

Dennoch war das Unternehmen 1945 nur ein Torso. Zwar hatten die sechs Hochöfen, trotz der 6000 Bombentreffer auf dem Gelände, den Krieg praktisch unbeschädigt überstanden. Jedoch, das Stahlwerk war nur in den Fundamenten vorhanden, und ein Walzwerk fehlte gänzlich. Doch die angehäuften Schulden waren durch die Hyperinflation beseitigt, und die Marshallplan-Hilfe ermöglichte mit dem Aufbau von Stahlwerk und Walzwerk jene zu Kriegsende fehlenden Weiterverarbeitungsstufen, ohne die das Werk kaum konkurrenzfähig gewesen wäre.

Auch das LD-Verfahren ist nicht rein österreichisch. Es hat als bekannteste österreichische Innovation der Nachkriegszeit mehrere Väter. Der wichtigste war der gebürtige Schweizer Robert Durrer, der von 1946 bis 1959 als technischer Generaldirektor die Von Roll'schen Eisenwerke in Gerlafingen in der Schweiz leitete. Ab September 1947 begannen die Kontakte zur VÖEST AG in Linz, die vor dem Problem der Anpassung ihrer Stahlwerkskapazität an die im Krieg errichteten Hochöfen stand und die Gerlafinger Techniker zu einer Kooperation auf großtechnischer Basis einlud. Das mit zwei 30-Tonnen-Konvertern ausgestattete LD-Stahlwerk nahm am 27. November 1952 in Linz als erstes kommerziell arbeitendes LD-Stahlwerk der Welt die laufende Produktion auf. Auch in Donawitz wurde mit der Errichtung von zwei 25-Tonnen-Konvertern begonnen.

Es ist strittig, was ursprünglich unter der Abkürzung LD verstanden wurde. Aus einem Protokoll vom 9. Dezember 1949 stammt der Vorschlag, dem Sauerstoffaufblas-Verfahren den Namen LD als Abkürzung für "Linz-Durrer" zu geben. Die VÖEST selbst präferierte in den nächsten Jahren die Interpretation "Linzer Düsenverfahren". In den späteren Fünfzigerjahren setzte sich immer mehr die Auffassung durch, dass LD gewählt worden sei, weil das Verfahren in Linz und Donawitz zur Industriereife entwickelt worden war.

Die staatseigene Grundstoffindustrie wur- de zu einer der wesentlichen Stützen des Wirtschaftswunders. Doch auch der Keim zur Krise war enthalten. Die Versuchung, die Verstaatlichte Industrie für mannigfache politische Ziele heranzuziehen und immer mehr die Umsatz- und Beschäftigungsmaximierung vor die Produktivitätsentwicklung zu setzen, zeitigte zwar kurzfristige Erfolge, führte aber zu Folgeschäden: Mitte der Achtzigerjahre offenbarte sich schlagartig die schon lange schwelende Krise der Verstaatlichten Industrie.

Es waren neben der von Bundesregierung und Betriebsrat getragenen Aushöhlung der Werkssubstanz auch Managemententscheidungen, die zum Debakel der Achtzigerjahre führten: das Desaster mit dem Stahlwerk Bayou, das zu einem Vorzeigewerk auf dem amerikanischen Markt werden sollte; der Einstieg in die Wehrtechnik mit Panzerwannen, weitreichenden Kanonen und einer ergänzenden Granatenfertigung (Norikum-Skandal); schließlich die Spekulationsgeschäfte der Handelsfirma Intertrading. Die Dramatik der Situation brachte der ÖIAG-Chef Sekyra auf einer Belegschaftsversammlung der VOEST-Alpine zum Ausdruck: "Wir sind pleite! - verstehen Sie
doch - wir sind pleite!" Der langjährige oberösterreichische Landesstatistiker Otto Lackinger schätzt, dass für die mehrheitlich in Oberösterreich situierten staatlichen Betriebe von der öffentlichen Hand letztlich etwa 49 Milliarden Schilling (fast 3,6 Milliarden Euro) Sanierungskosten aufzubringen waren, nicht eingerechnet die vielen uneinbringlichen Kredite für Exportgeschäfte und die längerfristigen Kosten der Frühpensionierungen.

Die Privatisierung wurde 1995 eingeleitet und ist bisher eine Erfolgsgeschichte. Wie Eigentümer der Zukunft handeln werden, ist nicht vorhersagbar. [*]

In Rohrbach, OÖ., 1947 geboren. Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Linz. - Das Bild ist dem soeben erschienenen Band "schicht für schicht. gesichter der voest" mit Fotos von Joerg Burger entnommen (Triton Verlag, Wien).