Das in Zeiten des Kalten Krieges gepflegte Bild der guten verbotenen und der schlechten erlaubten Literatur wird bis heute gern bemüht. Mit der Realität hat es wenig zu tun. Zum Russland-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse.
Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen, an Russland muss man glauben. Das Wort des großen philosophischen Lyrikers Fjodor Tjutschew hat seit der Zeit seines Entstehens im 19. Jahrhundert nicht an Bedeutung verloren: Von Tjutschew als verzweifelte Kritik gemeint, diente es im Selbstverständnis der Russen in harmloseren Fällen als Motiv der Abgrenzung von Europa, slawophil markierte es die Sonderstellung des größten Landes der Erde, um im 20. Jahrhundert als Gemisch aus orthodoxem Messianismus und pseudowissenschaftlichem Marxismus Russland zum Schicksal der Geschichte zu erklären: als Zentrum der Weltrevolution mit dem Mittelpunkt Moskau, dem die ganze fortschrittliche Menschheit bedingungslos zu folgen habe; in den Himmel auf Erden, der unter Stalin mittlerweile zur Hölle geworden war.
Maximalismus ist auch dem gegenwärtigen Russland, das in der Vergangenheit der Vorsowjetzeit anzuknüpfen versucht, nicht fremd, meist handelt es sich dabei um hohltönendes Pathos und Wüten auf den Trümmern einer Kultur, die sich vor allem durch eines auszeichnet: Literatur. An einer Erzählung dieser vor allem literarischen Welt versucht sich der junge Londoner Historiker Orlando Figes, der vor wenigen Jahren mit der "Tragödie eines Volkes" eine der besten Darstellungen der Sowjetgeschichte geschrieben hat. "Natschas Tanz" heißt seine in acht Kapiteln vom 17. Jahrhundert bis in die 1960er führende Kulturgeschichte Russlands ein wenig kryptisch. Natschas Tanz, das ist jener ekstatische Volkstanz der in Samt und Seide gehüllten jungen Adeligen Natascha Rostowa aus Tolstois "Krieg und Frieden", den diese nie gelernt hat, intuitiv aber beherrscht - in einer Atmosphäre aus Wodka, Piroggen, Balalaikaklängen. Figes schlüsselt das "typisch Russische" der Szene auf - Orientalisches, Europäisches und Russisches sind in die russische Volkskultur verwandelt, die ihrerseits Eingang in die Hochkultur gefunden hat. Öffentlich lebt der Adel Europa, privat das Russische. Personalisierung ist das Prinzip seines Buches, um aus dem konservativen Moskau der Zeit des Iwan Grosny in die neue Hauptstadt, das 1703 gegründete "Fenster zum Westen", St. Petersburg, und wieder nach Moskau zurück zu gelangen: der abenteuerliche Reichtum des Fürsten Scheremetjew, die Meisterschaft der russischen Handwerker, der Schock, den der Petersburger Adel 1812 durch Napoleons Russlandfeldzug erlebt (die Aristokratie bewundert Europa); der Aufstand der Dekabristen, jener jungen Offiziere, die nach der Einnahme von Paris zu noch vorbehaltloseren Europabewunderern und vom Zaren nach Sibirien verbannt werden; die auf das Westlertum folgende Slawophilie der Kaufmannsstadt Moskau, Lew Tolstois Verklärung des Bauerntums, die großen Mäzene der Jahrundertwende, Morosow und Tretjakow - Figes vergisst nichts, was in Russland von Bedeutung war, erzählt aber auch nichts, was nicht jede andere solide russische Geschichte auch schon dargestellt hätte. Keine Anekdote, sei es über Puschkin oder Rimsky-Korsakow, wird ausgelassen. Irgendwann stellt sich die Frage, was der üppige Entwurf soll. Er wolle weder "nationale Mythen dekonstruieren" noch im "Jargon heutiger Universitätshistoriker behaupten, dass Russland als Nation nichts weiter als eine intellektuelle Konstruktion" darstelle, argumentiert Figes. Stattdessen erzählt er eine Art substanzialistisches Russland, das sich eng an den Zeitverlauf hält und schließlich in merkwürdig großen Sprüngen beim Filmemacher Andrej Tarkowski endet; zugleich folgt er recht unkritisch dem antiquierten Bild von der eigentlichen russischen Kultur als Gegenmodell zum Sowjetsystem lebt. Deren eigene tiefe Verwicklung in dieses findet denn auch nur einen Ausweg in Figes' Bewunderung für Nabokov oder Strawinsky, in die Kultur jener Emigranten, die das Sowjetsystem aus guten Gründen ablehnten. Was ihre Transformation ins Sowjetsystem betrifft, so beschränkt sich Figes auf das simple Bild der Opferrolle wichtiger Vertreter der russischen Kultur des 20. Jahrhunderts: Anna Achmatowa lehnt bei Figes ebenso wenig das zaristische Regime ab, wie Pasternak zum Stalinisten wird (was der spätere Verfasser des "Doktor Schiwago" in den 1930ern tatsächlich war). Seine offen deklarierte Liebe zur russischen Kultur mag den Autor ehren, das zentrale Problem nicht nur der allgemeinen Geschichte, sondern ganz besonder der Kultur- und Literaturgeschichte Russlands im 20. Jahrhundert übersieht er darob.
"Alles, was ich bin, verdanke ich der Revolution." Ossip Mandelstams Antwort auf eine in früher Sowjetzeit an eine Reihe von Schriftstellern verteilte Umfrage kommt der komplizierten und zwiespältigen Rolle der Intelligenzija dagegen sehr viel näher - auch wenn (oder gerade weil) Mandelstam 1938, zur Zeit von Stalins größtem Terror, in einem Lager im Fernen Osten ums Leben kam. Was russische Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert tatsächlich ist, nämlich zum Großteil ihre Selbstzerstörung, erfährt man auf eindringliche Weise in der 630 Seiten starken Biografie von Ossip Mandelstam, mit der der Schweizer Übersetzers und Schriftstellers Ralph Dutli seine 20 Jahre währende Beschäftigung mit dem Dichter (der vollständigen Übersetzung ins Deutsche) krönt.
Der aus einer litauisch-lettischen jüdischen Familie stammende Mandelstam genießt im heutigen Russland fast Märtyrerstatus. Als Vertreter des sogenannten silbernen Zeitalters der russischen Kultur nach 1900 steht er für einen gemäßigten Aufbruch Russlands in die Moderne und für die Öffnung in den Westen im emphatischen Sinn. Mandelstam studiert in Deutschland und Frankreich, als Überwinder des Symbolismus im sogenannten Akmeismus bereichert er das traditionelle Gedicht um das Element des Mythos. Der assimilierte Jude Mandelstam, der zu seiner Studienzeit noch die rigorose Quotenregelung des Zarismus für jüdische Studenten erlebt, begeistert sich für die Revolution, arbeitet kurze Zeit in einem Volkskommissariat, dem sich rasch engstirnig diktatorisch gebärdenden
Fortsetzung Seite II
Sowjetsystem setzt er auf emphatische Weise ein Gedicht entgegen: "Meine Zeit mein Tier, gibts einen / Der dir ins Auge blicken kann? / Wer, mit seinem Blut, wirds leimen / Das Jahrhundert-Wirbelband."
Petersburg, Moskau, Kiew, Flucht vor dem Hunger in den Kaukasus: Mandelstams immer rascher abwechselnden Aufenthaltsorte machen ihn zum untrüglichen Zeitzeugen. Armut, Obdachlosigkeit, Verbannung, Selbstmordversuche, Affären, Rückkehr zum Judentum und die Entdeckung von Ovid und Dante setzen ein gewaltiges System von Gedichtproduktion in Gang, das bald zum Kern der Zeit vordringt und das Jahrhundert-Wirbelband zumindet im Text zusammenleimt: "Und das Wolfshund-Jahrhundert, es springt auf mich los / Doch ich bin nicht von wölfischem Blut, / Stopft mich Mütze getrost in den Ärmel / in den Pelz der sibirische Glut / Hin zum Jenissej führt mich weg, in die Nacht."
Die visionären Strophen nehmen nicht nur das Schicksal vorweg, dem Mandelstam, der sich mit einem Spottgedicht an den "Bergbewohner im Kreml" (Stalin) wendet, zusteuert, er spricht auch das Schicksal jener Millionen sowjetischer Zeitgenossen aus, die einen gewaltsamen Tod im Lager finden. 1938 wird Mandelstam wegen antisowjetischer Agitation zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt - auf dem Wegs ins Lager stirbt er an Erschöpfung.
Ralph Dutlis Mandelstam-Buch geht weit über eine Biografie hinaus, jeder Leser von Mandelstams Gedichten (deren beste Übersetzungen - trotz mancher Übersetzungsfehler - noch immer von Paul Celan stammen) wird sie als unabdingbare Hilfestellung zur Entschlüsselung sämtlicher "dunkler Stellen" von Mandelstams Dichtung benutzen. - Dunkle Stellen, Mystizismus und Hermetik aller Art zeichnet jene "andere" (zu einem Gutteil mit Berufung auf Mandelstam entstandene) russische Literatur der Zeit nach Stalins Tod aus, die sich bewusst gegen den offiziellen, sukzessive immer mehr aufgeweichten Kanon des sozialistischen Realismus stellte: Das in Zeiten des Kalten Krieges gepflegte Bild der guten inoffiziellen, verbotenen Literatur und der schlechten, einer vor Fortschrittsglaube und Optimismus geradezu strotzenden Literatur ist ein von Verlagen und Autoren bis heute gerne verbreitetes Bild; mit der Realität der russischen Literatur der vergangenen 30 Jahre hat es kaum etwas zu tun.
Nicht alles, was in der Sowjetunion offiziell erscheinen konnte, war schlecht, nicht alles, was in den Samisdat (Selbstverlag) der außergutenbergischen Literatursphäre verbannt war, war gut. Autoren wie Fasil Iskander, Andrej Bitow oder Ljudmilla Petruschekwskaja sind die bekanntesten Beispiel, Wladimir Makanin - weil schon vor Perestroika-Zeiten ins Deutsche übersetzt - gehört zu den im Westen heute wenig bekannten großen Stimmen der Gegenwartsprosa. Sein ambitionierter, als Abschluss des russischen 20. Jahrhunderts konzipierter Roman "Underground oder Ein Held unserer Zeit" ist mit 700 Seiten nicht nur umfangreich: Seine ästhetische Behäbigkeit lässt befürchten, dass auch dieses Buch bald in Vergessenheit versinkt.
Ein gewisser Petrowitsch, Schriftsteller, der das Schreiben aufgegeben hat, bewacht fremde Wohnungen, während deren Besitzer abwesend sind: 80 Personen bewegen sich in Gesprächen über Frauen und Familie, über den Sinn des Lebens und die chaotische Gegenwart der Nachsowjetzeit durch Haus und Roman. Sein und Zeit im Moskau der 1990er, damit beginnt das Buch: "Schuhe aus, barfuß über die Teppiche. Der Sessel wartet; welcher Russe würde schon Heidegger lesen, wenn es Bibichins Übersetzung nicht gäbe!" Heidegger - das beklagte Solschenizyn schon in den 1960ern - ist ein Liebkind des intellektuellen Schwadronierens russischer Intellektueller, bei Makanin ist es ironisch gemeint, zugleich aber auch der Versuch, gleichermaßen zeitgeistig wie geistreich zu sein.
Petrowitsch hat einen genialen Maler zum Bruder, der sich nach einer Denunziation in der Psychiatrie befindet, er selbst liebt die Witwe eines ehemaligen Parteibonzen. In zahllosen Zeitsprüngen zur Haupthandlung im Jahre 1991 (Augustputsch, Ende der Sowjetunion) beweist sich Petrowitsch vor allem an zahlreichen Damen, gleichsam nebenbei ersticht er in der Gegenwart einen Kaukasier, außerdem einen Spitzel vor der Wohnungstür. Mord ist ihm, der sich einzig und allein der Literatur verpflichtet weiß, in guter russischer Tradition kein besonderes moralisches Problem, Petrowitsch sinniert vor allem mieselsüchtig: "Wir sind so viele Jahre Schlange gestanden. Abwesenheit der Zukunft in Namen der angehaltenen Gegenwart, das ist die Idee, das ist das Nirwana der monochromen Farbe."
Die Rede ist dabei von Kasimir Malewitschs "Schwarzem Quadrat", das Makanin wie zahlreiche andere Kulturgüter von Homer über Dante bis zu Puschkin und Lermontow in einen mäßig aufregenden Romankosmos montiert. Zwar gelingen ihm zahlreiche wunderbare Passagen - der Ärger eines Hosenkäufers, der nicht bekommt, was er wollte, und deshalb an einem Herzinfarkt stirbt, der Fensterblick auf die Kioske in den Straßen Moskaus; doch das heutige Russland in eine ästhetische Form zu übersetzen ist ihm nicht gelungen. Trotz der von einer Reihe jüngerer russischer Autoren abgeschauten "hyperrealistischen" Verfahren gelingt es ihm nicht, seinen altgedienten Realismus aufzumöbeln. Die zahllosen Affären seines Protagonisten sind überdies nichts als ein billiger Tribut an die Gegenwart, die sich in sex, crime and money ergeht. Ansonst finden sich zahlreiche Altherrenweisheiten von der Art: "Unser Welt ist nichts anderes als eine junge Hure."
"Hast du je für drei Rubel am Bahnhof Schwänze gelutscht? Bist du je von einer Horde vergewaltigt worden. Oder hast du dich im Hausflur ficken lassen?" Das stammt nicht von Wladimir Makanin, sondern aus Ludmilla Ulitzkajas Erzählband "Die Lügen der Frauen". Ulitzkaja mogelt die großen Fragen des heutigen Russland - nationale und religiöse Identität, Judentum und An-tisemitismus, Funktion von Arbeit und Kultur - in scheinbar alltägliche Situationen, um auf jede Frage eine souveräne Antwort zu finden. Das mag harmlos klingen - "Wie können Sie einen Mann mit einem Bügeleisen vergleichen. Ein Bügeleisen, wird dann warm, wenn Sie wollen, ein Mann dagegen nur dann, wenn er es will" - und die Ulitzkaja eher in die Nähe des humorigen Ephraim Kishon als eines beliebigen großen russischen Schriftstellers rücken, im Unterschied zu den von deutscher Kritik landauf, landab gepriesenen Krimiautorinnen aber, die es im heutigen Russland gibt, handelt es sich bei Ulitzkaja tatsächlich um eine Schriftstellerin - nicht um eine Trash-Produzentin.
Genau das ist es nämlich, was deutsche Verlage auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt mit dem Schwerpunkt Russland vorwiegend auf den Markt bringen: als wollten sie das Klischee, wonach Russland mit Verstand nicht zu begreifen wäre, nur aufs Neue beweisen. Was im Fall der Ulitzkaja tatsächlich nicht ganz zu begreifen ist, ist der Umstand, dass sie - trotz der extrem konservativ gezeichneten Frauenfiguren - gerade bei Leserinnen große Begeisterung hervorruft. Dass Sätze wie "Am Abend erhob sich ein böiger Wind, der den Frauen die Röcke blähte und die Beine kühlte, und am Morgen regnete es" allein an Leserinnen gerichtet sein sollen, lässt sich bezweifeln. Vielleicht ist es aber auch möglich, dass nicht nur Russland mit dem Verstand nicht zu begreifen ist? [*]
Orlando Figes
Nataschas Tanz
Eine Kulturgeschichte Russlands. Aus dem Englischen von Sabine Baumann und Bernd Rullkötter, 720 S., geb., Â 41 (Berlin Verlag, Berlin)
Wladimir Makanin
Underground oder Ein Held unserer Zeit
Roman. Aus dem Russischen von Annelore Nitschke, 700 S., geb., Â 25,70 (Luchterhand Literaturverlag, München)
Ralph Dutli
Mandelstam
Meine Zeit, mein Tier. Eine Biografie, 638 S., Ln., Â 29,80 (Ammann Verlag, Zürich)