Österreichische Beamte, jüdische Dichter, polnische Herren, armenische Kaufleute - die Ukrainer haben es schwer, sich gegen so viel Geschichte, die nicht ihre Geschichte ist, durchzusetzen. Eine Reportage aus Czernowitz und Lemberg.
Mein Großvater Heinrich Coudenhove wurde in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts wegen einer in Paris angeknüpften unstandesgemäßen Liaison von seinem gestrengen Vater an die Universität von Czernowitz geschickt, weit weg von allen mondänen Versuchungen. Diese Universität war neu gegründet, die östlichste der Monarchie, und die Bukowina ebenso wie Galizien war für die Menschen aus den Zentren des Reiches damals wohl so etwas wie das österreichische Sibirien. Aber für mich, zwei Generationen und viele Katastrophen später, war diese Gegend lange Zeit das Gegenteil: das österreichische Arkadien, Heimat einer ganzen Generation von Lieblingsschriftstellern, von Joseph Roth bis Paul Celan, umso verklärter, weil sie während vieler Jahre der Sowjetherrschaft für Westler praktisch nicht erreichbar war. Als es jüngst hieß: Fahr mit nach Galizien und in die Bukowina, wusste ich, dass ich eigentlich zwei Reisen in einer machen würde: einerseits eine Reise in die Ukraine, eines der ärmsten und unfreiesten Länder Osteuropas, und andererseits eine Reise in die Literaturgeschichte, dorthin, wo laut Celan "Menschen und Bücher lebten". - Ein schönbrunnergelbes Haus in der Czernowitzer Innenstadt, etwas schäbig, aber solide. Ein österreichischer Diplomat enthüllt eine Gedenktafel für den Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff, der hier geboren wurde. Ein Grüppchen ukrainische und österreichische Professoren steht herum, Reden werden gehalten. "Wieder ein neuer Name für uns", sagt einigermaßen verwundert der Rektor der Universität, der an der kleinen Feier teilnimmt. Die heutigen Czernowitzer sind es gewohnt, dass sie jetzt immer öfter von Leuten auf der Suche nach einer Vergangenheit besucht werden, die ihnen selbst ziemlich fremd ist. In der Nähe steht eine Celan-Büste, auch von diesem Dichter haben die meisten noch nie gehört.
Osteuropa ist die Region der euphemistisch so genannten Bevölkerungstransfers. Kaum irgendwo wird das so deutlich wie hier. Die Juden sind weg, die Deutschen sind weg, die Polen sind weg. Übrig geblieben sind die Ukrainer, die in der österreichischen Zeit Ruthenen hießen. Auf dem Land stellten sie damals die Masse der Bauern, in den Städten die Unterschicht. Es ist, als müssten sie erst damit zurechtkommen, dass sie plötzlich die alleinigen Herren im Hause sind. In Czernowitz haben die Menschen innerhalb einer einzigen Generation vier verschiedene Staatsbürgerschaften gehabt: die österreichische, die rumänische, die sowjetische und die ukrainische. Eine alte Frau kommt vorbei, sieht uns Österreicher und zeigt mit dem Finger zum Himmel, halb ironisch, halb anklagend. "Wenn wir doch wieder unter Österreich wären", sagt sie. Das verstehen wir sogar auf Ukrainisch.
Im heutigen Czernowitz gibt es junge Historiker und Germanisten, die die multikulturelle Vergangenheit ihrer Stadt durchaus positiv sehen. Wir gehen mit ihnen durch die Tschernwjastraße, vorbei an der großen Synagoge. Jetzt ist sie ein Kino, man spielt "Lara Croft". Die Armut ist überall sichtbar, aber auch ein gewisses Selbstbewusstsein. Die Jungen fühlen sich als Europäer. Wir gehen durch die Herrengasse, früher verlief hier der Corso. Am Eck war das prächtige Caf© Habsburg, das sich rühmte, hier gebe es 256 Tageszeitungen aus aller Welt zu lesen. Auf unserer heutigen Reise durch Galizien und die Bukowina haben wir nirgends auch nur eine ausländische Zeitung ergattern können. Heute ist das "Habsburg" verschwunden, aber ein paar Häuser weiter gibt es ein neues Wiener Kaffeehaus, von einer tüchtigen Rumänin geleitet. Hier in der Herrengasse steht auch das einstige Deutsche Haus, mit Fachwerk und Hirschgeweih. Wo früher die getäfelte Bierhalle war, ist jetzt eine Lottokollektur. An die Wand hat jemand geschrieben "Tod dem System". Auch ein Ukrainisches Haus gibt es und in der Nähe des - natürlich von den in der ganzen Monarchie allgegenwärtigen Theaterarchitekten Fellner und Helmer entworfenen - Theaters das ehemalige Jüdische Haus, im Ringstraßenstil erbaut.
Vor 1940 war ein Drittel der Bewohner von Czernowitz Juden - rund 43.000. Sie gehörten den verschiedensten politischen Richtungen an, aber alle lasen leidenschaftlich gern Zeitung, alle träumten davon, wenigstens einmal im Leben vom prächtigen neuen Hauptbahnhof im Direktzug nach Wien zu fahren (heute unmöglich), und unglaublich viele von ihnen waren, im Haupt- oder Nebenberuf, Schriftsteller, auf Deutsch und auf Jiddisch. Einmal gab es Zoff, weil im Jüdischen Haus ein Kongress jiddischer Schriftsteller stattfinden sollte, unter ihnen berühmte Namen wie Schalom Asch, aber die mehrheitlich assimilierte Czernowitzer Judengemeinde befand: nein. Man war fürs Deutsche, nicht fürs Jiddische.
Das Ende kam, als 1941 die Deutschen einrückten und SS-Einsatzgruppen am Ufer des Pruth 685 jüdische Czernowitzer Bürger erschossen. Dann übernahmen die mit den Deutschen verbündeten Rumänen die Stadt und deportierten nach und nach die gesamte jüdische Bevölkerung in die Gebiete jenseits des Dnjestr, nach Transnistrien. Dort gab es zwar keine Vernichtungslager, aber auch kein Essen, kein Wasser, keine Versorgung. Die allermeisten Vertriebenen gingen zu Grunde, an Hunger und Seuchen.
Einer, der überlebt hat, ist der Czernowitzer Schriftsteller Josef Burg. 91 Jahre ist er jetzt alt, ein lebhafter kleiner Mann, der von sich selbst sagt: Mein Leben besteht aus lauter Wundern. Er kam zurück, nachdem er sich nach Russland durchgeschlagen und sich dort als Kohlenkumpel in Sibirien, als Volksschullehrer in der Wolgarepublik, als Landarbeiter im Kaukasus über Wasser gehalten hatte. Aus seiner Familie waren alle tot. Jetzt ist er der letzte jüdische Schriftsteller in Czernowitz und wird gehandelt wie eine Sehenswürdigkeit. Die Situation ist halb tragisch und halb komisch, was dem alten Herrn auch durchaus bewusst ist. Josef Burg zeigt uns Orden aus Deutschland und Österreich, auch Jörg Haider hat den allergrößten Wert darauf gelegt, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Der letzte jüdische Schriftsteller in der einstigen Schriftstellerstadt gibt die "Czernowitzer Blätter" heraus, jiddisch geschrieben, in hebräischen Lettern. Die Zeitschrift wird subventioniert. Wir ahnen: Josef Burg ist ihr einziger Leser.
Die Czernowitzer Juden waren in ihrer Mehrzahl assimiliert und aufgeklärt, aber im nahen Dörfchen Sadagora lag ein Heiligtum der frommen Chassiden aus den Schtetln, der "Hof" des Wunderrabbis Israel Friedmann. Auch mein Großvater, der neugierige Student der Czernowitzer Universität, erzählt in seinen Erinnerungen von einem Besuch beim Wunderrabbi. Was sein Vater so mache, habe der große Mann gefragt, und auf die Antwort, er sitze im Reichstag, für die Konservativen, habe der Rabbi gemeint: Gut so, die Leute, die Religion haben, sollen zusammenhalten.
Wir finden in Sadagora nur noch eine Ruine vor, ein einst sienarot verputztes Gebäude, dessen Dach eingestürzt ist. Eine Gruppe orthodoxer Juden in traditioneller Tracht verlässt, als wir kommen, gerade das Gelände. Es sind wohl Chassiden aus Israel auf Wallfahrt. Das "Kleine Jerusalem" nannten die Czernowitzer einst den Wunderrabbihof in Sadagora. Sie scheinen ehrgeizige Vergleiche geliebt zu haben: Der prächtige Amtssitz des griechisch-orthodoxen Metropoliten war der "Kleine Vatikan", und Czernowitz selbst, wie könnte es anders sein, war "Klein Wien".
Czernowitz, Hauptstadt der Bukowina, ist die Stadt Paul Celans, Brody in Galizien ist die Stadt Joseph Roths. Im "Radetzkymarsch" und anderswo hat er es beschrieben, das Städtchen an der Grenze, an den Sümpfen, die Schmugglerstadt. Aber während Czernowitz fast unversehrt ist, ist von dem einstigen jüdischen Schtetl Brody kaum mehr etwas übrig. Die große Synagoge ist noch da, eine Ruine, mit Holzpfosten gestützt. Rundherum hässliche, vergammelte Neubauten. Und das einstige k. k. Gymnasium ist noch da, wo Joseph Roth in die Schule ging. Es trägt, neben dem anderer lokaler Größen, auch den Namen Roth, und eine engagierte Deutschlehrerin führt uns ihre Klasse vor. Die Jugendlichen wollen alle weg von hier. Warum? "Weil es hier so langweilig ist." Möglich, dass Joseph Roths Schul- kameraden einst ähnlich empfunden haben. Auch das kleine Museumskabinett wird uns gezeigt, mit den Bildern bedeutender Absolventen. Roths Foto ist da, aber auch das Foto eines Generals einer ukrainischen SS-Einheit.
Als wir auf dem Hauptplatz irgendeine Erinnerung an die einst fast rein jüdische (und fast zur Gänze ausgerottete) Bevölkerung des Ortes suchen, werden wir nicht fündig. Es gibt ein Denkmal, darstellend den heiligen Georg, aber die Aufschrift erinnert nur an die "Leiden der Ukrainer". Erst auf dem riesigen Friedhof draußen vor der Stadt, zwischen Wald und Moor, begegnen wir den Juden von Brody. Ein lokaler Historiker zeigt uns einen Grabstein mit deutscher Aufschrift. Ein gewisser Albert Nussbaum ruht hier, Kurarzt in Abbazia, enger Freund Bertha von Suttners.
Brody liegt nicht weit von Lemberg, einst Hauptstadt des Kronlands Galizien. Im Hotel begegnet uns eine Delegation aus Wels, Lembergs Partnerstadt. Lemberg ist eine kleine Großstadt, urban, lebendig, einst elegant, von einer sowohl österreichisch wie polnisch geprägten Eleganz. Leopolis, Lemberg, Lwow, Lviv - der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch nennt die Stadt ein Schiff, auf dem schon viele gefahren sind. Und auch hier haben es die Ukrainer schwer, sich gegen so viel Geschichte, die nicht ihre Geschichte ist, durchzusetzen.
Denkmäler sind eine Möglichkeit dazu. Auf dem Hauptboulevard, der das noble Hotel George (von Fellner und Helmer) mit dem nicht weniger noblen Opernhaus verbindet, steht eine Riesenfigur des ersten ukrainischen Nationaldichters, Taras Schewtschenkos, vor der Universität eine ebenso riesige des zweiten Nationaldichters, Ivan Frankos. Der Ukraine-Reisende begegnet den beiden überall und hat bald heraus: Der mit dem Bart ist Schewtschenko, der ohne Bart ist Franko. Schewtschenko, ein ehemaliger Leibeigener, war ein Mystiker, Franko war ein Aufklärer. Die Ukrainer sind traurig, dass niemand im Ausland ihre Heroen kennt. Aus dem alten Regime hat nur das Denkmal für den polnischen Freiheitsdichter Adam Mickiewicz überlebt, eine graziöse Jugendstilsäule, auf der ein Engel dem Dichter einen Lorbeerkranz überreicht. Das konnte man nun doch nicht abreißen.
Auf dem Lemberger Schiff sind viele gefahren, auch viele Anhänger verschiedener christlicher Konfessionen. Viele Türme vieler Kirchen zeigen zum Himmel. Man braucht einen kleinen Theologiekurs, um sich im Gewirr der in der Ukraine tätigen Christen auszukennen, die jeweils nach Lemberg, nach Kiew, nach Moskau oder nach Rom blicken und sich untereinander nicht recht leiden können.
Aber Ukraine ist nicht Ukraine: Der Westen ist griechisch-katholisch, der Osten orthodox. Der Westen ist europäisch und spricht überwiegend Ukrainisch, der Osten ist weitgehend russifiziert und spricht überwiegend Russisch. "Wien ist uns näher als Kiew", sagen die Lemberger und viele denken laut darüber nach, die lateinische Schrift einzuführen und in der Kirche den gregorianischen Kalender. Gegen die polnische Herrschaft hat man zwar seinerzeit gekämpft, aber heute ist Polen der goldene Westen und das polnische Fernsehen, das man in Lemberg empfangen kann, ein Stück unzensurierte Freiheit.
Der Lychakiv-Friedhof ist der schönste Friedhof der Stadt, so etwas wie der Lemberger P¨re-Lachaise. Die alten Frauen, die vor dem Friedhofstor Blumen verkaufen, leben vor allem von den polnischen Touristen, die hier Blumen niederlegen, an den Gräbern von Schauspielerinnen und Generälen, aber vor allem auf dem Soldatenfried-hof für die Gefallenen der polnisch-ukrainischen Kämpfe von 1919. Später wurde auch eine Grabanlage für die ukrainischen Kämpfer errichtet, aber zu der geplanten Einweihung durch beide Präsidenten der einstigen Feindnationen kam es noch nicht. Alte Wunden heilen schwer. - Doch es gibt auch neue Wunden. Gleich hinter dem Friedhofstor finden wir ein frisches Grab, über und über mit Blumen bedeckt. Hier liegt der Journalist Oleksandr Krewenko, Chefredakteur der Zeitschrift "Postup", dem besten und kritischsten Medium des Landes. Krewenko, den seine Freunde "Saschko" nannten, kam im April nahe Kiew bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben. Krewenko ist nicht der einzige kritische Journalist, der solcherart den Tod fand. "Diese berühmten Autounfälle", sagen die Lemberger. Wer zu viele Fragen stellt, lebt in der Ukraine gefährlich. Die meisten Fälle kamen nie in die westliche Presse, nur der Tod des Reporters Juri Gondadze wurde über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Man fand die Leiche in einem Wald, der Kopf war abgetrennt. Es gab eine Tonbandaufzeichnung, auf der der ukrainische Präsident Leonid Kutschma mit der Bemerkung zu hören war, der Journalist Gondadze, der mit seinen Artikeln den Autoritäten gefährlich geworden war, gehöre "erledigt". - Als Oleksandr Krewenko starb, erzwang die Lemberger Öffentlichkeit seine Bestattung auf dem Lychakiv-Friedhof. Zum Begräbnis erschien die gesamte Lemberger Intelligenzija. Und bis heute werden auf seinem Grab Blumen niedergelegt, in einem Land, in dem die meisten Leute bitterarm sind und ein Blumenstrauß eine beträchtliche Ausgabe ist.
Armut, Korruption, Autoritarismus, Rückständigkeit, organisiertes Verbrechen und ein stetes und oft vergebliches Bemühen um Anerkennung und Aufmerksamkeit für ein kaum bekanntes Land zwischen Russland und Polen - das ist die Ukraine. Aber auch der Kampf Krewenkos und anderer für Meinungsfreiheit und Demokratie, mühsam, gefährlich und unbedankt, gehört zur jüngeren Geschichte dieses schwer geprüften Landes. Ich denke bei mir: Mit diesem Grab ist der polnische Lychakiv-Friedhof auch zu einem ukrainischen Friedhof geworden. Bei den alten Frauen am Eingangstor kaufe ich einen Strauß bunter Astern und lege ihn zu den anderen Blumen auf Saschko Krewenkos Grab.
Polnische Herren und jüdische Dichter, österreichische Beamte und huzulische Hirten, armenische Kaufleute und ruthenische Bauern sind in der jüngeren Vergangenheit auf dem sturmgebeutelten galizischen Schiff gefahren. Sie sind immer noch da, weil eine neue ukrainische Generation sich wieder auf sie besinnt. Als ich heimkomme, waren es doch nicht zwei Reisen, die ich gemacht habe, sondern nur eine. [*]