Ohne US-Führerschein keine Autoversicherung, ohne Autoversicherung kein Kennzeichen, ohne Kennzeichen kein Auto, und ohne Auto kommt man nicht einmal von der Küche ins Wohnzimmer. In den Mühlen der US-Bürokratie: ein Drama in drei Akten.
Deutscher müsste man sein. Dann würde man im US-Bundesstaat Virginia einfach zum Department of Motor Vehicles gehen, seinen österreichischen Führerschein herzeigen und mit einer US Driver's License wieder heimgehen. Mit Österreich gibt es aber kein derartiges Abkommen - und deswegen darf man als Neuankömmling die einmalige Erfahrung machen, dass es auf dieser Welt tatsächlich noch eine Bürokratie gibt, die schlimmer ist als die österreichische.
Zur Einleitung des Dramas: Mit dem österreichischen Führerschein darf man zwar in den USA ein halbes Jahr lang Auto fahren. Die US-Versicherungen können mit dem rosaroten Papier aber wenig anfangen und mit dem viel gepriesenen internationalen Führerschein noch viel weniger. "Wir akzeptieren das nicht", heißt es kurz und bündig. Ohne US-Führerschein bekommt man also keine Autoversicherung, ohne Autoversicherung bekommt man kein Kennzeichen, ohne Kennzeichen kein Auto, und ohne Auto kommt man hierzulande nicht einmal von der Küche ins Wohnzimmer.
Die erste Hürde ist also, die amerikanische Versicherung davon zu überzeugen, dass sie einen versichert. Das tut sie dann auch nach mehrtägigen Telefonaten, Drohungen, Weinkrämpfen und Bitten tatsächlich - allerdings für das Fünffache des normalen Tarifs. Denn schließlich ist man über 30 Jahre alt und hat nach US-Versicherungslogik noch nie in seinem Leben ein Auto gelenkt (weil ja der österreichische Führerschein nicht gilt).
Im Vergleich mit dem Department of Motor Vehicles (DMV), der Führerscheinbehörde, war die Auseinandersetzung mit der Versicherung ein nettes, problemloses Vorspiel. Das DMV, muss man wissen, hat drei Terroristen des 11. September einen Führerschein ausgestellt. Damit hat man sich zum Gespött der gesamten US-Bürokratie gemacht - überboten nur noch von der Einwanderungsbehörde, die den Terroristen posthum eine Aufenthaltsgenehmigung erteilte.
Den unwitzigen Teil bekommen nun die Ausländer ab. Sie werden künftig bei der Einreise in die USA fotografiert, Bürger aus bestimmten Staaten müssen sogar ihre Fingerabdrücke abgeben - und für die Hartnäckigsten unter den US-Reise- und Aufenthaltswilligen hat man das DMV in Virginia erfunden.
Des Dramas erster Akt. Um einen Führerschein zu erhalten, muss man drei Dinge vorlegen: einen Nachweis, dass man ist, wer man behauptet zu sein; einen Nachweis, dass man lebt, wo man angibt zu leben; eine Sozialversicherungsnummer oder die Bestätigung dafür, dass man keine hat.
Letzteres ist am einfachsten und schnellsten zu erhalten. Weil man als Neuankömmling noch keine neunstellige Sozialversicherungsnummer hat, bekommt man von der Sozialbehörde ein formloses Schreiben. Auf dem vorgedruckten Formular wird erklärt, dass man deswegen keine Nummer hat, weil man seinen legalen Aufenthalt in den USA nicht nachweisen konnte. Indirekt besagt das also, dass man illegal im Land ist. Der Antragsteller selbst ist ob der Bestätigung etwas irritiert, das DMV aber ist zufrieden.
Wohnnachweis. Da es in den USA kein Meldewesen gibt, muss man einen an sich selbst adressierten Brief vorlegen. Der Vorausdenkende hat das schon in Österreich erledigt und von Wien aus ein freundliches Schreiben an die Adresse in Falls Church, Virginia, USA, geschickt. "What's that?", fragt die Dame bei der Führerscheinbehörde unbeherrscht, zu der man nach einer Wartezeit von drei Stunden vorgelassen wird. "Ein Brief", sagt der Übermütige lächelnd - ein Fehler, natürlich! Nie lächeln im Umgang mit US-Behörden, das Leben und die Bürokratie sind kein Spaß! Die Rechnung bekommt man umgehend präsentiert: "Wir akzeptieren das nicht." - "Warum?" - "Ich habe so etwas noch nie gesehen." Sie solle doch bitte ihren Vorgesetzten holen. Der kommt auch tatsächlich, ergreift das Kuvert, dreht und wendet es, legt es wieder auf den Tisch und fragt: "What's that?" Alle Erklärungen, alle Hinweise auf die jahrhundertealte Tradition der österreichischen Post- und Telegrafenverwaltung nützen nichts: Die Beamten fordern einen Brief, der in den USA aufgegeben wurde.
Drei Tage später der zweite Anlauf und des Dramas zweiter Akt. Wieder stundenlanges Sitzen (schließlich wollen alle "Illegalen" noch schnell ein legales Dokument), dann der Aufruf der Nummer, man legt - diesmal mit ernstem Gesicht - die Dokumente vor. Den in den USA aufgegebenen Brief - ein kurzer Blick, und der Meldenachweis ist erfolgreich erbracht -, Reisepass und Führerschein zum Identitätsnachweis. Der Reisepass wird eingehend begutachtet und für echt befunden. Dann kommt der österreichische Führerschein: Der Mann ergreift das Dokument, dreht und wendet es und fragt: "What's that?" Man verlangt also den Vorgesetzten, der den Führerschein ebenfalls eingehend begutachtet und urteilt: "Wir akzeptieren das nicht."
Damit hat man jetzt ein gravierendes Problem. Denn die Identität gilt erst als nachgewiesen, wenn man außer dem Pass ein weiteres Dokument vorlegen kann. Welche anderen Dokumente mit Foto, außer dem Führerschein, gibt es noch? Einen Presseausweis - "What's that?" Einen Ausweis des US-Kongresses - "What's that?" Ein Ausweis des US-Außenministeriums - "What's . . . Schließlich präsentiert der Beamte eine Liste mit 36 Dokumenten, die akzeptiert werden. 34 sind Dokumente, die man nur als US-Bürger erhält, eines ist der ausländische Reisepass, und eines ist eine Green Card, die man als Journalist nicht hat, weil man nur für seine Zeitung, nicht aber für ein US-Unternehmen arbeiten darf.
Was nun? "Your problem", sagt der Beamte trocken. Aber man brauche einen Führerschein. "Please leave." Irgendetwas! "Go!" Die hitzige Auseinandersetzung hat einen weiteren Vorgesetzten auf den Plan gerufen, der eine Lösung vorschlägt: Man solle alle Dokumente an die Zentrale des DMV in Richmond schicken, dort werde man schon etwas damit anfangen können. Man schickt also Kopien von Pass, Führerschein, Presse- und Jungscharausweis _ kurz: von jedem Dokument, auf dem sich ein Foto befindet _ nach Richmond. Dann passiert einmal nichts. Nach 14 Tagen ruft man dort an. Eine unwirsche Dame sagt, man solle gefälligst Geduld haben und auf Antwort warten. Man möchte aber mit jemandem aus der Abteilung sprechen, die die Dokumente prüft. "Nein. Dort gibt es keinen Parteienverkehr." Man wolle ja nur wissen, ob die Dokumente überhaupt angekommen sind. "Wenn wir noch etwas brauchen, wird sich jemand melden." Aber wie soll sich jemand melden, wenn das Schreiben vielleicht gar nicht angekommen ist. Daraufhin legt die Dame auf.
Für einen Amoklauf fehlt die Waffe. Die zu erhalten wäre in Virginia allerdings kein größeres Problem. Man geht in ein Geschäft, legt einen (!) Ausweis vor und kann sich nach 14 Tagen die Pistole abholen.
Wehmütig denkt man an die österreichischen Beamten zurück, die einem im Vergleich mit ihren Kollegen in den USA wie Mutter Theresas der Bürokratie erscheinen. Und dann kommt die Idee: Warum sollte in den USA nicht funktionieren, was in jeder Beamtenschaft dieser Welt funktioniert nämlich die willenlose Untertänigkeit? Also ruft man im Büro des Gouverneurs von Virginia an und beschwert sich über die Ausländerdiskriminierung. Keine zwei Stunden später kommt der Anruf einer Dame des DMV, Richmond, Virginia, die freundlich fragt, womit sie dienen könne.
Die Lösung des Dokumenten-Problems liegt in der Hand einer anderen Bürokratie. Die österreichische Botschaft muss bestätigen, dass das rosarote Papier tatsächlich ein Führerschein und man selbst derjenige ist, der auf dem Foto mehr oder weniger intelligent lächelt. Die österreichische Botschaft arbeitet schnell und teuer. Nach einem Tag erhält man die dreizeilige Bestätigung und bezahlt dafür zwei Euro pro Wort, insgesamt beachtliche 42 Euro.
Des Dramas dritter Akt. Nach vier Tagen kommt von der DMV-Zentrale die erlösende Antwort: Alles sei in Ordnung, man könne zu seiner lokalen Führerscheinbehörde gehen, die Dokumente seien akzeptiert "ein australischer Reisepass, ein australischer Führerschein". Kein Witz: Australien steht da, nicht Austria. Die Horrorvision lässt einen nicht schlafen: Was, wenn ausgerechnet in der Führerscheinbehörde in Falls Church ein Beamter sitzt, der den Unterschied zwischen Austria und Australia kennt; der weiß, dass wir nicht nur keine Kängurus haben, sondern auch keine gültigen Führerscheine?
Kreidebleich steht man am nächsten Tag am Schalter und reicht mit zitternder Hand die vermeintliche Startflagge für ein neues bürokratisches Hindernisrennen. Doch das Schicksal ist gnädig, der Beamte ist ein typischer Durchschnittsamerikaner, der nach einem kurzen Blick auf die widersprüchlichen Vorlagen ein Hakerl beim Feld "Nachweis der Identität" macht.
Jetzt kommt noch die Kür. Man lernt für die Führerscheinprüfung, die man nun endlich machen darf (der österreichische Führerschein wird ja nicht anerkannt), und stellt fest, wie wenig Wissen zur (vermeintlichen) Beherrschung des Straßenverkehr nötig ist.
Die theoretische Führerscheinprüfung dauert keine fünf Minuten und besteht aus 24 Multiple-Choice-Fragen, von denen 20 richtig beantwortet werden müssen. Etwa die: Unter 18-Jährige dürfen in Virginia nicht Auto fahren zwischen a) Mitternacht und vier Uhr früh; b) 22 Uhr und zwei Uhr früh; c) zwei Uhr früh und 18 Uhr; d) 20 Uhr und acht Uhr früh. Als Vater einer in 14 Jahren 18-Jährigen tendierte man ja zu Antwort d), richtig ist aber Antwort a).
Danach schreitet man zur praktischen Prüfung, die allein deswegen schwieriger ist, weil man auf einmal so fahren muss, wie es die Verkehrsregeln vorschreiben. Mit schwitzenden Handflächen steht man zwischen 16-Jährigen und fährt dann mit einer Geschwindigkeit durch die Straßen der kleinen Provinzstadt, dass einen selbst zu Fuß gehende Omas überholen (vorschriftswidrig rechts) und der Prüfer in einen komaähnlichen Schlaf verfällt. Man nimmt vor jeder rechts gelegenen Garagenausfahrt den Fuß vom Gas; stoppt das Auto, kaum blickt irgendwo ein Kind auch nur aus einem Fenster; fängt einen Kilometer vor der roten Ampel an zu bremsen und steht selbst bei der einsamsten Stopp-Tafel in den Weiten Virginias sekundenlang still.
Nach quälenden 15 Minuten ist der Test absolviert. Der Prüfer erwacht aus seinem Koma, kreuzt das Feld "Bestanden" an, steigt aus und meint: "Ein Auto haben Sie aber noch nie zuvor gefahren, oder?"