Kein Brot? Kauft Kuchen!

Rettet New York! Zwei Jahre nach 9/11: Wie eine Stadt verkommt. Eine Reportage.

Sehr attraktive Frauen arbeiten hier. Sie haben Stil, sogar in ihren ganz kurzen Höschen, und sie haben einen Humor, der im Laufe der Nacht immer schärfer wird, verletzend mitunter. Für sich selbst und andere. Es sind Frauen mit tiefer Stimme. Oben im ersten Stock bedienen sie die Braven aus der Stadt oder aus der amerikanischen Provinz, jene, die auch einmal in die Nähe von etwas Verruchtem kommen wollen. Und sie bedienen sie zwischen den einzelnen Gängen - "Des Kaisers Shrimps-Knödel" und "Huhn Kung Pao" - mit einer perfekten Dinnershow.

Unten im Keller, in dem kleinen Raum mit den plastikbezogenen Bänken, bedienen sie nicht. Da holt man sich das Getränk von der Bar; sieht zu, wie Studentinnen immer betrunkener und immer lauter werden, weil sie den College-Abschluss oder die nächste bevorstehende Hochzeit zu feiern haben und in ihren langweiligen Kleidern noch einmal so richtig ausrasten wollen; wie sie sich gegenseitig auf die Karaoke-Bühne stoßen, drei Dollar dafür zahlen, dass eine von ihnen sich dort zum Narren machen kann. Brenda legt auf, bedient die Geräte, lächelt milde wissend oder verdreht die Augen. Zwischen den einzelnen Peinlichkeiten zieht sie ihren Lippenstift nach. Brenda, die Afroamerikanerin, versteht es, sich über Gäste lustig
zu machen - mit ihrer vollen tiefen Stimme. Denn auch Brenda ist ein Mann, eine Drag- Queen - wie alle hier in diesem ehemaligen Badehaus vulgo Restaurant "Lucky Cheng's", Ecke First Avenue, Second Street in New York.

"Vielleicht stellen wir bald Heizstrahler auf die Straße zu den Sesseln, die wir dort schon aufgestellt haben." Doreen, oder in Wahrheit vielleicht David, mokiert sich in diesen Herbsttagen 2003 am Telefon - über den Erfindungsreichtum der New Yorker, über die Frage, wie denn ein solches Lokal in Zeiten des allgemeinen Rauchverbots in der Stadt seit Mai überleben kann, über sich selbst? Wer weiß das schon? Nein, es gehe der Bar nicht so schlecht wie anderen in der Stadt. Nein, einen wirklichen Geschäftseinbruch habe es nicht gegeben, seit Bürgermeister Michael Bloomberg das allgemeine Rauchverbot auf alle Bars ausgedehnt hat.

Es ist, als würde sich diese Stadt seit dem Schicksalstag am 11. September 2001 alles gefallen lassen - oder doch nicht? In den Bars werden Raucher auf die Straße und in kleine Hinterhöfe oder aber in winzige Kammern, vom Lokal durch Glaswände getrennt, verbannt. Dort sitzen sie dann wie Mitglieder einer aussterbenden Spezies, zur Schau oder an den Pranger gestellt. Doch der Schein trügt. Rauchen ist seit dem gesetzlichen Verbot "in" geworden. Da paffen sie, separiert und gedemütigt, und erklären fröhlich-trotzig wie die 24-jährige Studentin Dana: "Rauchen ist jetzt eine Form des gesellschaftlichen Protests geworden. Rauchen ist ein Statement, Rauchen ist Widerstand" - gegen den Rechtsruck, der von Washington aus durch das Land geht, gegen Michael Bloomberg, den Milliardär, und sie flüstern sich tausendfach zu, dass dieser sehr wohl die Bars seiner Freunde vom Anti-Rauch-Zwang ausgenommen habe. Vorbei die Neunzigerjahre, in denen nur die Unbelehrbaren wie Zwerge unter den Hochhäusern mit erkennbar schlechtem Gewissen ihre hastigen Züge machten, her mit den Jungen: Sie vor allem greifen trotz der Kampagnen, trotz all der Warnungen zu Zigaretten. Und in den alternativen Filmen wird plötzlich wieder gepafft, bis sich der Grauschleier über die ganze Leinwand legt. Das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Und so setzen Jugendliche ihre Gesund-heit aufs Spiel und geben in New York mehr als fünf Euro pro Packung aus - im wortlosen Protest gegen den Zwang. Und schon ist auch ein Begriff geboren, der die gan-ze Verachtung dieser Jungen ausdrückt: "Nico-Nazis" werden die Inspektoren genannt, die in der Stadt der großen Freiheit ausschwärmen, um die Einschränkung derselben zu überwachen. Es ist ein stilles Aufbäumen, aber unübersehbar.

Als Europäer entdeckt man seit jenem strahlenden Septembertag vor zwei Jahren, an dem das Leben von Millionen Menschen zerrissen worden ist, obwohl er "nur" 2972 von ihnen das Leben gekostet hat, Merkwürdiges, das sich am ehesten noch als Opfer-Syndrom identifizieren lässt: Opfer des unheilvollen Tages vor zwei Jahren sind viele Einwohner New Yorks gewiss, denn sie haben durch einen "vorsätzlich rechtswidrigen Angriff Beeinträchtigungen erfahren", wie man es in der blutleeren Sprache der Definition formulieren könnte. Und das Syndrom, das Zusammentreffen etlicher "Störungen der Befindlichkeit", ist auch nicht zu leugnen.

Das fanatisch behandelte Zigarettenthema ist nur eine der Störungen. Die gesamte wirt- schaftliche und soziale Entwicklung New Yorks seit dem Schock 2001 eine andere. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich die Stadt wieder dorthin führen lässt, wo sie in den Sechziger- und dann wieder in den Neunzigerjahren schon einmal war, als kaum jemand mehr einen Dollar auf ihre Zukunft gewettet hat: Schmutz, Unsicherheit, Kriminalität hatten Unternehmen wie Touristen vertrieben, die Lebenshaltungskosten waren hoch, die Lebensqualität gering.

Das waren die Jahre, in denen Besucher New Yorks fassungslos zwischen den Extremen dieser Stadt hin und her wanderten: zwischen dem in Europa undenkbaren Luxus der Geschäfts- und Finanzviertel und dem ebenso undenkbaren Elend der Bowery-Gegend etwa im Süden, in der damals ein Spaziergang nur mit ausgeprägter Todessehnsucht zu unternehmen war.

Das waren die Jahre, in denen sich Glamour und Armut punktuell vermischten: vor den Toren der St. Patricks Cathedral an der noblen Fifth Avenue zum Beispiel, wo Obdachlose in der Nacht kauerten und den Glanz des Tages in ein Symbol des Niedergangs verwandelten; wo einer von ihnen am glitzernden Times Square offenbar mit unerschütterlichem Humor den Kopf aus dem Pappkarton streckte und schrie: "Vor mir brauchst du dich nicht fürchten, nur vor den Autos" - und sich wieder in die überdimensionierte Schachtel zurückzog. - Daran erinnert man sich 2003 wieder auf der 14. Straße West. Glamour hat es in den vergangenen Jahren dort auch nicht gegeben, aber so etwas wie Ordnung. Jetzt aber stolpert man wieder über jene Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben; die vielleicht auch der einen oder anderen Armen-Unterkunft verwiesen worden sind, weil für deren Erhaltung kein öffentliches Geld mehr da ist; jetzt gerät ein Spaziergang dort nicht selten wieder zu einem Slalomlauf zwischen aufgetürmten Bergen von Müll.

Eine größere Gruppe von ganz offensichtlich psychisch gestörten Menschen bettelt, streitet, pöbelt dort herum. Eine der Frauen hat nicht mehr am Körper als einen schwarzen Müllsack. Das nackte Elend, denkt man und erinnert sich an die großartigen Worte, die nach 9/11 und seither immer wieder verwendet worden sind, um auch den einfachsten Gemütern das Geschehen dieses Tages, den Krieg in Afghanistan, jenen im Irak und gegen den Terror generell zu erklären: "Sie hassen uns, weil wir so reich sind."

Was, so schießt es durch den Kopf, was um alle Welt fühlen diese New Yorker in der 14. Straße West, unversorgt und medizinisch unbetreut, sollten sie je diesen Satz hören? Weil wir so reich sind? Sie leben in einem Dritte-Welt-Viertel, die Fenster der Häuser hie und da mit Pappendeckel zugenagelt, die Straßen voller Löcher oder notdürftig mit Metallplatten abgedeckt, unter denen Rauch aus den Eingeweiden der Stadt aufsteigt. Weil wir so reich sind?

40 Straßenzüge weiter nördlich, ja, da nimmt man den Satz wahrscheinlich zustimmend auf. Im Bistro in der 57. Straße, Ecke Sixth Avenue, wo man schon beim ersten Dacapo wie ein Stammgast begrüßt wird und das Trüffel-Püree vor der Broadway-Show genießt, dort ja. Aber in dieser Gegend New Yorks, in der Kindermädchen samt Leibwächter mit dem putzigen Nachwuchs der Reichen auf Chauffeur und Wagen warten, wusste man ja auch an dem ominösen Tag vor zwei Jahren lange Zeit nichts vom Geschehen im weit entfernten Süden - derselben Stadt. Hier war damals auch die Welt so lange von der Katastrophe unberührt, bis der Wind sich drehte und den Rauch der zerstörten Türme des World Trade Center gegen Norden stieß. Und mit dem Rauch den Geruch. Erst am Abend, vorher nicht. Damals konnte man so tun, als wäre nichts geschehen, genauso wie man jetzt vorgeben kann, es geschehe nichts.

Aber wie ist es in den weniger wohlhabenden Vierteln von Queens oder Bronx? Weil wir so reich sind? Im Frühjahr dieses Jahres wurden die Mieten drastisch erhöht, die Preise für die U-Bahn auch. Die Wirtschaft springt nicht an, die Arbeitslosigkeit bleibt hoch. Wie lässt sich da ein Leben bestreiten? Im Teufelskreis der Budgetkrise
früherer Jahre kann sich diese Stadt wieder verlieren: Mehr als 3000 Polizisten wurden entlassen, die Müllabfuhr wurde reduziert, Sozialprogramme wurden gestrichen, Bildungsausgaben gekappt. Und gerade, als so manchen New Yorkern das ganze tragische Ausmaß der Einsparungen und Erhöhungen bewusst wurde, da konnten sie die aufmunternden Worte ihres Bürgermeisters in den Schlagzeilen lesen: "Seid trotzdem glücklich!" Der Milliardär auf den Spuren von Marie Antoinette: Kein Brot? Kauft Kuchen! Mehr hatte Michael Bloomberg nicht zu sagen. Der blanke politische Zynismus, der Bloomberg aus den Zeitungen entgegenschlug, war verständlich: "Bloomberg sagt, er ist kein Politiker. Die Umfragen geben ihm Recht." Er blieb danach auf dem Tiefstand in der Gunst der New Yorker - bis in der Stadt am 14. August die Lichter ausgingen. In der Finsternis der Metropole erzielte er den sogenannten Giuliani-Effekt (Führungskraft in einer Krise) - und verwendete übrigens dabei dieselben Worte wie sein Vorgänger in den Tagen nach dem Schlag 2001: New Yorker, bleibt zu Hause!

Eine Stadt wird zum Opfer: Allmählich hineingezogen in einen neuerlichen Niedergang durch die negative Spirale verlorener Wirtschaftskraft, steigender Arbeitslosigkeit, fehlender öffentlicher Ausgaben, schlechter Ausbildung, sinkender Kaufkraft, Abwanderung, Steuerentfall . . . Wie in den Sechziger- oder Neunzigerjahren bleiben dann nur die Reichen in der Stadt oder jene, die sich ein Leben in einer anderen US-Stadt gar nicht vorstellen oder einen Umzug nicht leisten können.

Opfer aber auch der Vergesslichkeit: Bundesmittel, die nach dem 11. September der Stadt im Schock und im Überschwang der Solidarität versprochen worden waren, sind nicht eingetroffen. Der Katastrophen-Tourismus rund um die Liberty Plaza hat aufgehört, seit dort nicht mehr zu sehen ist als eine riesige Baustelle, Morast und Absperrungen. Die vergilbten T-Shirts und berührenden Kinderzeichnungen mit den Aufschriften "We love you, New York" sind verschwunden, die Aussichtsplanken um den Krater abgebaut. Auch die Trauerfeiern nächste Woche werden schon viel kleiner sein als jene vor einem Jahr. Noch einmal wird man am Rande der Baugrube alle Namen der Opfer des Einsturzes vorlesen, noch einmal wird man vor Opferfamilien und mit ihnen von Trauer und Leid, aber auch von Heldentum und Mut sprechen. 90 Straßen oder eineinhalb Stunden zu Fuß in direkter Linie vom UN-Hauptquartier weiter nördlich werden um 13 Uhr wieder Moslems in die hellgrüne Moschee des Islamic Center, bezahlt nach dem ersten Golfkrieg von Kuwait, zum Mittagsgebet strömen. Eine Gedenkfeier für die rund 800 Moslems, die ihr Leben in den einstürzenden Wolkenkratzern vor zwei Jahren verloren, war schon voriges Jahr eine Enttäuschung für den Imam: "Ich habe gedacht, es werden tausende kommen", sagte er. Nicht einmal 50 hatten sich für die Trauer der Moslems interessiert. Die Fragen von damals - "Warum ist es passiert?", "Was machen wir mit unseren Erinnerungen?" -, sie werden vielleicht gar nicht mehr gestellt.

Nur Michael Bloomberg wusste schon vor Wochen, was zu tun ist: "Wir planen, den Jahrestag als Tag der Erinnerung und des Stolzes zu begehen, aber genauso als jenen Tag, an dem wir uns wieder der Zukunft zuwenden."

Welcher Zukunft? Das Land hat inzwischen andere Sorgen, als New York nicht in der Vergangenheit versinken zu lassen: "Ich kann euch hören, und die Welt wird euch hören", hatte George W. Bush am 14. September 2001 den Rettungs- und Feuerwehrleuten auf den Trümmern des World Trade Center zugerufen, als er - hoch oben auf dem Geröll stehend - einem Feuerwehrmann den Arm um die Schultern legte und Vergeltung schwor.

Was die Welt seither gehört hat, waren die Bomben auf Afghanistan und der Eid der Übergangsregierung in Kabul; waren die Bomben auf Bagdad und der Sturz der überlebensgroßen Statue Saddam Husseins. Noch nicht gehört hat die Welt die Erfüllung jenes Versprechens, das George W. Bush vier Ta- ge nach den Anschlägen in New York und auf das Pentagon in Washington abgegeben hat: "Wir werden jene finden,
die das getan haben. Wir werden sie aus ihren Löchern räuchern. Wir werden sie verfolgen und verurteilen." - Die New Yorker wiederum hören seit Monaten und Wochen nur Streit rund um Ground Zero, um den Wiederaufbau, um das Denkmal, um die Architektur. Oder sie hören Klagen: "Wir haben gehofft und dafür gebetet, dass die geldgierigen Menschen nicht das Sagen haben werden. Leider hatten wir Unrecht", wird jetzt, da Interviews mit Hinterbliebenen und "Helden" kurz vor dem zweiten Jahrestag wieder en vogue sind, Lee Ielpi zitiert, dessen Sohn unter den Trümmern der beiden Türme begraben liegt.

Für das restliche Land aber sind die Truppen in Afghanistan und im Irak, die horrenden Ausgaben für die Militäroperationen und das größte Budgetdefizit in der Geschichte Amerikas wichtiger geworden als die Opfer von New York. Die nationale Aufmerksamkeit hat sich anderen Dingen zugewandt und ist nicht einmal mehr mit den traurigen Medienberichten über die letzten Worte mancher Helden und Sterbenden wiederzugewinnen, wie sie in den Protokollen der Telefongespräche zwischen 8.45 Uhr und 10.28 Uhr des 11. September 2001 aufscheinen.

Welche Zukunft also? Eine ganze Stadt als Einzelschicksal: Wer an seiner Opferrolle zu lange festhält, verliert die Sympathie seiner Umgebung. Aber New York leidet nicht nur darunter, sondern auch unter der zerbrochenen internationalen Solidarität mit den USA ganz allgemein und darunter, dass alle Beschwörungen des Leids vor zwei Jahren, der Toten, der Witwen und Waisen, jetzt als politische Taktik gelten, um die Erinnerungen an den "großen Moment" George W. Bushs am Nachmittag des 14. September 2001 wieder in das Gedächtnis seiner Wähler zu rufen. Das müssen die Bewohner von New York, jedenfalls je- ne, die sich nicht in die tiefen Ledersessel der Clubs der Upper East Side fallen lassen können, nun erfahren. Damit müssen sie zurechtkommen. Sie sehen, wie die Stadt vor ihren Augen verkommt, wie Viertel, die in den vergangenen Jahren eine neue Blütezeit erlebt haben, wieder von Unsicherheit und Verfall bedroht sind. Und so grotesk der Bogen zum obsessiven Zigarettenverbot auch scheinen mag: Wenn eine Bar nach der anderen schließen muss, so sind das Jobs, Jobs, Jobs - oft zweite und dritte, weil so mancher mit einem Arbeitsplatz allein nicht mehr über die Runden kommt.

Welche Zukunft dann? Eine, in der Bar- und Restaurantbesitzer wie in Zeiten der Prohibition ein System entwickeln, mit dem man einander statt vor den Alkohol-Inspektoren vor den Zigaretten-Wächtern warnt? Das wäre nicht nur ein Rückfall in die Zeit vor 20 und 40 Jahren, sondern in die Zwischenkriegszeit. Grotesk in einer Stadt, die keine Grenzen akzeptiert und so stolz auf ih- re Maßlosigkeit und auch ihre Toleranz ist.

New Yorker können maßlos sein, auch in ihrer Geduld. Zwei Jahre lang hat ein Schauspieler seine Träume verdrängt, obwohl er sich nach den fatalen Septembertagen geschworen hatte, sein Leben zu verändern; obwohl auch für ihn nachher nichts so war wie vorher.

Er arbeitet noch immer im Büro seiner Firma in Manhattan, er hat den Sprung in die berufliche Unsicherheit noch immer nicht gewagt, hat heuer miterlebt, wie sich tausende von Menschen tage- und nächtelang in einer Kilometerschlange angestellt, auf Gehsteigen übernachtet haben, um einen von 200 Jobs zu ergattern, die von einer Gewerkschaft ausgeschrieben waren. Weil wir so reich sind? Europäer würden das nicht verstehen. Der Schauspieler schon. Er bleibt in seinem Büro, denn auch er sieht: Die Stadt, in die er mit so großen Hoffnungen und so starken Träumen vor ein paar Jahren aus der Provinz gezogen ist, hat sich seit dem 11. September 2001 verändert. Nicht die berühmte Skyline allein, an der die Türme fehlen. Irgendwann, so denkt er sich, irgendwann werde ich es schaffen.

Irgendwann, das glaubt auch die Verkäuferin in einem Schokoladegeschäft in Greenwich Village, irgendwann wird sie zur Tür hinausgehen in ein anderes Leben. Sie hat einen Hochschulabschluss und dennoch seit zwei Jahren nicht die Kraft, den Job zu verlassen. Die Besitzerin des Geschäfts hat "vergessen", die Sozialversicherung zu bezahlen. Die Verkäuferin mit dem akademischen Titel nimmt es hin. Von Betrug will sie nichts hören, von Depression auch nicht. Denn irgendwann . . .

Drei "Helden" des 11. September warten nicht mehr darauf: Bürgermeister Rudolph Giuliani berät mit seiner Firma unter anderem nun Mexiko in Sicherheitsfragen; Bernard Kerik, der bullige Polizeipräsident mit der schillernden Vergangenheit in der Zeit, als New York in Drogen, Verbrechen und Chaos zu versinken drohte, soll dieser Tage im Irak die Polizei wiederaufbauen; und Feuerwehrchef Thomas Von Essen, der Hüne von Mann mit den Tränen, wird vom Washington Speakers Bureau vermittelt, um vor allem Managern zu erklären, wie man einer Herausforderung begegnet und welche Lehren aus 9/11 zu ziehen sind: Der Mensch sollte sich nie selbst unter- und jene Kräfte, die er in einer Krise mobilisieren kann, gering schätzen.

Dieser Rat ist wohl nicht für die Frau auf der 14. Straße in ihrem schwarzen Müllsack gedacht. [*]

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.