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Die Natur wirft wenig ab

"Auf dem Papier kennt man keine Scham, da fällt jede Beichte leicht, weil sie jederzeit widerrufbar ist": Eine seiner Figuren benennt die Poetik von Raoul Schrotts neuem Roman, "Tristan da Cunha" - beklemmende Geschwätzigkeit.

Was immer er anfasst - es wird zu Gold: Ob Raoul Schrott in der "Erfindung der Poesie" deren Geheimnissen auf der Spur ist, ob er dem Gilgamesch-Epos durch eine Nachdichtung mit Kommentar neue Konturen gibt oder in seiner Lyrik Dichtung und Naturwissenschaft auszusöhnen versucht - dies erfolgt unter anhaltendem Beifall des Lesepublikums, mochten da auch einige morose Philologen die Verwüstungen beklagen, die er in der antiken Lyrik angerichtet hatte, oder an seinen Kenntnissen orientalischer Sprache Zweifel hegen, mochten Kritiker seine naturwissenschaftlichen Eskapaden fragwürdig finden oder mit spitzer Nadel die Sprechblasen, mit denen er seine schrägen Metaphern der Welt offenbarte, zum Platzen bringen: Immer siegte die perfekte Performance über die kleinlichen Zweifel, da uns Raoul Schrott die abhanden gekommene authentische Poesie wieder zu schenken schien.

Mit "Finis terrae" (1995) hatte er seinen viel beachteten ersten Roman vorgelegt, und man konnte gespannt auf seinen zweiten sein: "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde" wurde mit einer Broschüre als Beipacktext auf den Weg geschickt, in der dieses Opus als "Roman der Sehnsucht" empfohlen wurde, ein Etikettenschwulst, den man eher Bastei-Lübbe als dem renommierten Hanser Verlag zugetraut hätte.

Doch es handelt sich, um die Kritik gleich vorwegzunehmen, um keinen Etikettenschwindel: Es ist in der Tat ein Roman der Sehnsucht, und so ist jeder, der sich über die Insel Tristan da Cunha informieren will, mit Google weitaus besser dran; da hat er in zwei Minuten übersichtlich alles beisammen, was sich zu wissen lohnt: Tristan da Cunha im südlichen Atlantik darf sich rühmen, die Insel zu sein, die am weitesten von allen andern Inseln entfernt ist. Entdeckt wurde sie im 16. Jahrhundert von einem portugiesischen Seefahrer, dem sie ihren Namen verdankt. Sie untersteht der britischen Krone. Im Jahre 1961 gab es einen Vulkanausbruch. Die nicht ganz 300 Bewohner wurden evakuiert und kehrten nach etwa zwei Jahren zurück.

Schrott führt vier Figuren vor, deren Lebensweg mehr oder minder lose mit diesem unwirtlichen Eiland verbunden ist: Da ist einmal der anglikanische Priester Edwin Heron Dodgson, Bruder des Mathematikers und Schriftstellers Charles Lutwidge Dodg- son, besser bekannt als Lewis Carroll und Verfasser der "Alice in Wonderland"; dann der Briefmarkenhändler Mark Thomsen, der von England aus, ohne die seltsame Insel je zu betreten, deren Geschichte schreibt; ferner Christian Reval, der im Zweiten Weltkrieg als Funker auf Tristan da Cunha stationiert war und 1969 beim Vermessen einer weiter südlich gelegenen Insel unter ungeklärten Umständen stirbt; und schließlich Noomi Morholt, die sich ab Frühjahr 2003 in der Antarktis aufhält, um dort Forschungen über das Polarlicht zu betreiben.

Vom 19. Jahrhundert an bis in unsere unmittelbare Gegenwart reicht also die erzählte Zeit, und es hat den Anschein, als sollte nicht nur die private Geschichte, sondern auch die Welt- und die Naturgeschichte Unterkunft finden. Die drei Männer sind alle mehr oder minder unglücklich Liebende, haben sie sich doch in eine Gestalt verliebt, die wie ein Phantom über die Jahrhunderte hinweg sich als die meist unerreichte weibliche Idealfigur offenbart: Sie stoßen immer wieder seufzend den Namen "Marah" aus; physisch handelt es sich offenkundig um verschiedene Personen, die auf rätselhafte und nicht immer eindeutige Weise mit der Insel Tristan da Cunha verbunden sind. "Marah" heißt "die Bittere", der Beiname, den sich Naemi wünscht, als sie nach dem Tod ihrer Schwiegersöhne mit ihrer Schwiegertochter, der Moabiterin Ruth, nach Bethlehem kommt (Ruth 1, 20). Mit Hinweisen auf Zusammenhänge dieser Art, die uns von der umfassenden Bildung des Autors überzeugen sollen, wird nicht gespart. Aber der Leser mag beruhigt sein: Aus alledem geht bemerkenswerter Weise nichts hervor.

Zudem erhält man den Eindruck, als wäre die Geschichte der Insel der zusehends fraglicher werdende Vorwand, diese Liebes-geschichten zu erzählen, denn so viel wirft sie als Stoff nicht ab, da das Schicksal der sieben bis acht eng durch verwandtschaftliche Bande und naturgemäß daher auch durch Streit verbundenen Familien durch eine minuziöse Rekonstruktion kaum besser oder interessanter wird. Auch dass dort einmal jenseits aller europäischen Verfassungen "die erste sozialistische, kommunistische, anarchistische oder wie auch immer zu adjektivierende Gemeinschaft entstanden" ist, bleibt folgenlos. - Auch die Natur wirft wenig ab, obwohl sich Schrott zur Trennung der einzelnen Abschnitte Zwischentexte hat einfallen lassen, die mit einem überdimensioniert gesetzten IM beginnen und dann so etwas wie ein Seestück in Sprache darstellen sollen, meistens aber nur einen Beweis mehr dafür liefern, dass ungenaue Diktion der Natur am allerwenigsten gerecht wird: "IM Wind war die Stille. Wäre es Tag gewesen, hätte man seinen Rand sich leicht vom Himmel abheben sehen können; unter ihm türmten sich schon ringsum die Wogen." In solchen Paradoxa und schwerfälligen Umschreibungen gefällt sich Schrott, und er leiht allen seinen Figuren auch seinen Stil. Das wächst sich vor allem bei den Partien, die dem Mark Thomsen zugedacht sind, zur unheimlich zerdehnten Peinlichkeit aus. Ihm ist seine Marah mit einem Holländer durchgegangen, und er ergeht sich in Bildern, die ihm zuerst sein Schöpfer und dann der Verlagslektor hätten wegstreichen müssen: "Die Einsamkeit saß mir im Gedärm wie eine Muräne im Loch, nadelspitz die Zähne, dass ich vor Pein darüber fast den Verstand verlor." In seiner Verzweiflung flieht Thomsen auch "in die Bilder von Magazinen", doch auch diese Banalität wird zur verklemmten Bedeutsamkeit aufgebläht: "Es war meist eine Frau, die von zwei oder manchmal mehreren Männern beschlafen wurde, es stieß mich anfangs ab, bis ich verstand, dass ich darin meine Begierde wiedererkannte, die Begierde, Besitz zu ergreifen und dabei alle Identität zu verlieren, mich aufzulösen im anderen, Fleischliches auch zu spüren." Zudem versäumt es der Autor nicht, sich selbst ins Spiel zu bringen: Noomi (das ist natürlich wieder Marah!) Morholt wird im Internet durch einen in Portugal geborenen Schriftsteller namens Rui (!) umworben, er nennt sie Marah (!!) und schreibt gerade an einem Roman über Tristan da Cunha (!!!). Zögernd macht er sich nun an Noomi heran, dabei sind die beiden schon einmal miteinander im Bett gewesen, und Noomi stellt diese Begegnung ausführlich dar, mit vielen pikanten Arabesken. (Der traut sich was, der Schrott!) Was die Naturwissenschaftlerin allerdings am Geschwafel dieses Romanciers finden kann, bleibt ein Rätsel. Psychologie ist gewiss nicht das einzige Mittel, um einer Handlung Glaubwürdigkeit zu verleihen, aber wenn Figuren immer wieder auf ihre seelische Verfassung Bezug nehmen, dann irritiert es schon, wenn alle Männer sich dauernd so verhalten, als wäre die Pubertät das Finalstadium ihrer erotischen Kompetenz. - Um die Beschreibung des Vulkanausbruchs, durch den Tristan da Cunha auch in den Lexika präsent ist, hat Schrott sich so gut wie ganz gedrückt. (Übrigens wollte Doderer von diesem im vierten Teil seiner unvollendeten Romantrilogie "Roman No 7" handeln.) Das mag als noble Zurückhaltung gewertet werden, aber die Geschichte dieser Sehnsucht ist ein fürwahr dubioser Ersatz. Thomsen bleibt es überlassen, uns - unfreiwillig - den Einblick in das Prinzip der Poetik Schrotts zu gewähren: "Auf dem Papier kennt man keine Scham, da fällt jede Beichte leicht, weil sie jederzeit widerrufbar ist."

"Die Hälfte der Erde" lautet der (unnötige) Untertitel des Romans, und das Buch verhält sich so, als würde es durch das unaufhaltsame Gerede Globalität suggerieren. Doch diese beklemmende Geschwätzigkeit, die Bildungsgüter nach Belieben herbeiredet, hat etwas Einengendes und legt den Verdacht nahe, dass Globalisierung und Provinzialismus auf unheimliche Weise verschwistert sind.

Robert Musil, der in Physik und Mathematik bestens beschlagen war, hat sich über die Romanschwarten der Zwanzigerjahre lustig gemacht und gemeint, man müsse nach deren Lektüre ein Integral auflösen, "um abzumagern". Daran musste ich oft denken, als ich diesen Roman aus dem neuen Jahrtausend las. [*]

Jahrgang 1942. Ordinarius für Germanistik an der Universität Wien und Leiter des Österreichischen Literaturarchivs. Bücher: u. a. "Der Übertreibungskünstler. Studien zu Thomas Bernhard" und "Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990".

Raoul Schrott: Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde. Roman. 716 S., geb., € 26,70 (Hanser Verlag, München)