Faden im Dickicht

Warum Amerika den Rest der Welt fasziniert und wütend macht? "Weil wir arrogant und reich sind." Feindbild USA: Neuerscheinungen zu den Hintergründen des Irak-Kriegs.

Warum dieser Krieg? Warum diese Bilder der Toten, Verstümmelten, Verstörten? Von der Kriegsberichterstattung aus dem Irak sind keine Antworten zu erhalten, von den offiziellen Erklärungen auch nicht: Zu rasch hatten sie sich vor Kriegsbeginn verändert - von Massenvernichtungswaffen zur Unterstützung des internationalen Terrors zur Befreiung des irakischen Volkes von der Diktatur Saddam Husseins. Warum also?

Können Bücher Antworten liefern, findet man dort die Wahrheit in einer Zeit, in der eigentlich niemand mehr weiß, was genau die "Wahrheit" ist; in der man alles und jedem glauben kann - oder auch nicht; in der jeder nur mehr glaubt und als Wahrheit verkündet, was er glauben will? In den Büchern aber finden sich auch nur Mosaiksteine, mit Glück einige mit dem gleichen Muster, so dass man sie aneinander fügen und glauben kann, man habe festen Boden unter den Füßen - auf dem Weg zur Wahrheit, wohl wissend, dass diese wahrscheinlich erst die Geschichte zu Tage befördern wird.

Mit den Bildern der Kriegsopfer, der jungen Gesichter der Soldaten, der zerbombten Häuser und abgestürzten Hubschrauber, der schreckgeweiteten Augen der Kinder und der Kriegsgefangenen im Kopf fühlt man sich bei der Lektüre der in Serie erschienen Analysen der Vorgeschichte dieses Irak-Kriegs wie ein Voyeur. Und nimmt in allen einen roten Faden auf, der eher in ein beängstigendes Dickicht als auf eine helle Lichtung führt. Denn die Argumentationslinie ist trotz der unterschiedlichen Standpunkte am Ende immer die gleiche und lässt sich so zusammenfassen: Die USA wussten seit Jahren, dass Saudi-Arabien mit einer Art Schutzgeld das Netzwerk von Osama bin Ladens al-Qaida finanzierte, um den Terror vom eigenen Land fern und das dort herrschende Regime stabil zu halten - und sie unternahmen nichts, um den eigenen Einfluss in und auf den saudischen Öl-Lieferanten nicht zu gefährden. Aus diesen und internen Gründen versagten die US-Geheimdienste, versagten alle Abwehrmechanismen der Vereinigten Staaten in der Zeit vor den Anschlägen auf New York und Washington am 11. September 2001. Diese aber wiederum seien der - je nach Betrachtungsweise der Autoren mehr oder weniger willkommene - Anlass für ein militärisches Vorgehen gegen Afghanistan und nun gegen den Irak gewesen.

Das mit Sicherheit schmerzlichste Glied dieser Argumentationskette schmiedet der französische Wissenschaftler und Journalist Emmanuel Todd in seinem Nachruf auf die "Weltmacht USA": Es liege, so glaubt er, im Interesse der einzigen verbliebenen Supermacht USA, fortan die Welt in einem permanenten Kriegszustand zu halten, um die eigene militärische Überlegenheit dauerhaft demonstrieren und so jede wirtschaftlich/politische Konkurrenz, die in Europa und Asien erwachsen könnte, auszuschalten.

Die Trennlinie zwischen den Neuerscheinungen der vergangenen Monate ergibt sich fast von selbst: Auf der einen Seite liegt der Ausgangspunkt für die Autoren im zerstörten Teil von Manhattan, zeitlich also am 11. September 2001; auf der anderen Seite liegt er beim konservativen Flügel der regierenden Republikaner und somit im Oval Office George W. Bushs. Irgendwo dazwischen, um Verständnis für die Haltung Europas und jene der USA ringend, findet sich Robert Kagan mit seinem Essay in Buchform, "Macht und Ohnmacht", wieder. Er hat Mitgefühl mit beiden und Kritik für beide. Europa, so Kagan, könne sich sein "postmodernes Paradies" des Wohlstands und Friedens ohne militärische Anstrengung nur deshalb leisten, weil Amerika die "Schutzmauern" zu diesem Paradies bewache, selbst aber nie in einem solchen leben werde: "Die USA bleiben, ungeachtet ihrer enormen Machtfülle, der Geschichte ausgeliefert. Sie müssen sich mit den Saddams und Ayatollahs, den Kim Jong Ils und Jiang Zemins herumschlagen und den größten Teil des Nutzens anderen überlassen."

Amerika wiederum, so schreibt der ehemalige Beamte des US-Außenministeriums weiter, habe es eigentlich nicht nötig, sich ständig gegen die vermeintliche Behinderung durch Europa zu wehren, könnte "mehr Verständnis für die Empfindlichkeiten anderer" und mehr "intellektuelle Großzügigkeit" an den Tag legen.

Kagans Essay ist ebenso frei von den beunruhigenden Verschwörungstheorien anderer Bücher wie Bob Woodwards "Bush at War" - aber aus anderen Gründen und auf andere Weise. Als Chronist der Ereignisse nach der Tragödie in New York und Washington bis zur Vertreibung der Taliban in Afghanistan zeichnet Woodward nämlich mit großer Distanziertheit lediglich ein Bild des inneren Kreises um George W. Bush und der "principals", wie er die - in anderen Büchern als Gruppe von Akteuren mit niedrigsten Motiven beschriebenen - Hauptakteure Dick Cheney (Vizepräsident), Donald Rumsfeld (Verteidigungsminister), Condoleeza Rice (Sicherheitsberaterin) und die Einflüsterer der zweiten Reihe nennt. Er zeichnet einfach auf, was wer wann gesagt hat, welche Linie vertreten wurde, welche Differenzen zu Tage traten. Im Rückblick der Ereignisse zieht man den meisten Gewinn aus der Information, dass Cheney bereits am 12. September 2001 den Irak als Kriegsziel genannt hatte. Schritt für Schritt - und daher etwas mühsam und redundant - wird der Leser von Woodward in Richtung Afghanistan-Entscheidung geführt.

Eine Entscheidung übrigens, die ein Leser mit schwachen Nerven keinesfalls im Gegenpol zu Woodward, im Essay des Dramatikers Gore Vidal, ergründen sollte. Vidal ist der Wortgewaltigere, hält sich nicht mit Protokollen auf. Auch deshalb geht sein Urteil über die "Cheney-Bush Junta" unter die Haut. Mehr sogar als das wissenschaftlichste Buch in der Liste, jenes des Engländers Nafeez M. Ahmed vom Institute for Policy Research & Development in Brighton. Er leuchtet die Hintergründe des 11. Septembers und die Logik amerikanischer Machtpolitik derart grell aus, ist derart detailliert und dokumententreu, dass nur sein Eingeständnis gegen Ende des Buches Erleichterung verschafft: "Es soll nicht der Anschein erweckt werden, dass die hier vorgelegten Erkenntnisse endgültig wären. Jeder Leser muss selbst entscheiden, ob er mit diesen Einschätzungen übereinstimmt oder nicht."

Und diese, seine Einschätzungen erschüttern - vor allem, weil sie die berechtigte Frage aufwerfen, warum nach dem 11. September in den US-Geheimdiensten, in den politischen Zirkeln Washingtons niemand zur Verantwortung gezogen wurde: "Zumindest handelt es sich hier um Mithilfe durch Fahrlässigkeit oder Unterlassung, denn die US-Regierung hat systematisch und bewusst gegen jede Sorgfaltspflicht verstoßen und sich auch für die absehbaren Folgen ihres Tuns überhaupt nicht interessiert. Darüber hinaus weist die konsequente und systematische Art, wie sie diese Politik nach dem 11. September weiter verfolgte, auf eine vorsätzliche Beihilfe hin." Man kann es glauben oder nicht. Man kann ihm auf dem Weg von New York über Kabul nach Bagdad folgen - oder eben nicht.

Das ist aber ein Weg, der auch von dem Nahost-Experten Eric Laurent gezeichnet wird. Allein, dieser ist bevölkert von der Bush-Familie und der Familie Osama bin Ladens, von saudiarabischen Geldgebern und Vertretern des Öl-Geschäftes. Die Namen, die da auftauchen, finden sich in vielen anderen Büchern, die Interessensverflechtungen auch: Khalid Bin Mafouz etwa oder die Carlyle-Gruppe, in der George Bush senior involviert ist und die von Rüstungsaufträgen der Administration von Bush junior profitieren soll. Das Geflecht von Banken, Bush-Firmen in Texas, saudiarabischen Finanziers und Öl-Interessen kann dem Leser die Kehle zuschnüren. Dieses Buch wird jenen, die für Verschwörungstheorien anfällig sind, den Schlaf rauben. Sie werden die Frage nicht verdrängen können, warum in all den Büchern zu diesem Thema immer dieselben Namen in immer denselben Konstellationen auftauchen.

Da bieten die gewagten Macht-Theorien Emanuel Todds geradezu einen Ausweg: Diese sind - um den Untergang der Weltmacht USA zu belegen - so weit hergeholt, dass man sie gedanklich zumindest locker wegschieben kann.

Nur als Beispiel: Dass Japan in seinem momentan wirtschaftlich geschwächten Zustand für die USA eine derartige Bedrohung sein soll, dass sie deshalb zu jeder Zeit und an jedem Ort militärisch vorgehen wollen, vermag man einfach nicht nachzuvollziehen; dass die USA wirtschaftlich von anderen abhängig und politisch überflüssig werden, ebenfalls nicht.

Von seinen überhitzten Gedanken kann sich der Leser vielleicht noch am ehesten im "Schatten des Sternenbanners" erholen, denn dort ringt der amerikanische Journalist Mark Hertsgaard sehr persönlich, sehr reportagenhaft mit der Außensicht auf sein Land und fasst sie schließlich doch fast rührend mit einer Innensicht zusammen, als der Briefträger seine Frage "Warum Amerika den Rest der Welt fasziniert und wütend macht" so beantwortet: "Weil wir arrogant und reich sind." Man spürt, der Autor leidet. Und man leidet mit ihm. [*]

Nafeez M. Ahmed: Geheimsache 09/11. 500 S., geb., € 24,70 (C. Bertelsmann Verlag, München)

Mark Hertsgaard: Im Schatten des Sternenbanners. Aus dem Englischen von Friedrich Griese, 256 S., geb., € 20,50 (Hanser Verlag, München)

Eric Laurent: Die Kriege der Familie Bush. 256 S., geb., € 17,40 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Gore Vidal: Dreaming War. Blood for Oil and the Cheney-Bush Junta. 108 S., brosch., € 12,05 (Thunder's Mouth Press, New York)

Bob Woodward: Bush at War. Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese, Klaus Kochmann und Peter Torberg, 416 S., geb., € 25,60 (Deutsche Verlags-Anstalt, München)

Robert Kagan: Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt, 128 S., Ln., € 16,50 (Siedler Verlag, Berlin)

Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann, 265 S., brosch., € 12,40 (Piper Verlag, München)

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