Unter unseren Ahnen sind, zumindest mütterlicherseits, keine Neandertaler: Das bezeugen neuere DNA-Analysen. Über eine Sackgasse der Evolution.
Dass er nicht schlicht Neumannta ler heißt, der neue alte Mensch, der im August 1856 im Bergi schen Land unweit von Düsseldorf gefunden wurde, dankt er dem Pastor Joachim Neander (1650 bis 1680). Der zog sich zum Komponieren frommer Weisen ("zu singen auf Reisen, zu Hause oder bei Christen-Ergötzungen im Grünen") gerne in die Kalk-Schluchten am Ufer der Düssel zurück: Er hieß früher gut deutsch Neumann und hatte sich zu Neander gräzisiert.
Nach ihm wurde eine Schlucht benannt, die die Düssel 40 Meter tief durch Kalkstein gefräst hatte. In ihren Höhlen feierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts Künstler aus Düsseldorf Feste, 1847 griff der Fortschritt nach dem Naturwunder: Die "Actiengesellschaft für Marmorindustrie im Neanderthal" brach den Kalk mit groben Mitteln aus den Wänden und warf den Müll - Schlamm aus den Höhlen - in den Fluss. Nur einem stachen die seltsamen Knochen in diesem Schlamm ins Auge, dem Steinbruch-Besitzer Wilhelm Beckersdorf. Er ließ vieles bergen, vor allem ein mächtiges Schädeldach.
"Nach Untersuchungen dieses Gerippes, namentlich des Schädels, gehörte das menschliche Wesen zu dem Geschlechte der Flachköpfe, deren noch heute im amerikanischen Westen wohnen", berichteten die Regionalzeitungen am 4. September: "Vielleicht trägt dieser Fund zur Erörterung der Frage bei: Ob diese Gerippe einem mitteleuropäischen Urvolke oder bloß einer (mit Attila?) streifenden Horde angehört haben."
Dass sie reichlich früher herumgestreift waren - in der Eiszeit -, erkannte zunächst der Lehrer Johann Carl Fuhlrott, aber er stand quer zu den Mächten der Zeit: Kirche und Staat wollten die gottgewollte Schöpfung durch keine Evolution erschüttern lassen, und die Wissenschaft - Darwins "Ursprung der Arten" erschien erst zwei Jahre später - war auch noch nicht so weit: Der Arzt Rudolf Virchow, selbst ein Revolutionär (auf den 1848er Barrikaden und in der Medizin), sah in den Knochen keinen Urmenschen, sondern einen rachitischen Zeitgenossen. Erst 1863 schmückte der irische Anthropologe William King den Fund mit dem Attribut des Menschen - und mit seinem Namen: Homo Neanderthaliensis King.
Später widerrief King - es sei kein Mensch gewesen -, aber es war nicht mehr aus der Welt zu schaffen, dass es neben uns noch einen zweiten Menschen gegeben hat. Aber bis heute ist strittig, was dieses "neben uns" bedeutet: Ist er unser Ahne? Oder haben unsere Ahnen ihn totgeschlagen, obwohl sie über Jahrzehntausende nebeneinander Europa, den Nahen Osten und Asien bewohnten? Fest steht, dass die Menschen in Afrika entstanden sind und sich vor zwei Millionen Jahren auf den Weg machten, erst in den Nahen Osten, dann weiter nach Osten - vor 1,75 Millionen Jahren waren die ersten in Dmanisi in Georgien -, der Weg nach Westen war von der Gebirgen Anatoliens verstellt. Sie wurden weiträumig umgangen, erste Spuren in Europa hinterließen Menschen vor einer Million Jahren in Spanien.
Vermutlich aus diesen Einwanderern entwickelten sich die Neandertaler, die vor 400.000 Jahren auftauchten und vor 80.000 Jahren über ganz Eurasien verbreitet waren, von Spanien bis zum Kaukassus. Kein anderer Urmensch hat so viel hinterlassen, 300 Fundstätten sind bekannt. Aber keine von ihnen verrät, warum diese Menschen vor 30.000 Jahren im Dunkel der Geschichte verschwanden, ungefähr zur selben Zeit, als ein anderer sich in Europa breit machte, der moderne Mensch, Homo sapiens sapiens.
Er kam vor etwa 40.000 Jahren, das zeigen Funde seiner Werkzeuge. Knochen hingegen finden sich spärlich - gerade wurden die mit 35.000 Jahren ältesten in Rumänien entdeckt (Science, 300, S. 894) -, manche vermuten: wegen Kannibalismus. Vielleicht waren diese Ahnen extrem gewalttätig, vielleicht haben sie die Neandertaler ausgerottet. Vielleicht haben sie sie aber auch eingemeindet oder sind von ihnen eingemeindet worden, sozial und genetisch.
Das ist der zentrale Dauerstreit der Anthropologie: "Out of Africa II" versus "Multi-Regionalismus". Die eine Fraktion nimmt an, dass lange nach der ersten Wanderwelle eine zweite aus Afrika aufbrach - vor etwa 150.000 Jahren - und so rasch wie grob vom Erdenrund Besitz ergriff: "African killers" heißen diese Ahnen deshalb auch.
Aber Spuren von Gemetzeln an Neandertalern kennt man nicht, sie müssen anderen Gewalten gewichen sein. Dem vor 40.000 Jahren härter werdenden Klima? Sie hatten sich über mehrere Eiszeiten gehalten. Ihrer mangelnden Konkurrenzfähigkeit? Lange galten sie als reichlich primitiv, weil sie über Jahrhunderttausende ihre Werkzeuge nicht weiterentwickelten. Aber ihre Gehirne waren größer als unsere, vielleicht waren sie auch der Sprache fähig. Sie haben das Feuer domestiziert wie unsere Ahnen, sie haben sich von Fleisch genährt wie sie - dies allerdings mühsamer erjagen müssen, weil ihre Waffen schlecht entwickelt waren -, sie hatten ein Sozialleben: Alte und Verletzte wurden versorgt, Tote zumindest in manchen Fällen bestattet. Und gerade in ihrer Endphase, als sie in Nachbarschaft mit den Neuankömmlingen lebten, entwickelten sie neue Techniken, stellten gar Schmuck her.
Trotzdem verschwanden sie. Aber vielleicht verschwanden sie nur äußerlich und leben tief in uns weiter? Darauf setzt die zweite Hypothese, die des "Multi-Regionalismus": Sie sieht nur die erste große Wanderung aus Afrika und dann Parallel-Entwicklungen zu modernen Menschen überall auf der Erde - und wenn sporadisch Zuwanderer kamen, wurden sie integriert. Stimmt das, müssen sich die Neandertaler in unseren Genen finden, aber dort sind sie nicht, das weiß man seit der ersten Analyse von Neandertaler-DNA, die Svante Pääbo (damals Universität München) 1997 gelang.
Aber vielleicht waren sie in den Genen unserer Ahnen und sind wieder verloren gegangen? Auch hier melden nun Forscher, die erstmals Gene von Neandertalern mit Genen von zwei Cro-Magnon-Menschen - 24.000 Jahre alt - verglichen haben, Fehlanzeige (Pnas, 13. 5.).
Allerdings sind alle analysierten Urmenschen-Gene mitochondriale Gene, die nur von Frauen vererbt werden - ein Neandertaler-Mann könnte sich schon eingekreuzt haben. Und alle vier bisher analysierten Neandertaler stammen aus dem Westen: "Manche Multi-Regionalisten vermuten aber, dass Asien eine eigene Entwicklung gegangen ist", berichten Katrin Schäfer und Bence Viola, die am anthropologischen Institut der Universität Wien eine besondere Spur verfolgen: Sieben Zähne aus Sibirien - zwischen 35.000 und 200.000 Jahre alt -, die Anatolij Derevianko (Sibirischer Zweig der Russischen Akademie der Wissenschaften) ausgegraben hat.
Manche sehen nach Neandertaler aus, manche nach Homo sapiens, manche könnten von Mischungen stammen. Aber die Hoffnung, aus ihnen DNA gewinnen zu können, hat sich zerschlagen, nun soll ein Armknochen helfen. Und die Zähne sollen anderes verraten: Maria Teschler-Nicola (Naturhistorisches Museum Wien) will ihrer Chemie mit feinsten Laser-Techniken die Lebensweise und Wanderungen der frühen Sibirier ablesen. [*]