In Ländern mit schlecht entwickelten Finanzmärkten führt Bestechung oft zu einer Einkommensumverteilung.
Praktisch jedermann - egal ob Regierungsmitglied, Unternehmer, Beamter oder Bürger - stimmt wohl der Aussage zu, dass Korruption ein wesentlicher Hemmschuh für die gesellschaftliche Entwicklung ist. Umso erstaunlicher ist es da, dass sich Bestechung allerorts so hartnäckig hält - schließlich leben ja auch wir in der sogenannten entwickelten Welt nicht völlig ohne Korruption. Erklärungsversuche gibt es viele. Ein recht simpler lautet, dass Korruption dann allgemein akzeptiert wird, wenn alle Beteiligten - also der Beamte und sein Klient - davon profitieren und gleichzeitig der Staat nicht direkt geschädigt wird. Ein Beispiel: Ein Antragsteller bekommt seine Baugenehmigung schneller, wenn er etwas mehr als die amtliche Gebühr bezahlt. Der Beamte steckt dann den "Mehrerlös" in die eigene Tasche und bessert damit sein dürftiges Gehalt auf.
Diese Erklärung freilich funktioniert nicht, wenn nur der Beamte profitiert und Bürger wie Staat geschädigt werden. Etwa wenn ein Beamter für die bloße Genehmigung eines Betriebs Bestechungsgeld verlangt. Die Frage drängt sich auf, warum sich auch diese Form der Korruption so lange halten kann - und noch dazu offenbar viel verbreiteter ist als die erste? Genau das haben sich nun zwei junge Wissenschaftler der Universität Zürich angesehen. Sie haben dazu ein Modell konstruiert, das explizit die Verteilung des Wohlstandes in der Bevölkerung einbezieht. Dabei unterscheiden die Forscher - die sich in ihrer Arbeit übrigens bei den Teilnehmern der Europäischen Wissenschaftstage Steyr 2002 für deren konstruktive Beiträge bedanken - zwischen zwei Fällen: zum einen Länder, in denen die Bevölkerung einen unbeschränkten Zugang zu Krediten hat, und zum anderen Staaten, wo es Restriktionen dabei gibt. Das mathematische Modell wurde dann mit realen Daten von 53 Staaten überprüft.
Die Ergebnisse sind verblüffend: So ergab sich, dass die Einkommensverteilung eng mit dem Ausmaß der Korruption zusammenhängt - konkret: das reichste Fünftel der Bevölkerung wurde durch weit verbreitete Bestechung noch reicher. Auf der anderen Seite ist das Wohlstandsgefälle umso größer, je höher die Korruption ist. Das wirklich wichtige Ergebnis ergibt sich aus der Kombination dieser beiden Faktoren: Je weniger entwickelt die Kapitalmärkte sind, desto mehr vergrößert Korruption das Wohlstandsgefälle.
Das ist auch plausibel. Denn je strenger die Restriktionen bei der Kreditvergabe sind, desto schwieriger wird es für nicht so kapitalstarke Unternehmer, die hohen Bestechungsgelder zu zahlen. Dadurch wiederum sinkt die Nachfrage nach Krediten - mit der Folge, dass die Zinsen fallen und sich die Reichen noch billiger mit Kapital eindecken können. Im Endeffekt wird also vor allem die Mittelschicht hart von den Folgen der Korruption getroffen, die reicheren Unternehmer profitieren hingegen. Die Unterschicht kann im Fall von starken Kreditrestriktionen ohnehin nicht mitspielen und wird deshalb auch durch höhere Korruption nicht so stark geschädigt.
Daraus ergibt sich folgende Antwort auf die Frage, warum Korruption, bei der vor allem Beamte profitieren, so schwer ausrottbar ist: Nur ein Teil der Gesellschaft, nämlich die Mittelschicht, kann wirklich von der Eindämmung der Korruption profitieren - und diese ist in vielen Staaten mit diesem Problem recht klein. Dazu freilich kommt noch, dass die wirtschaftliche Oberschicht nicht selten die Politik kontrolliert - und deshalb für sie lästige Versuche, die Korruption einzuschränken, sabotieren kann. ku