Er ist ein "imperialistischer Ökonom", der seine Methode in Management-Etagen und Schulen trägt: Edward Lazear. Ein Porträt.
F rüher einmal war alles eins. Philosophie, Sozialwissenschaft, Ökonomie wurden von Aristoteles und Platon noch als ein großes Ganzes aufgefasst. Im Laufe der Jahrhunderte splitterte sich diese gesamthafte Sicht auf. Die Ökonomie etwa spaltete sich ab dem 18. Jahrhundert von den Sozialwissenschaften ab - und die Spezialisierung ging und geht bis heute munter weiter, mit allen positiven wie negativen Folgen. Allerdings schlägt das Spezialisierungspendel regelmäßig auch zurück. Schön sichtbar ist das derzeit in der Ökonomie, die sich seit einigen Jahrzehnten sukzessive Terrain zurückerobert - und zwar vor allem von den nahe verwandten Sozialwissenschaften und der Psychologie.
Durch diesen "ökonomischen Imperialismus" kamen Bereiche wie etwa der persönliche Geschmack, die Rassendiskriminierung oder die Partnerwahl wieder unter die Fittiche der Wirtschaftswissenschaftler - besser: der ökonomischen Methode mit den drei Kernelementen Maximierung eines
wie immer gearteten Nutzens, Denken in Gleichgewichten und Betonung der Effizienz einer Lösung.
Freilich geschieht das nicht selten unter heftigen Abwehrkämpfen der angeknabberten Fachwissenschaften. Aber: Immer konnten auch diese profitieren, allein schon durch die neue Sichtweise ihrer Probleme, seltener durch die daraus gezogenen Erkenntnisse. Ein - zugegeben extremes - Beispiel ist die Religion. Dabei haben Ökonomen zwei Zugangsweisen entwickelt: Entweder sie integrieren Spirituelles in die Nutzenfunktion; dann kann der Kirchgang als Investition unter Unsicherheit - nämlich ob man nach dem Tod in den Himmel kommt oder nicht - interpretiert werden. Oder man argumentiert damit, dass eine Glaubensgemeinschaft durch hohe Pönalen wie den Ausschluss oder einen spezifischen "Dress code" das "Trittbrett-Fahrer-Phänomen" in den Griff bekommen will - dass also
Einzelne von den Vorzügen der Gruppe profitieren wollen, ohne aber ihren Beitrag zu leisten.
Einer der zur Zeit einflussreichsten Proponenten der "imperialistischen Ökonomie" ist Edward Lazear, Ökonom an der Stanford University und Leiter der heurigen Wissenschaftstage Steyr. Sein Spezialgebiet ist die Personalökonomie, also die Behandlung von Fragen des Umgangs mit der Ressource Mensch. Die herkömmlichen Sichtweisen des Personalmanagements dringen in Lazears Augen nicht tief genug in das Problem, sie lassen blinde Flecken, die nicht weiter erklärt werden. "In der älteren Literatur werden zwar zum Beispiel die Institutionen auf dem Arbeitsmarkt beschrieben, aber Modelle, wie diese funktionieren, fehlen völlig", nennt er ein Beispiel. Ökonomen könnten diesen Themen mit ihren viel mächtigeren Methoden zu Leibe rücken.
Ein Beispiel für die Ökonomisierung: In der Personalwirtschaft wird postuliert, dass Anreize zu einer höheren Leistung führen. Lazear hat in einer mittlerweile schon klassischen Studie eine Änderung des Entlohnungsschemas beim - zwischenzeitlich gestrauchelten - US-Auto-Windschutzscheiben-Hersteller Safelite Glass untersucht. Dort wurde 1994 die übliche Entlohnung auf Stundenbasis auf eine Bezahlung pro Stück umgestellt. Unter den dortigen Rahmenbedingungen steigerte sich dadurch die Produktivität um 36 Prozent. So weit, so gut. Aber erst die ökonomische Analyse hat die Gründe dafür enthüllt: Nur rund die Hälfte des Effekts ist darauf zurückzuführen, dass die Arbeiter freiwillig mehr arbeiten. Als genauso wichtig hat sich aber der sogenannte "Sortierungs-Effekt" herausgestellt: Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass man bei Safelite mehr Geld verdienen kann, haben sich auf frei werdende Stellen überdurchschnittlich viele leistungswillige Arbeiter beworben.
Ein anderes Beispiel ist das Bildungswesen. Auf der Lehrerseite spielt etwa die Höhe des Gehalts eine entscheidende Rolle. Dabei ist aber jener Effekt praktisch vernachlässigbar, dass mehr Geld die Lehrer zu besseren Leistungen anspornt. Entscheidend ist erneut die "Sortierung": Höhere Entlohnung führt dazu, dass sich die besseren Lehrer vermehrt bei diesen Schulen bewerben - und es ist empirisch sehr gut abgesichert, dass die Güte der Ausbildung mit der Qualität der Lehrer steht und fällt.
Aber auch das Verhalten der Schüler lässt sich mit dem ökonomischen Instrumentarium analysieren. Lazear hat etwa eine Theorie der "Bildungs-Produktion" erarbeitet, die den Schülern eine Wahrschein-lichkeit zuordnet, den Unterricht durch schlechte Leistungen zu stören. Aus diesem Modell leitet er Aussagen über die optimale Klassengröße ab - die sich empirisch verifizieren lassen: Bessere Schüler lernen in größeren Klassen mehr, obwohl der direkte Kontakt mit dem Lehrer geringer ist. Kleinere Klassen begünstigen hingegen schwächere Schüler.
So interessant diese Beispiel auch sein mögen, allgemein anerkannt ist die Personalökonomie noch nicht. Und Lazear ist kritischer Wissenschaftler genug, dass er - obwohl er zu den internationalen Vorreitern zählt - nicht in blinden Optimismus verfällt. "Ob die Personalökonomie eines Tages wirklich das Feld des Personalmanagements dominieren wird, bleibt abzuwarten." Die Ökonomie sei zwar mächtig, stelle aber nicht immer die richtigen Fragen.
Auch wenn das Projekt langfristig scheitern sollte: Viele Erkenntnisse haben bleibenden Nutzen. Wie etwa Lazears Analyse des "Peter-Prinzips". Dieses besagt, dass Menschen so weit befördert werden, bis sie die Stufe ihrer Inkompetenz erreicht haben - weshalb in allen Organisationen in höheren Stellen überforderte Menschen sitzen würden. Den häufig gezogenen Schluss, dass alle Beförderungsschemata falsch ausgerichtet seien, lässt Lazear nicht gelten. Denn erstens beruhe eine Beförderung ja - meistens - darauf, dass man sich bisher als fähiger erwiesen habe als andere. Und zweitens wisse man vorher nicht, welche Leistung ein Mensch in einem anderen Job bringen wird. Die Firmen wüssten über diese Tatsache Bescheid und würden danach handeln, indem sie Anspruchsniveau und Erwartungen nach oben schrauben. Aber: Ganz beseitigen ließe sich das "Peter-Prinzip" niemals - und zwar, weil es grundsätzlicher Teil jedes Beförderungssystems sei.
Dieselbe Logik findet Lazear auch in
vielen anderen Bereichen, wo es um
"Nachfolger" geht. Zum Beispiel zweite Auflagen erfolgreicher Filme: Die Tatsache, dass ein Film einen Nachfolger bekommt, impliziere, dass an den Teil zwei höhere Ansprüche gelegt werden - an denen dieser oft scheitert. Dasselbe gelte auch bei Restaurantbesuchen: Die versuchte Wiederholung eines herausragenden Genusses werde immer mit Enttäuschungen enden. Und auch die Kür eines Prominenten zum "Mann des Jahres" führe notwendigerweise dahin, dass man in Zukunft von dieser Person enttäuscht ist. [*]
Die Europäischen Wissenschaftstage Steyr stehen heuer unter dem Generalthema "Arbeit, Lohn und Leistung - Neue Maßstäbe zur Steigerung der Produktivität". Eingeladen hat der Leiter, Edward Lazear (Stanford), Personalökonomen wie Kathryn Shaw (Carnegie Mellon), George Baker (Harvard) oder Kevin Murphy (University of Southern California). Information und Anmeldung zu der frei zugänglichen Konferenz am 17. und 18. Juli 2003 unter Tel. 01-59932-39 oder im Internet unter www.sync-relations.at.