Zwei Jahre nach den Anschlägen in New York und Washington sucht die Mutter eines Opfers noch immer verzweifelt nach einem Schuldigen
Washington. Wenn Mary Fetchet heute über ihren Sohn Brad spricht, dann füllen sich ihre Augen immer noch mit Tränen; dann bricht ihre Stimme und ihr Blick senkt sich nach unten, damit man die wässrigen Augen nicht sieht. Für Mary Fetchet war am 11. September 2001 eine Welt zusammengebrochen.
"Er war so athletisch, so fesch und er hatte ein wunderbares Lächeln", sagt Mary. 24 Jahre war Brad alt, arbeitete im 89. Stock im zweiten Turm des World Trade Centers in New York. "Er wollte sich bald verloben." Er war ein Händler bei "Keefe, Bruyette and Woods", sehr erfolgreich. "Mein Mann und ich haben uns schon auf Enkelkinder gefreut."
Um 10.28 Uhr am 11. September 2001 endeten die Träume. Der Nordturm stürzte ein. Zu Hause liegt noch die Kassette aus dem Anrufbeantworter, auf den Brad etwa um neun Uhr sprach: "Es geht uns gut. Wir sind wahrscheinlich den ganzen Tag hier. Ich habe einen Mann gesehen, der aus dem Fenster gesprungen ist . . ." Das Band hat Mary seit damals nicht mehr angehört. Auch die Mitschriften der Telefongespräche aus dem World Trade Center, die jetzt veröffentlicht wurden, hat sie nicht gelesen. Sie hätte zwei Gespräche Brads mit seiner Freundin gefunden. "Es ist schwierig, daran erinnert zu werden. Ich will es nicht lesen." Mary Fetchet tut in ihrer Trauer, wovon sich viele Linderung versprechen: Sie sucht einen Schuldigen; jemanden, an dem sie die Verantwortung für den Tod ihres 24-jährigen Sohnes festmachen kann.
Gemeinsam mit Beverly Eckert hat sie den Verein "Voices of September 11" gegründet, der betroffenen Familien hilft und auf eine weitere, unabhängige Untersuchung drängt. Die Regierung habe versagt, sagt Mary, jetzt wieder mit fester Stimme, die Geheimdienste, die Sicherheitsfirmen, weil die Kontrollen zu lasch waren; die Erbauer des World Trade Center haben versagt, weil die Türme nach so kurzer Zeit einstürzten. Es ist der verzweifelte Versuch einer Mutter, ihrer Trauer Sinn zu geben. Bereits mehr als 8000 Dokumente hat sie gesammelt, um das Versagen zu belegen.
Mary Fetchet ist mit ihrer Suche nicht allein. Nur ein kleiner Teil der betroffenen Angehören der Opfer hat bisher das Angebot der US-Regierung angenommen, auf eine Klage verzichtet und durchschnittlich 1,5 Millionen Dollar erhalten. Der Rest will klagen: die Fluggesellschaften, arabische Banken, das Königreich Saudiarabien, die Regierungen Iraks, Irans, Sudans, Afghanistans, auch Osama bin Laden.
Am Dienstag erzielten 70 Angehörige einen wichtigen Etappensieg. Der New Yorker Bundesrichter Alvin Hellerstein hat entschieden, dass die Flugbetreiber United Airlines und American Airlines, der Flugzeughersteller Boeing, die New Yorker Hafenbehörde als Besitzerin des World Trade Centers sowie die Flughafensicherung geklagt werden dürfen. Manche wollen auch einen Stopp der Pläne von Daniel Libeskind für die Neugestaltung des Areals rund um das ehemalige World Trade Center erreichen. Sie wollen das ganze Gebiet als letzte Ruhestätte so belassen, wie es ist. Denn dort liegen noch immer pulverisiert die Überreste von 2499 Menschen.
Viele Familien mussten einen leeren Sarg bestatten, oder eine Uniform, oder eine Blutspende, wie diese Woche, als man am Montag eine Blutkonserve des 29-jährigen Feuerwehrmanns Michael Ragusa zu Grabe trug. Zwei Jahre lang hatte die Familie vergeblich gehofft, dass irgendwo noch Überreste identifiziert werden könnten.
Im Pentagon nahe Washington gibt es nur eine schwarze Marmortafel mit der Aufschrift "Eine dankbare Nation erinnert sich". Joe Burlas geht fast jeden Tag an der Gedenktafel vorbei. Am 11. September 2001 saß er in seinem Büro 2E622, als etwa auf Zimmerhöhe 2E470 American Airlines Flight 77 einschlug. "Wir haben eine Erschütterung gespürt", berichtet Joe. "Jemand hat geschrien, wir sollen raus, wir werden angegriffen." Also rannte er raus und irrte ziellos umher. Nach drei Stunden erreichte er seine Frau am Telefon. Dann ging er zurück ins Pentagon. Joe Burlas litt nicht unter dem Verlust eines Angehörigen, er litt daran, überlebt zu haben. "Er hatte Schuldgefühle, weil er rausgelaufen ist und nicht versucht hat zu helfen", berichtet seine Frau Erica. Der elfjährige Sohn rief damals eine christliche Radiostation an: Man solle für Papa beten. Ein Jahr lang litt Joe unter Depressionen. Er selbst meint jetzt: "Der Angriff auf das Pentagon hat mich ein Jahr lang beschäftigt. Jetzt nicht mehr." Joe Burlas geht weiterhin jeden Tag ins Pentagon, und seine Frau ist jeden Tag froh, wenn er zurückkommt. Bei Mary Fetchet kommt niemand mehr nach Hause. Was geblieben ist von Brad, sind Erinnerungen und ein Eishockey-T-Shirt mit der Nummer 6. An Brads High School wird die Nummer 6 nicht mehr vergeben.
Zusammen mit anderen Angehörigen von Opfern der Anschläge auf das World Trade Center in New York war Mary Fetchet am 23. Juli diese Jahres im US-Kongress in Washington, DC, bei einer Pressekonferenz der Mitglieder der Untersuchungskommission anwesend. Ihnen lag der erste Bericht dieser Kommission vor. Unterdessen verlangt sie und andere die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission, warum etwa die US-Geheimdienste zwar Informationen hatten, diese aber nicht richtig zu interpretieren wussten; warum die Kontrollen der Sicherheitsfirmen versagten.