I
n den Nachfolgelagern der russischen Gulags werden kriminelle Ju gendliche zwangsweise festgehalten und durch Demütigung sowie den Entzug sinnvoller Arbeit völlig gebrochen oder in ihrer Ablehnung aller gesellschaftlichen und rechtlichen Normen bestätigt (Rückfallrate: 80 Prozent). Szenenwechsel: In den USA gibt es ähnliche Lager, in denen die Insassen von Aufsehern in Uniform wegen kleinster Verstöße angebrüllt werden und vor seelischer Pein das angelieferte Gefängnis-Essen nicht hinunter würgen können. Der Unterschied: Die Kinder in den USA sind "freiwillig" im Lager (wobei der Wille von den Eltern gesteuert ist), um nicht auf die schiefe Bahn zu geraten.
Das ORF-"Weltjournal" widmete sich Mittwoch diesen Kindern - und hinterließ ungläubiges Staunen. Dass in vielen Ländern mit kriminell gewordenen Teenagern brutal umgegangen wird, ist kein Geheimnis. Der leere Ausdruck der Hoffnungslosen, deren einzige Beschäftigungstherapie das "Mähen" des Rasens mit bloßen Händen ist, war dennoch kaum zu ertragen. Dass es aber Jugendliche gibt, die sich solchem Drill "freiwillig" unterziehen (Liegestütze für eine falsche Anrede, wochenlanges Redeverbot), ist schwer nachvollziehbar. Und die Wirkung wohl äußerst fragwürdig.
Die Methoden haben ökonomische Ursachen: Der Gulag-Direktor rechtfertigt den unwürdigen Umgang mit mangelnden finanziellen Mitteln. Der US-Staat Florida gibt gerne drei Millionen Dollar für das Umerziehungslager aus - ein Jahr Gefängnis kostet pro Person 40.000 Dollar (und dort ist man auch alles andere als zimperlich). Das "Weltjournal" tut gut daran, solche Themen aufzugreifen und damit vor einem breiten Publikum die Frage aufzuwerfen, ob der große Unterschied zwischen Ost und West nicht einfach nur eine Schieflage in den Köpfen ist.