Fern der Norm und doch keine Freak-Show

W
er anders ist als andere, der hat gute Chancen, ins Fernsehen zu kommen. Man denke nur an die exzentrische Familie Osbourne, deren Vertrag mit MTV nun verlängert wurde, damit man den Vorzeige-Grufties noch länger beim Fernsehen, Biertrinken und Streiten zuschauen kann. Mama Osbourne kriegt auf einem US-Kabelsender sogar eine eigene Talkshow. Dass sie versprochen hat, dort weniger zu fluchen als auf MTV, freut den Sender, der sie verpflichtet hat, vermutlich gar nicht. Genau das ist es ja, was die Leute sehen wollen: Die Osbournes, die abstoßend aussehen und sich so benehmen.

Auch der ORF kann offenbar nicht widerstehen, sich mitunter der Andersartigkeit zu widmen. Der "Schauplatz" vom Dienstag zum Beispiel. Der berichtete über das Leben von Kleinwüchsigen. Man glaubt gar nicht, auf welche Hürden man stößt, wenn man körperlich fern der Norm ist - vom fast unerreichbaren WC-Sitz bis zur fehlenden Akzeptanz in der Umgebung. Wer zwergenhaft klein ist, noch dazu eine Stimme wie ein Kind hat, wird eben nicht leicht ernst genommen und muss umso resoluter auftreten. Erschütternd, wie die Betroffenen nach jedem Strohhalm greifen, der sie der Normalität einen Millimeter näher bringen könnte (meist vergeblich). Erfreulich, dass sie es mit dem nötigen Willen doch zu Karriere und Familienleben bringen können.

Am redlichen Interesse des Publikums an derartigen Stories darf allerdings gezweifelt werden. Da spielt natürlich die Sensationslust ebenso mit wie der Voyeurismus. Dass der Beitrag der "Schauplatz"-Sendung dennoch nicht zur Freak-Show geriet, ist der großen Erfahrung des Teams mit Sonderbarkeiten aller Art zu verdanken. Hier lässt man Leute in Würde und Anstand anders sein - eine Kunst, die man in vielen anderen Redaktionen vergeblich sucht.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.