SKLAVENHANDEL, EINST UND JETZTD
iesmal schwebt nicht der stolze Adler über Tirol, diesmal stinkt es nach Geier. Und diesmal gibt Tobias Moretti nicht den freien Hofer, sondern einen traurigen Kuppler, der eine zerlumpte Karawane von einem Elend ins andere führt: "Schwabenkinder" werden aus einem bitterarmen Tiroler Tal an den Bodensee auf den Markt und als Film (ORF2 Mittwoch Abend) auf den Schirm gebracht. "I nehm des Büble für 35 Mark", handelt der tückisch-gemütliche Schwabe den Preis herunter, das Büble ist klein und schwach, stärkere Burschen und vor allem reifere Mädle kosten mehr.
Nun ist der Bub Sklave auf dem Bauernhof und hält sich an seinem einzigen Besitz fest, einem Taschenmesser, das ihm sein Vater geschenkt hat, als der noch Geld hatte und den Sohn nicht aus dem Haus prügeln musste. Damit schnitzt der Kleine, eher grob, aber doch um Welten filigraner als der Film, in dem alles ist wie im Film: Die Natur hart (Schneestürme peitschen, Nebel wabern), die Menschen noch härter (herzlose Reiche, pharisäerhafte Pfarrer), Kameraführung und Ton am härtesten (Gegenlicht, Engelschöre).
Dabei ist die Geschichte wahr, bis ins 20. Jahrhundert wurden in Europa Kinder verkauft, wie heute auf der halben Welt: Wie viele werden wohl gerade in Bangkoks Bordellen angeboten, wie viele in Afrika als Soldaten rekrutiert, wie viele weltweit mit den dreckigsten Arbeiten beschäftigt? Die "Schwabenkinder" könnten die Frage wach halten, stattdessen schütten sie sie mit Billigst-Klischees zu.
Natürlich gibt es ein Happy-End, sogar für Journalisten: Der europäische Kinderhandel wurde eingestellt, als er in der US-Presse zu viel Aufmerksamkeit erregte.