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uf beiden Seiten kann man einen Mangel an Weitblick und auch an der Bereitschaft zuzuhören erkennen." Dieser Satz, in den 80er Jahren niedergeschrieben in einer Geschichte des tschechischen Staates - die nun unter "Wo ist meine Heimat" bei Langen Müller auf Deutsch erschienen ist -, sagt sehr viel aus über das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen bzw. Österreichern. Senatspräsident Petr Pithart, der Psychiater Petr Príhoda und der Historiker Milan Otáhal legten damit eine äußerst selbstkritische Beleuchtung des tschechischen Mythos vor - der in der Ex-Tschechoslowakei nur unter einem Pseudonym veröffentlicht werden konnte. Spannend!
Einen schönen Überblick über das selten unproblematische Verhältnis zwischen Tschechisch- und Deutsch-Sprechenden vermittelt die Ausstellung "Prag : Wien. Zwei europäische Metropolen im Lauf der Jahrhunderte" im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Heute bis 19 Uhr geöffnet.
Wiener hatten selten Probleme mit Böhmen. So tauchen etwa auch in der Schau "quasi una fantasia" im Wiener Jüdischen Museum wie selbstverständlich immer wieder Hinweise auf tschechische Orte auf. Etwa Briefe von Wiener Komponisten, die in Karlsbad geschrieben wurden, oder Abmachungen zwischen Wienern, die in Prag geschlossen wurden.
In die andere Richtung ging die Kontaktfreudigkeit oft nicht so weit. Ein Beispiel: Leos Janácek, dem Ö1 heute um 15.06 Uhr zum 75. Todestag einen Teil von "Apropos Oper" widmet, reiste selten von Brünn gen Süden. Sein im April 1880 begonnenes Musikstudium in Wien brach er etwa am 2. Juni wieder ab.
Auch in Wiens Plattengeschäften findet man kaum zeitgenössische tschechische Musik. Eine bemerkenswerte Ausnahme: In letzter Zeit tauchte in einigen Läden die CD "Alchymia Musicae", komponiert vom Weltklasse-Saxofonisten Jirí Stivín, aus dem Jahr 1995 auf. Wen Crossover aus Jazz, Moderne und Renaissance-Musik interessiert, sollte schnell zugreifen. Oder halt wieder einmal nach Prag reisen.