Das Meer ist leer

Die industrielle Fischerei hat die Bestände der großen Raubfische weltweit auf zehn Prozent gedrückt.

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ie Zeiten, in denen weit draußen im Meer noch meterlange Gigan ten erjagt werden konnten, sind vorbei. Und kleine Räuber, die dem Helden auf dem Nachhauseweg die große Beute streitig machen, gibt es auch kaum mehr: "In den Ozeanen sind weltweit 90 Prozent der Großfische weg gefischt", berichtet Meeresbiologe Boris Worm (Uni Kiel), der gemeinsam mit dem Kanadier Ransom Myers erstmals jene Daten zusammengetragen hat, die die Wirkung der industriellen Fischerei in den offenen Ozeanen dokumentieren: "Zehn Prozent sind übrig."

Großfische sind Räuber wie Thunfisch oder Kabeljau, die an der Spitze der maritimen Nahrungskette stehen - und jenen munden, die an der Spitze der weltweiten Nahrungskette stehen. Seit den 50er-Jahren stellt man den Fischen industriell und mit immer raffinierteren Methoden nach, trotzdem sind die Fänge - auf dem Höhepunkt waren es 80 Millionen Tonnen im Jahr - seit 15 Jahren rückläufig. Deshalb steuert man immer entlegenere und unwirtlichere Regionen an, den Südatlantik etwa.

"Früher hat dort niemand gefischt, das allein zeigt das Problem", erklärt Worm: Heute kommen riesige Flotten mit Sonar und anderem High-tech zum Aufspüren der Fische - und mit "longlines", das sind kilometerlange Drahtseile mit Tausenden von Angelhaken. Damit werden die großen Großfische in kürzester Zeit auf 20 Prozent ihres Bestands gedrückt - in Extremfällen in zwei Jahren, im Durchschnitt in 15 Jahren, weltweit, auf welchen Ozeanwinkel auch immer man blickt (Nature, 423, S. 280).

Sind die großen Großfische weg, kommen die kleinen an die Reihe, die jungen. Sie schöpft man regelrecht ab, mit "purse-seins", das sind Netze, die sich um ganze Thunfisch-Schulen schließen, die man zuvor mit FADs angelockt hat, "fish aggregating devises", schwimmenden Gegenständen, die Fische anlocken. "Erst die großen, dann die jungen, das ist das Rezept für ein Desaster", berichtet Worm: "Man hat es beim Dorsch in Neufundland gesehen, der vor zehn Jahren komplett zusammengebrochen ist und sich nicht wieder erholt hat."

Ob damit ganze Arten ausgerottet werden, ist die eine Frage. Die zweite geht dahin, wie sich die Ökologie der Ozeane insgesamt ändert: Viele Ökosysteme werden von den Räubern an ihrer Spitze gesteuert, etwa das mancher Küsten von Alaska. Als dort die Seeotter-Populationen zusammen brachen, explodierte die Population ihrer bevorzugten Beute: Seeigel. Die machten sich mit frischem Appetit an ihr Futter, riesige Algenwälder, die rasch verschwanden und die Wellen nicht länger bremsten. "Das System wurde völlig verändert, und ähnliche Effekte kennt man viele", schließt Worm: "Warum sollte es im offenen Ozean anders sein?"

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