Die Wissenschaftsjournale wollen sorgsamer mit "sensibler Information" umgehen. Sie wissen nur noch nicht so recht, was das ist.
Man nehme zwei verschiedene Viren: Pocken und Vaccinia, Verwandte der Kuhpocken. Erstere sind für Menschen höchst gefährlich, werden aber vom Immunsystem angegriffen - letztere kennen Tricks zur Überwindung des Immunsystems, richten aber keinen Schaden an. Dann entnehme man den Vaccinia die für die Tricks zuständigen Gene und übertrage sie auf die Pocken: Schon hat man Pocken, gegen die kein Immunsystem etwas ausrichten kann.
So übersetzt sich für den Laien ein Experiment, das letzten Mai in PNAS publiziert wurde, dem Journal der US-Akademie der Wissenschaften. Der Fachmann kann aus der technischen Beschreibung unschwer lesen, wie das Teufelszeug konstruiert wird. Dazu braucht es auch keine Infrastruktur wie zur Atombombe, eine bessere Waschküche reicht. Das ist die Klemme, in die die Wissenschaft geraten ist und aus der sie sich nun zu befreien versucht, unter zunehmendem politischem Druck: Seit den Anthraxbriefen häufen sich Forderungen der US-Regierung, potentiell gefährliche Forschungen geheim zu halten. Darüber dachte zwar schon 1626 der Begründer der modernen Wissenschaft nach, Francis Bacon (New Atlantis, 87), aber Geheimnistuerei ist das gerade Gegenteil von Wissenschaft, die vom Informationsaustausch lebt und sich nur in den dunkleren Etagen der Militärforschung abschottet. Allerdings schwindet die Grenze zwischen militärisch und zivil, immer mehr ganz unkriegerisch gemeinte Experimente - wie das mit den Pocken, das der Pockenabwehr diente - können zu Waffen führen. Und die Wissenschaftsjournale, die es veröffentlichen, geraten in Gefahr, "Kochbücher für Bio-Terroristen" zu werden.
Deshalb hat die US-Akademie sich mit den Herausgebern der wichtigsten Journale darauf geeinigt, daß in Hinkunft "sensible Informationen" nur mit äußerster Vorsicht publiziert werden sollen. PNAS, Science und Nature haben den Beschluß zeitgleich veröffentlicht, 32 Journale wollen sich daran halten.
Woran? Das ist das Problem, niemand weiß, was eine "sensible Information" ist, und die ausführlichere Definition - "potentieller Schaden überwiegt potentiellen Nutzen" - hilft auch nicht sehr viel weiter. "Ich glaube, wir bemerken es, wenn etwas kommt", hofft PNAS-Herausgeber Nicholas Cozzarelli und beruft sich auf einen Präzedenzfall, den eines Richters, der zu urteilen hatte, ob etwas Pornographie ist oder nicht. Er vertraute seinen Augen: "Ich weiß es, wenn ich es sehe."