Rettet die Dünen Pannoniens!

Seit der Eiszeit sind weite Regionen Mitteleuropas mit Flugsand bedeckt. Die EU bringt ihn in Gefahr.

E
ine große Menge von Flugsand be deckt noch die Gegend zwischen Markgrafen-Neusiedel und Ober weiden und nimmt in so hohem Maße überhand, dass man eher in eine Wüste, als in die Kornkammer der Hauptstadt versetzt zu seyn scheint", berichtete der Chronist Blumenbach 1834 über das Marchfeld. 1956 noch zeigte sich dem Schriftsteller Gerhard Fritsch "eine gespenstisch leere Landschaft, in der es Sanddünen gibt wie in den asiatischen Steppen".

Und selbst heute findet man bei genauem Hinsehen noch "eine acht Meter hohe und 800 Meter lange Düne bei Oberweiden", erklärt Heinz Wiesbauer, freischaffender Landschaftsplaner: "Aber insgesamt ist von unseren Sandflächen wenig übrig. Sie sind unter Wäldern verschwunden oder mussten intensiver Landwirtschaft weichen."

Beides droht derzeit den noch reichen Beständen im Osten, in der Slowakei, in Ungarn - etwa 20 Prozent des Landes sind mit Flugsand bedeckt -, in Serbien, wo es Dünen gibt, wie der weit gereiste Forscher sie "in Mittel- und Südosteuropa noch nirgends gesehen" hat: "Da ziehen sich extrem steile, 15 bis 20 Meter hohe Wellenberge über 60, 70 Kilometer." Entstanden sind sie, wie alle anderen Sandregionen Pannoniens, am Ende der letzten Eiszeit - vor etwa 10.000 Jahren -, als die Flüsse viel Abrieb aus den Bergen in die baumlosen Tiefebenen östlich von Wien brachten. Dort lagerte sich der Sand ab, wurde vom Wind über einige Kilometer zum Wandern gebracht und von der Vegetation stabilisiert.

Von einer Vegetation, die mit extremen Bedingungen zurecht kommt: Wenn die Sonne auf den Sand brennt, heizt sie die Oberfläche auf bis zu 60 Grad an und trocknet den Boden aus; wenn Regen fällt, versickert er rasch; und wenn der Wind die Sandkörner verbläst, raspeln sie alles klein.

Deshalb kommen auf diesen Standorten vorwiegend trockenheitsverträgliche Arten vor, die die Verdunstung mit einem Wachsüberzug, einrollbaren Blättern oder dichter Behaarung reduzieren können und dem Sandkornflug mit besonders robusten Blattoberflächen trotzen. Und wenn eine Düne wächst, wächst ein Spezialist wie das Silbergras einfach mit. Die Tiere, vor allem die Insekten, flüchten vor der Oberflächenhitze wenige Zentimeter tief in den Sand, in dem dauernd ausgeglichene Temperaturen herrschen, 25 bis 30 Grad. Viele Arten - Grabwespen, Wildbienen - nutzen die gleichmäßigen Bedingungen zum Anlegen ihrer Nester: Im Sand ist gut graben.

"Die Lebensgemeinschaften sind hoch spezialisiert", erklärt Wiesbauer, "und ihr Lebensraum braucht Pflege." Tut man nichts, verwandelt sich die Steppe langsam in Wald. Er wurde oft eigens angepflanzt, um dem Boden etwas abzugewinnen und die Verwehungen aufzuhalten. Im Marchfeld begann schon Maria Theresia mit dem Aufforsten, seit Ende des 19. Jahrhunderts ging es so rasch, dass heute vor lauter Wald kaum offene Sande zu sehen sind.

"Das ist die eine Gefahr, die den noch großen offenen Flächen unserer östlichen Nachbarn und neuen EU-Mitgliedern droht." Brüssel fördert Aufforstungen massiv, und Ungarn hat voreilend schon so große Sandrasenflächen mit Wald überzogen, dass Wiesbauer "im Nationalpark Kiskunsag den Triel - einen für diese Lebensräume typischen Hühnervogel - immer seltener" hört. Aber natürlich wird nicht nur aufgeforstet, auf der anderen Seite wird die Landwirtschaft intensiviert - wie im Marchfeld früher schon -, auch das fördert Brüssel. "Man sollte diese attraktiven Landschaften lieber erhalten oder wieder herstellen - durch extensive Beweidung oder Mahd - und sie für den schon seit einiger Zeit aufblühenden Tourismus nützen", rät Wiesbauer, der gemeinsam mit Kollegen aus den Nachbarländern im Rahmen eines EU-Projekts die Bestände erhoben hat.

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