In Aquakultur gehaltene Raubfische sollen Vegetarier werden.
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is ein Zuchtlachs ein einziges Kilo Fleisch angesetzt hat, muss er selbst drei Kilo Fleisch - in Form von Fischöl oder Fischmehl - gefressen haben, bei Shrimps und Forellen sieht es ähnlich aus, ein Kabeljau braucht gar fünf Kilo. Das ist die Kehrseite der Aquakultur, die theoretisch für die leer gefischten Flüsse und Meere einspringen soll und in der Praxis dazu beiträgt, dass alles noch rascher ausgeräumt wird: 11 Millionen Tonnen Fisch - 12 Prozent des Weltfischfangs - werden derzeit zu Fischfutter verarbeitet.
Diese große Fischvernichtung wird von außen schon lange kritisiert, aber nun kommt Druck auch von innen: Die Wachstumsbranche Aquakultur - plus fünf Prozent im Jahr, mehr als ein Viertel aller verzehrten Fische und Meeresfrüchte kommt schon dort her - stößt an ihre Grenzen, 2010 wird es nicht mehr genug Fischöl geben. Deshalb denken die Industrieforscher - vor allem die im Weltmarktführer Norwegen - zunehmend über andere Nahrung nach, Soja, Mais, Raps (Natur, 379, S. 375).
Raubfische sind Kräftigeres gewohnt, aber ein Stück weit lassen sie sich zu Vegetariern zwangserziehen: Die Hälfte der Kost darf von Pflanzen stammen. Mehr nicht, sonst bekommen die Fische Probleme mit der Verdauung und dem Immunsystem.
Dann muss man zufüttern, essenzielle Aminosäuren wie Methionin und Enzyme wie Phytase: Im Unterschied zu Grasfressern können Fische den Phosphor in Pflanzen nicht erschließen, weil sie dieses Enzym nicht selbst produzieren, wozu auch?
Aber die vegetarische Kost ist für Karnivoren nicht nur zu arm, Pflanzen enthalten auch "Anti-Nährstoffe", die die Fähigkeit der Fische beschränken, Mineralien aus der Nahrung aufzunehmen. Auch dafür bräuchte es Spezialzusätze. Wenn dann alles richtig zusammengemischt ist, könnte auch die Umwelt profitieren: Raubfische auf Pflanzendiät scheiden weniger Phosphor und Stickstoff aus, überdüngen ihre Umgebung nicht so stark. Für die Gesundheit der Konsumenten sieht es weniger gut aus: Pflanzliche Nahrung reduziert just jene Omega-3-Fettsäuren, die die Medizin an Fischen schätzt, weil sie das Risiko von Herzkrankheiten verringern. Hier könnte noch ein beigemischtes Enzym helfen, Lipase.
Dann müssen sie nur noch schmecken. Aber darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander. Die neue Nahrung verändert zwar - im Labor messbar - Textur und Geschmack des Fleischs, aber selbst professionelle Fresskritiker sollen im Blindversuch den Unterschied nicht herausgeschmeckt haben. Dieser Botschaft trauen nicht alle Forscher, manche schlagen vor, die Fische in ihren letzten Lebensmonaten doch wieder auf Fleisch umzustellen.
Falls alles nichts hilft, könnte man sich auf die Tradition besinnen, vor allem an die in China, wo seit Jahrtausenden Fische in Aquakultur gehalten werden: Karpfen. Das sind Pflanzenfresser, aber sie munden nicht jedem. Auch andere Vegetarier sind am Markt weniger gefragt als die Karnivoren.