Biologie des Gewissens

Österreichs vertriebene Wissenschaft kommt spät zu Wort - und kann noch nicht klären, was in den Hirnen der Vertreiber vor sich ging.

Hirnforscher und Historiker erinnern an den Exodus

Als ich mich 1950 Sigmund Freud zu wandte, wollte ich von ihm lernen, wie eine hoch kultivierte Gesellschaft in brutalste Gewalt umschlagen kann", erinnert sich Eric Kandel - 1929 in Wien geboren, 1939 emigriert, 2000 mit dem Nobelpreis für seinen Beitrag zur Hirnforschung geehrt: "Aber ich kann bis heute nicht erklären, warum ich 1938 in der Schule verprügelt wurde."

In Wien haben die Nazis ihr Regiment noch brutaler angetreten als anderswo, auch an den Schulen, auch an Hohen Schulen. Das kam nicht aus heiterem deutschen Himmel - an der Feststiege der Universität erinnert eine Gedenktafel an den 1936 von einem Antisemiten ermordeten Philosophen Moritz Schlick -, aber hinterher machte das Glück des Vergessens alles rasch wieder heil. Nun sollen die Spuren gehoben werden, in einem Symposium, das Kandel anregte, als er nach dem Nobelpreis vom offiziellen Österreich gefragt wurde, wie man ihn denn ehren könne: "Österreich und der Nationalsozialismus: Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung", veranstaltet von und an der Uni Wien, deren Rektor Georg Winckler sich bei der Symposiums-Präsentation am Dienstag "für die Versäumnisse" entschuldigte .

"1938 wurde Juden das Studium verboten, nach vier Monaten waren alle vertrieben, die Studentenzahl sank um 42 Prozent", bilanziert Zeitgeschichtler und Symposiums-Mitorganisator Friedrich Stadler. "Unter den Lehrenden aller Fakultäten wurden 54 Prozent entlassen oder zwangsweise beurlaubt oder pensioniert", ergänzt Physiker Wolfgang Reiter, der seit 1987 die Emigration der Naturwissenschaftler erforscht. Sie waren in all ihrer objektiven Forschung genau so betroffen wie ideologie-verdächtigere Fakultäten: "Die Haupt-Vorlesung in Physik, die ich jetzt gleich halte, wurde am Tag nach dem Anschluss von einem Physiker in SA-Uniform gehalten", berichtet Anton Zeilinger, Jahrgang 1945, der erst bei Studien in den USA als "Schock" erlebte, wie viele Emigranten dort lebten.

Zurückgebeten wurden sie nie, nur der Wiener Kultur-Stadrat Viktor Matejka hat sie eingeladen, aber mehr als seinen guten Willen hatte der im eigenen Lande wenig geliebte Kommunist nicht zu bieten.

Beides, das rasche Einlernen in die Bestialität und das ebenso rasche Vergessen, suchte Kandel dort, wo es seinen Sitz haben muss: in den molekularen Tiefen des Gehirns. Und er suchte es mit "radikalem Reduktionismus: Statt dem menschlichen Gehirn habe ich mir das einfachste Nervensystem vorgenommen, das einer Meeresschnecke", erklärte Kandel am Montag Abend bei einem Vortrag im Jüdischen Museum. An dieser Schnecke hat sich gezeigt, wie das Gehirn Informationen aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis transferiert und dort speichert - über eine molekulare Kaskade, die unterschiedliche Gene aktiviert, die ihrerseits neue Verbindungen zwischen Nervenzellen - Synapsen - herstellen.

"Das ist ein genereller Mechanismus", erklärt Kandel: "Während Sie mir zuhören, bauen Sie neue Synapsen im Gehirn." Aber selbst diese relativ simple Leistung ist auf molekularer Ebene kaum nachzuvollziehen, bis zu den großen Fragen - Erinnern, Vergessen, Freiheit des Willens, Verantwortung - ist der Weg noch weit. Kandel kann vorerst der privaten und öffentlichen Erinnerung nur eines empfehlen: "Nicht vergessen".

Und die große Perspektive? "Das ist Forschungsarbeit für die nächsten 150 Jahre: Die Biologie des Gewissens ist das Schwierigste, und wir stehen erst am Anfang. Aber es soll ja auch für die Jüngeren noch Arbeit und Nobelpreise geben."

Das Symposium findet am 5./6. 6., 9.00 bis 18.00 im Kleinen Festsaal der Uni statt.

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