Ornithologie: Vögel lernen Geografie

Nur das grobe Ziel der Zugvögel ist in den Genen programmiert, die Feinsteuerung wird erinnert.

Etwa 50 Millionen Vögel ziehen jeden Herbst nach Süden und jeden Früh ling wieder zurück, über tausende Kilometer etwa von Europa über die Unwirtlichkeit von Mittelmeer und Sahara. Das braucht Energie: Manche Zugvögel nähren sich nicht nur von den Reserven, sondern vom eigenen Körper: Sie verwerten Teile des Darms und der Leber, die erst am Zielgebiet erneuert werden.

Und das braucht Orientierung: "Bei den Gartengrasmücken und vielen anderen zieht jeder Vogel einzeln für sich", berichtet Claudia Mettke-Hofmann (Max-Planck-Forschungszentrum für Ornithologie, Andechs): "Die Eltern fliegen meistens früher los, jeder Jungvogel ist auf sich gestellt."

Dann können ihm nur die Gene sagen, in welche Richtung wie weit die zwei- bis dreitägige Reise geht, Orientierung bieten Sonne, Sterne und Erdmagnetfeld. Aber wo genau sie landen und ihre Nester bauen - und vor allem, wo sie unterwegs rasten und Futter suchen sollen -, das sagen die Gene nicht: Das ist Erfahrungssache, die ein hoch entwickeltes Gedächtnis braucht, zwischen den Reisen liegt schließlich jeweils ein Jahr. Und diese von der Lebensform erzwungene Leistung modelliert auch das Gehirn, Mettke-Hofmann hat beides gemeinsam mit Eberhard Gwinner in vierjährigen Experimenten erhoben.

Dabei wurden im Institut in Deutschland zwei eng verwandte Vogel-Arten verglichen, die wanderfreudige Gartengrasmücke und die sesshafte Samtkopfgrasmücke, die ihr ganzes Leben für gewöhnlich in Israel verbringt. Beide Arten wurden in künstlichem Licht gehalten, das den Jahreslauf simuliert - und, für die Zugvögel, abwechselnd dessen Ausformungen in Europa und Afrika. Irgendwoher müssen sie wissen, wann es Zeit ist, und sie lesen es in Europa an der Tageslänge ab, in Afrika - wo die Tageslänge vor allem nahe dem Äquator kaum schwankt -, an der Lichtintensität. Das wissen die Forscher aus früheren Versuchen.

Auch diesmal kamen im Herbst die Gartengrasmücken in so genannte "Zug-Unruhe" - "sie hüpfen nachts im Käfig hin und her" - und durften dann auch wirklich ein kleines Stückchen ziehen. Die Versuchsanordnung bestand aus zwei Räumen, dem für die Vögel schon gewohnten und einem, der mit unterschiedlichen Habitaten und Futterquellen ausgestattet war. In sie durften sich beide Arten einlernen, später wurde getestet, wie weit die Erinnerung reicht. Bei den sesshaften Samtkopfgrasmücken verloren sich die Spuren nach spätestens einem Monat, die Zugvögel hatten noch nach einem Jahr eine gute Erinnerung (PNAS online).

Und in ihren Gehirnen, in denen der Zugvögel, kann man die Erinnerung regelrecht wachsen sehen: "Bei Jungtieren, die noch nie gezogen sind, ist der Hippocampus - die Hirnregion, die mit räumlichem Lernen verbunden ist - im Verhältnis zum übrigen Gehirn kleiner als bei älteren Tieren", berichtet Mettke-Hofmann, die ihre Versuchsanordnung gerade deshalb für realitätsnahe hält, weil sie alles Erinnernswerte auf kleinem Raum versammelt. Auch in der freien Natur sind die Zugvögel standorttreu, und sie machen auf den Stationen keine großen Sprünge, sondern erkunden nur die nähere Umgebung. Haben sie sie kennen gelernt - den einen Busch mit kräftiger Nahrung etwa -, erspart ihnen die Erinnerung im nächsten Jahr neuerliche Mühe.

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