Heilige Kriege: Mit Menschenblut die Welt retten

Die Azteken sehen aus der Nähe weniger barbarisch aus, als sie den Konquistadoren und Ethnologen erschienen. Eine Wienerin erforscht ihre Welt.

"Wer in die Gewalt der feindlichen Indianer kam, wurde den Idolen geopfert. (. . .) Wir sahen, wie sie die Leichen die Stufen des Tempels hinunterwarfen, wie andere Henkersknechte sie unten im Empfang nahmen, Arme, Beine und Köpfe von den Leibern trennten, die Gesichtshäute zum Gerben abzogen, wie sie das übrige Fleisch abtrennten, um es später aufzuessen."

So erinnerte sich der spanische Konquistador Bernal Diaz des Castillo - er war mit dabei bei, als Hernando Cort©z' Truppen 1521 Tenochtitlan eroberten, die Hauptstadt der Azteken im heutigen Mexiko - und prägte für Jahrhunderte das Bild der mesoamerikanischen Indianer als das extrem barbarischer und blutrünstiger Völkerschaften.

"Das Blut ist bei den Azteken durchaus in Strömen geflossen, jeden Monat wurden auf einem Hauptkalenderfest Menschen geopfert", erklärt Patricia Zuckerhut, Ethnologin an der Uni Wien, "aber das hat schon seinen Hintergrund

"Sie mußten den Göttern etwas zurückgeben."

in der Kosmologie der Azteken: Sie mußten den Göttern etwas zurückgeben, was deren Gabe entsprach."

Die Götter hatten ihr eigenes Leben gegeben, um die "fünfte Welt" zu erschaffen, die vollkommene Welt. Zu diesem Zweck sprang einer der Götter ins Feuer und erschien als Sonne am Himmel wieder. Aber sie stand still und konnte erst durch die Selbstverbrennung anderer Götter in Bewegung gebracht werden. Dann war die vollkommene Welt da, es fehlten nur noch ihre Bewohner: Auch für sie, für die mesoamerikanischen Völker, gaben Götter ihr Blut. Dafür stand ihnen "prächtige Flüssigkeit" zu, Menschenblut.

Um es zu beschaffen, opferte die aztektische Gesellschaft Teile ihrer Eliten - in Blumenfesten, einer Art Turnier, kämpften junge adlige Männer, die Unterlegenen wurden geopfert - und zog in Kriege.

"Ein Unterschied zu modernen Kriegen liegt darin, daß die Azteken nicht auszogen, um Feinde erst als solche zu definieren (,othering') und dann zu vernichten, sondern um sie gefangen zu nehmen und zu opfern", erklärt Zuckerhut: "Der Krieg war ein heiliger Akt zur Erhaltung der Welt", zumindest war das die Legitimation der Raubzüge, in denen es natürlich auch um Grobmaterielles wie Ressourcen und "Sklaven" (sie hatten bei den Azteken einen geachteteren Status als bei den Weißen) ging.

Aber der Krieg wurde eben auch überbaut mit einem Himmel, in den die Helden eingingen, die siegreichen Krieger und die Unterlegenen, Geopferten, für die ihre Opferung auch eine Ehre war, natürlich eine mindere. Und nicht nur sie gingen in diesen Himmel ein, dort wandelten auch Frauen, die ihren eigenen Krieg geführt und verloren hatten: im Kindsbett gestorben waren. "Was für die Männer der Krieg, ist für die Frauen das Gebären", erklärt Zuckerhut lang übersehene Feinheiten des Geschlechterverhältnisses bei den Azteken: "Und beide Geschlechter sind aufeinander angewiesen."

Zwar sieht auf den ersten Blick alles nach grober Geschlechterdualität aus: den Männern die Außenwelt, den Frauen der Herd. Darauf werden sie gleich nach der Geburt festgeschrieben: Nabelschnüre von Mädchen werden neben dem Herd vergraben, Nabelschnüre von Jungen auf Schlachtfeldern. Aber wenn die Männer in der Schlacht sind, brauchen sie die Hilfe ihrer Frauen, die an ihren Herden Rituale zur Unterstützung der Kämpfer durchführen müssen.

Und umgekehrt blieben die Frauen nicht allein in dem, was die Azteken auch als Krieg definierten: Schwangerschaft und Gebären. In den ersten Phasen der Schwangerschaft mußte der Mann die Leibesfrucht mit

"Was für die Männer der Krieg, das ist für die Frauen das Gebären."

Samen "füttern", später Enthaltsamkeits- und andere Gebote befolgen, auf daß das ungeborene Kind keinen Schaden nehme. Kam das Kind dann zur Welt, wurde es von der Hebamme mit Kriegsgeschrei begrüßt und galt als "Gefangener" der Mutter, analog zu den Gefangenen der Männer, es wurde nur nicht geopfert.

Statt schlichter Geschlechter-Dualität zeigt sich dem unbefangenen Blick - unbefangen von Vorurteilen, die in den Erkenntnis-Kategorien selbst stecken - also eher eine Komplementarität, aber auch das ist noch nicht das Ende des Zergehens von Klischees über die Azteken: Neben der sozialen Klasse - alles Geschilderte bezieht sich auf die Oberklasse: nur ihren Männern standen die Laufbahnen von Kriegern oder Priestern offen - und dem Geschlecht kommt als zusätzliches Kriterium für den sozialen Rang auch das Alter ins Spiel. Es verschafft Männern und Frauen Ansehen und erst Zugang zu manchen angesehenen Berufen: Zu Hebammen und Ärztinnen etwa konnten sich Frauen erst mit den Jahren hinauf arbeiten.

Also: Klasse, Geschlecht, Alter, Beruf - je tiefer der forschende Blick in die Details geht, desto unschärfer wird das große Bild: "Eine zu differenzierte Betrachtung birgt die Gefahr einer völligen Fragmentierung und Aufsplitterung der gesellschaftlichen Verhältnisse und somit auch einer Verschleierung von Machtverhältnissen", schließt Zuckerhut. Aber das ist nun einmal das Risiko der Wissenschaft.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.