Samenzellen-Vorläufer mit einer schädlichen Mutation unterliegen positiver Selektion. Ein Paradoxon.
Das Crouzon-, das Apert-, das Pfeif fer-Syndrom: seltene Krankheiten, die sich, in unterschiedlich schwe ren Ausformungen, in Missbildungen des Kopfes und in zusammengewachsenen Fingern und Zehen äußern. Sie entstehen alle durch Mutationen an einer ganz bestimmten Stelle ("hot spot") eines Gens namens FGFR2. Diese Mutationen sind ausschließlich vom Vater geerbt, sie - und damit die Krankheiten - sind umso häufiger, je älter der Vater bei der Zeugung war.
Diese Abhängigkeit vom Alter des Vaters ist nichts Außergewöhnliches - und leicht zu erklären: Die Spermien eines älteren Mannes haben einfach mehr Zellteilungen, bei denen Fehler passieren können, hinter sich. Und beträchtlich mehr Zellteilungen als die Eizellen: Diese sind das Produkt von zirka 20 Zellteilungen - unabhängig vom Alter der Frau, alle Eizellen sind bereits angelegt worden, als diese selbst noch im Mutterleib war! -, jene ungefähr von 100 bis 1000, abhängig vom Alter des Mannes. So sind Krankheiten, die auf spontanen Mutationen beruhen, öfter vom Vater geerbt. Ein journalistisch aktiver US-Biologe resümierte: "Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Aber wenn man könnte, sollte man sich für einen jungen Vater entscheiden."
Englische und schwedische Forscher analysierten nun die Mutationen im FGFR2-Gen genauer (Science, 301, S. 643) - mit verblüffendem Ergebnis: Sie entstehen viel seltener, als man angenommen hätte. Dass sie doch in den Spermien älterer Männer deutlich häufiger sind, liegt weder an der Akkumulation von Fehlern noch daran, dass die Reparaturmechanismen mit dem Alter nachlassen, sondern hat einen paradoxen Grund: Sie werden offenbar positiv selektioniert, und zwar in den Hoden, in einer frühen Phase der Spermienbildung.
Wahrscheinlich bieten genau die Mutationen, die die Erbkrankheiten hervorrufen, den Vorgänger-Zellen der Spermien Vorteile. Welche das sein könnten, darüber kann man nur spekulieren. Immerhin weiß man, dass in Tumoren FGFR2-Mutationen auftreten, es liegt nahe, dass sie den Krebszellen Vorteile bescheren.
Genauso setzen sich Vorteile bei der Spermatogenese durch, ohne Rücksicht auf die Nachteile, die dieselben Mutationen später bringen können. Rein quantitativ sind diese ja - vom Standpunkt der Spermien - vernachlässigbar: Nur ein winziger Bruchteil der von einem Mann im Laufe seines Lebens produzierten Spermien (200 Millionen pro Tag!) hat das Privileg, mit einer Eizelle zu verschmelzen und womöglich einen neuen Menschen zu bilden.
So illustriert die (relative) Häufigkeit der genannten Syndrome, dass in "der Natur" gewiss nicht alle selektiven Kräfte an einem Strang ziehen, geschweige denn der Lebensqualität des Individuums dienen. Der "blinde Uhrmacher", wie Richard Dawkins die Evolution nannte, ist genauso wenig Menschenfreund wie Tierschützer.