Wir sind die anderen!

I
ch war ein bisschen gekränkt. Sie wolle, sagte meine im siebten Monat schwangere Kollegin, ihrer Tochter - laut Ultraschall soll es nämlich eine Tochter werden - eine Freundin sein. Sie halte nichts von autoritären Erziehungsmethoden. Allein das Wort erziehen! Als ob man ein Wesen irgendwo hinziehen könnte! Nein: Sie möchte keine Befehlsausgeberin sein. Sie möchte ihre Tochter begleiten. Das sei aber, meinte sie noch treuherzig, keineswegs auf mich gemünzt!

War es aber doch! Und zwar eindeutig. Ich hatte nämlich eben Hannah, 4, zusammen gepfiffen, weil die keinerlei Anstalten machte, die von ihr höchstpersönlich auf dem ganzen Küchenboden verteilten Bügelperlen wieder aufzuklauben. Und während meine Tochter murrend - "Immer muss ich aufräumen, immer ich" - und mit dramatisch verzogenem Gesicht auf dem Boden herumkrabbelte, kam meine Kollegin mit diesem Freundinnen-Schmus!

Und ein Schmus ist es. Anders gesagt: Eine Illusion. Ich will hier nun wirklich keine langwierige Debatte über Erziehungsmethoden vom Zaun brechen, aber es ist Zeit, meiner Kollegin und allen Gleichgesinnten die Augen zu öffnen: Allein die Tatsache, dass wir unseren Kindern strikt verbieten, in der Alten Donau zu ersaufen ("Ich kann doch eh schon schwimmen"), sich Krankheitsrisiken anzufressen oder mit nackten Füssen über die an jeder Straßenecke verstreuten Glasscherben zu laufen - alleine das macht uns zu ihren natürlichen Feinden.

Sie meinen, das sei zu hart ausgedrückt? Feinde - das sei nun wirklich übertrieben? Ist es aber nicht. Weshalb sich Hannah vor den Hexen und Zauberern in ihren Kinderbüchern genauso fürchtet wie vor ihren Eltern. "Oh nein", schreit sie und hält sich die Ohren zu - und das nur, weil die Mama von Lea Wirbelwind das Bad betritt und gleich entdecken wird, dass Lea versucht hat, sich mit den elterlichen Nasentropfen die Zehennägel anzumalen. "Oh nein!". Um Himmels willen, die Mama kommt!

D
abei ist diese Lea-Mama ja der In begriff von erzieherischer Cool ness. Eine wahre Freundin sozusagen. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen und einen ausgefallenen Trick in petto. Dagegen bin ich ein wahrer Drachen - und ich bin in Wirklichkeit ziemlich nachgiebig. Allein die Tatsache, dass Hannah seit Marlenes Geburt bei uns im Bett schlafen darf, spricht doch Bände! Und was sagt Hannah, als ihre Großmama sie nach der Schlafordnung fragt? Sie deutet aufs Familienbett und meint: "Da liegt die Marlene, da liege ich und da - da liegen die anderen".

Von wegen Freunde! Mein Mann und ich - wir sind die anderen. Und das ist auch ganz in Ordnung so.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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