Gott und die Wiener Polizei

I
ch fand es absurd. Da standen plötz lich zwei Polizeibeamte auf unserem Spielplatz. Was war passiert? Also: Drei Buben waren zu ihren Müttern gestürmt und hatten sich lauthals beschwert. Irgendein alkoholisierter Vater hat mit seinem Kind die Seilrutsche in Beschlag genommen! Der lässt keinen mehr dran. Zwei Mütter rannten zur Seilrutsche - und kamen empört zurück. "Der hat mir die Hand umgedreht", rief die eine: "Ich hol die Polizei!"

Fünf Minuten später waren sie da, die beiden Beamten, und verwiesen den renitenten Vater des Spielplatzes. Seit wann, fragte ich mich, ist die Polizei dazu da, Spielplatzangelegenheiten zu schlichten? Sind wir dazu nicht selber imstande?

Nein, sind wir nicht. Nicht immer. Kleinkinder, die um die Schaufel streiten, brauchen zuweilen die Hilfe der Eltern. Hilft ihnen keiner, endet das ganze in einer Prügelei. Erwachsene wenden sich an die Polizei. Und so, wie Kinder auf die Eltern bauen, so sind wir Erwachsenen darauf angewiesen, dass die Polizei unser "Helfer" ist, wenn einer von uns gewalttätig wird. Was aber, wenn die Polizei versagt? Wenn sie überreagiert? Wie damals jener Beamte, der mich mit dem Streifenwagen verfolgte. Ich war gerade erst sechs! "Polizist, Polizist, hat die Hosen voller Mist", hatte ich gesungen. "Wenn ihre Tochter das noch einmal macht", sagte er in drohendem Ton zu meinen Eltern, "kommt sie ins Kin-der-heim".

Das war harmlos. Aber ich habe mich gefürchtet. Weit weniger harmlos und wirklich zum Fürchten ist es, wenn Polizisten Schubhäftlingen den Mund verkleben oder einen gefesselten, leblos daliegenden Mauretanier mit den Füßen "fixieren", nachdem sie ihn zuvor - laut Zeugenaussage - mit der Faust auf Kopf und Rücken geschlagen haben.

I
ch habe keinen Grund, dem Zeugen zu misstrauen. Es ist bekannt, dass man che Polizisten provozieren. Dass sie prügeln. Dass sie schon einmal verhaftete Frauen belästigen. Dass sie den Begriff Gewaltmonopol gründlich missverstehen. Die Frage ist nur: Sind es wirklich nur die "schwarzen Schafe"? Oder erfährt man von solchen das Gewaltmonopol missverstehenden Polizisten nur dann, wenn in der Folge ein Mensch stirbt?

Meine Tochter ist vier und weiß von all dem nichts. Sie hat vor der Polizei einen Heidenrespekt - genauso wie vor Badewaschln. "Ich will nicht sterben", sagte sie neulich, als sie vom Tod der Nachbarskatze erfuhr: "Kannst du das der Polizei sagen, dass ich das nicht will?"

Tja: Gott und die Wiener Polizei. Die Zweifel kommen erst später.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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