W
as war das noch für eine Ge schichte? Schneewittchen? Aschenputtel? Oder gar Brüderchen und Schwesterchen? Egal - jedenfalls eines dieser Märchen, in dem so ein unschuldiges, adrettes Ding von einer hinterhältigen Stiefmutter schikaniert wird, wobei ich an dieser Stelle schon einmal behauptet habe, dass die Stiefmutter im Märchen für die Mutter steht, die man ungestraft hassen darf. Aber darum geht es heute nicht. Heute geht es um die Männer im Märchen. Ich hatte also dieses Märchen erzählt - und Hannah stellte mir eine Frage, mit der ich nicht gerechnet hatte: "Was", fragte sie, "ist mit dem Vater?" - "Was soll mit dem Vater sein?" - "Wieso hat er die denn geheiratet?" - "Hm. Die Mama war tot, da hat er sich eine andere Frau gesucht." - Empört: "Ja, aber hat er nicht gemerkt, dass die böse ist?"
Märchen haben von feministischer Seite ja schon viel Kritik einstecken müssen, weil diese Prinzessinnen mit ihren zierlichen Füßchen und rapunzellangen Haaren, die alles stehen und liegen lassen, wenn ein Prinz daherkommt, sich nun wirklich nicht als Vorbilder eignen. Aber hat schon jemand die Rolle der Väter bedacht? Wieso merken die nichts? Wieso tun sie nichts?! Zu sehr mit Regieren beschäftigt - oder wie? Und dann ist das Schneewittchen hinter den sieben Bergen . . . Und dem Herrn Papa fällt immer noch nichts auf? Ich habe also schon begonnen, mir über die Schuld und Unschuld der Märchenväter den Kopf zu zerbrechen - da fiel mir Gregor ein, ein sehr fantasievoller Bub aus Hannahs Kindergarten. Der verkleidet sich gerne als Prinzessin. Und wenn nicht als Prinzessin, dann als Hexe. Mit wallenden Gewändern, Schleppen, und weil eine Prinzessin das Haar lang trägt, lässt er sich ein Kopftuch ans Haar klippsen.
Eigenartig, dachte ich. Warum verkleidet er sich nicht als . . . als . . .
J
a, als was denn? Als Frosch vielleicht? Als Rumpelstilzchen? Oder als der böse Wolf? Natürlich: als Prinz! Aber: Was tun diese Prinzen eigentlich? Sie tauchen im letzten Zehntel der Geschichte auf, küssen oder tanzen oder vertrauen ihre scheintote Geliebte stolpernden Sargträgern an, was man auch nicht als Glanzleistung bezeichnen kann. Sie haben kaum Text - und der Zuhörer erfährt nicht einmal ihren Namen!
Wenn man es recht bedenkt, hat Gregor recht. Die Männer im Märchen sind keine Vorbilder. Helden sind sie erst recht nicht. Sie sind uninteressant. Stichwortgeber, Projektionsfläche für die Ängste, Hoffnungen der Mädchen. Staffage. Nicht mehr. Und da sage noch einer, Märchen seien frauenfeindlich.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com