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s regnet. Schüttet! Waschelt! Wie aus Kübeln! Wir fahren mit den Kindern vom Schwimmen nach Hause. Auf der Autobahn, weil man in Vorarlberg eigentlich immer auf der Autobahn fährt, selbst wenn man nur ins Kino will oder ins Bad. Es regnet also, die Fahrbahn ist nass, und die Scheibenwischer kommen mit dem Wischen nicht mehr nach.
"Mama", rufe ich: "Spinnst du?".
Ich gebe zu, dass man seine Mutter nicht als Spinnerin bezeichnet. Aber das war eine gerechtfertigte Ausnahme. Meine Mutter fährt mit 130 km/h! Sie sieht mich verdattert an. "Mama", erkläre ich: "Du fährst zu schnell!" - "Ich fahre 130". - "Das ist zu schnell!" - "Aber so schnell darf ich ja sogar fahren!"
Szenenwechsel. Es ist heiß. Brütend heiß. Ich habe alle Vorhänge zugezogen und telefoniere mit Robert. "Gehst du mit schwimmen?" frage ich. "Ja, hast du es denn nicht gehört? Ozonalarm! Da soll man mit Kleinkindern nicht ins Freie!" Robert hat Chemie studiert und erklärt es mir genau. Zu genau. Was ich verstanden habe: Dass die Abgase schuld sind und die Sonne, und dass paradoxerweise die Ozon-Konzentration dort besonders hoch ist, wo viele Bäume stehen. In der Lobau zum Beispiel. Dort, wo die Wiener gerne baden. Ich entscheide mich, ebenfalls zu Hause zu bleiben. Da ruft Robert wieder an. Ob ich mitkommen möchte? Er fahre ins Technische Museum. Mit dem Auto.
Szenenwechsel. Mein Stammlokal. Adi kommt herein. "Wahnsinn, in zwei Stunden von der Grazer Innenstadt bis hierher! Zwei Stunden! Das ist mein Rekord!" I
ch will eigentlich gar nicht nachrech nen, wie schnell er gefahren sein muss. Tatsache ist: Adi fährt miserabel. Aber kennen Sie irgendeinen Autofahrer, der vor sich oder anderen zugibt, seine Fahrkünste seien in Wahrheit bescheiden?
Szenenwechsel. Ich telefoniere mit meiner Schwester. Ich erzähle ihr vom Ausflug mit unserer Mutter. 130 bei Regen! "Aber geh", sagt sie. "Du bist das halt einfach nicht gewohnt." - "Aber das ist doch unvernünftig!" - "Ja, wenn's nach der Vernunft ginge, dann dürfte man sowieso nur 70 fahren." Menschen haben vor verschiedenen Dingen Angst. Dass sie im Fahrstuhl stecken bleiben oder ihre Kinder aus dem Park entführt werden. Sie haben Angst, in ein Flugzeug zu steigen oder sich mit einem exotischen Virus zu infizieren. Sie fürchten sich vor großen Plätzen, kleinen Räumen oder davor, dass ein Wahnsinniger sie vor die U-Bahn stößt.
Ich fürchte mich vor Autos. Das einzige, was ich bei fast 1000 Verkehrstoten jährlich nicht verstehe: Warum ich damit so alleine bin.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com