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ch schlich mich ins Kinderzimmer. Dass sie ja nicht aufwacht! Ich nahm die Hand meiner Tochter und kontrollierte ihre Finger. Na also! Doch! Der Zeigefinger war länger als der Ringfinger. Ich atmete auf.
Was ich mit Hannahs Fingern wollte? Ich hatte eben eine BBC-Dokumentation gesehen. "Kinder unserer Zeit" widmete sich der Frage, wie Mädchen zu Mädchen werden und Buben zu Buben.
Zum einen, natürlich, weil sie zu solchen erzogen werden. Um das zu beweisen, hatte man Probanden ein Kleinkind zur Betreuung überlassen und dabei Mädchen als Buben, Buben als Mädchen verkleidet. Siehe da: Die "Buben" wurden prompt mit Autos beschäftigt - auch wenn sie plärrend nach der Puppe gierten.
Zum anderen spielen die Hormone eine Rolle. Aufgrund hormoneller Einflüsse gebe es "mädchenhafte" Mädchen und "jungenhafte". Erkennen kann man sie an ihren Zeigefingern! Genau genommen daran, dass er bei Mädchen-Mädchen länger ist als der Ringfinger! Darum war ich also ins Kinderzimmer geschlichen und hatte mir von den Händen meiner Tochter die Absolution geholt: Ich war also nicht schuld, wenn Hannah Buben blöd findet, weil sie hässliche Frisuren haben! Und dass sie neulich die Idee, sich zum Geburtstag ein Playmobil-Piratenschiff zu wünschen, mit den Worten zurückwies: "Ich bin doch ein Mädchen! Mädchen spielen nicht mit wilden Sachen." Das sind die Hormone! Einfach die Hormone!
Ich rief meine Mutter an. Meine Mutter hat den Orientierungssinn eines Käfighamsters und kann einen Schraubenzieher nicht von einem Schraubenschlüssel unterscheiden. Nur zum Beispiel. Was ich sagen will: Sie ist eine sehr weibliche Frau. Doch ihr Zeigefinger? Ist kürzer. Genauso wie der meiner Schwester, die ich mit meinem Anruf beim Zwetschkeneinkochen störte.
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ch gebe zu, da wurde ich skeptisch. Drum unterzog ich meinen Mann einem Test. Männer, hatte es in der Doku geheißen, zeichnen funktionierende Fahrräder. Frauen vergessen oft die Pedale - und setzen dafür ein Männchen drauf. Was zeichnete mein Mann? Ein Rad ohne Männchen - und ohne Pedale! Ich staunte. Noch mehr über die Erklärung. "Ich bin mir sicher", so mein Mann, "das erste Rad hat genau so ausgesehen!" Ein Fahrrad sei ein Rad, das fahre. Und eben das könne sein Modell. Er habe also nichts vergessen, sondern die Aufgabe nur wörtlich genommen! Ich hätte ja nie gesagt, dass das Rad der Straßenverkehrsordnung entsprechen müsse! - Ist das nun männlich? Oder ist soviel Spitzfindigkeit eher weiblich? Ich weiß nicht. Sicher ist nur: Das ist typisch mein Mann.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com