Wenn ich einmal greis bin

N
un, ich gebe zu, die Vorstellung hat etwas: marodierende Senio renbanden, die durch die Städte ziehen und alles, was sich ihnen entgegenstellt, mit dem Putter bearbeiten. Alte, die ungeniert die Supermärkte plündern. Pensionisten, die sich mittels Arbeitsplatzkidnapping ihre früheren Posten zurückerobern.

Diese Vision entwirft mein Kollege Jens Jessen in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit". Seine Drohung: "Alte, die nichts mehr zu beißen haben, könnten gefährlicher als Schäferhunde werden". Die Alten, die er meint, das sind wir: Die zukünftigen Pensionisten der Generation Babyboom. Wir sind zu viele - und wir (ja, wir und nicht irgendwelche blutjungen Partygänger) haben zu wenig Kinder gekriegt. Wer, bitte, soll in 30, 40 Jahren unsere Hüftgelenke zahlen? Von den Pensionen zu schweigen!

Keine Bange, ich wiederhole nicht die alte Leier. Im Gegenteil! Ich behaupte: Wenn wir einmal alt sind, wird alles nach unserer Pfeife tanzen! Was Jens Jessen nämlich vergisst: Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft.

Wer kauft, schafft an. Wer wählt, redet mit. Oder glauben Sie wirklich, dass die Wiener Kommunalpolitik im Jahr 2040 die absurd kurzen Grünphasen für Fußgänger beibehalten kann? Dass die Buschauffeure sich ihren rasanten Fahrstil dann noch leisten können? Die Verlage werden ihre Bücher in Großdruck auf den Markt bringen - Zeitungen haben dann sowieso längst auf 12-Punkt-Schrift umgestellt. Die Lebensmittelindustrie produziert Marmelade-Gläser, die ohne Kraftaufwand zu öffnen sind, die Wissenschaftler forschen um die Wette, um uns nachwachsende Zähne zu bescheren, und die Redundanz der ZiB-Sendungen nimmt noch zu: Für unsere erlahmende Auffassungsgabe wird alles dreimal wiederholt.

A
nschließend dürfen wir in Jugender innerungen schwelgen. Von "Dallas" über "Star Trek" bis Kulenkampff. Oder wir ziehen uns mit den Enkelkindern die "Biene Maja" rein. Die alten Serien sind schließlich immer noch die besten!

Wer geistig noch fit ist - und bis dahin ist garantiert ein Nahrungsmittelzusatz gegen Gedächtnisschwund auf dem Markt - der wird vom (Mini)Golfplatz regelrecht weggebettelt. Qualifizierte Arbeitnehmer sind rar! Im Büro dürfen wir dann unsere jüngeren Kollegen damit nerven, dass wir immer alles besser wissen. Und wir wissen alles besser! Wir sind die Babyboomer! Wir sind viele! Wir sind die Macht! Mit oder ohne Golfschläger. Mit oder ohne Zahnersatz. Unsere Enkelkinder werden sich wundern.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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