Z
wei Minuten für Gott!" Das Plakat der Wiener Stadtmission wirkte einladend. Es hing an einem durchsichtigen Plastikzelt unterhalb der Ruprechtskirche. Im Inneren: Bänke und etwas, das von weitem aussah wie ein improvisierter Altar.
Zwei Minuten für Gott? Du liebe Güte, dachte ich: Der gibt es aber heutzutage billig! Zu jener Zeit, da ich an der Existenz Gottes noch keine Zweifel hegte - ich gebe zu, das ist ein Weilchen her - da war unter dem regelmäßigen sonntäglichen Kirchenbesuch und einem abendlichen Gebet nichts drin.
Und jetzt? Zwei Minuten für Gott - das klingt doch nach Fünf-Minuten-Terrine. Nach "Zehn Minuten für ihre Bauchmuskeln" in der "Brigitte". Essen für Ungeduldige und Übungen für alle, die sich immer schon nach einem straffen Bauch sehnten, denen der Weg ins Fitnesscenter aber zu viel der Mühe ist. Zehn Minuten täglich! Fünf Minuten! Zwei! Das wird ja wohl noch möglich sein!
Ich weiß, dass ich kein Recht habe, mich in die Angelegenheiten eines Vereins einzumischen, dessen Mitgliedschaft ich vor Jahren aufgekündigt habe. Trotzdem gebe ich zu bedenken: Soziologen ziehen aus weltweiten Studien - etwa dem International Social Survey Programme - den Schluss, dass es der Religiosität der Menschen nicht förderlich ist, wenn man ihnen den Gottesglauben zu leicht macht. Ein bisschen rigide muss die Sache schon sein. Das schweißt zusammen. Auch Pomp ist angebracht. Wo etwa die Protestanten herrschen, ist es um den Glauben schlecht bestellt. Zu rational! Zu modern! Und ob das II. Vatikanische Konzil für den Katholizismus wirklich ein Segen war, ist auch nicht sicher. Oder um mit dem Soziologen Franz Höllinger einen Experten sprechen zu lassen: "Die Intention der Konzilsväter, die Kirche an die Moderne heranzuführen, war sicher lobenswert. Aber andererseits hat eine Entzauberung stattgefunden."
V
on wegen Plastikzelt und zwei Mi nuten! Bischof Krenn hat es eben immer schon gewusst: Religiöse Rabattaktionen sind der falsche Weg. Entweder ganz - oder gar nicht. Entweder Fitnesscenter - oder der Bauch bleibt schwabbelig. Zehn Minuten Training täglich - das macht kein Mensch. Weshalb wir auch nie erfahren werden, ob die nach neuesten Erkenntnissen adaptierten Sit-ups etwas gebracht hätten. Oder diese zwei Minuten Gebet . . .
Obwohl: Zum Trost für die Wiener Stadtmission und zum Glück für die "Brigitte", der sonst wohl so mancher Prozess ins Haus stünde: Wenn es nichts nutzt - schaden wird es auch nicht.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com