Weiberrede Widerrede: Erstgeborene sind Versuchskaninchen

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enn ich das gewusst hätte! Eine Wiederholung. Und ich war be geistert. In "Verrückt nach dir", einer Serie aus den Neunzigern, entdecken Jamie und Paul, dass ihr Baby am besten im Taxi einschläft, woraufhin sie die Chauffeure zu diversen Übertretungen der Straßenverkehrsordnung nötigen: Das Kind wird nämlich bei Rot immer wach.

Überzeichnet? Aber nie! Mag sein, dass unser Budget für solche Taxi-Eskapaden nicht reicht. Aber wir waren nicht weniger kopflos! Damit Hannah einschläft bin ich mit dem Kinderwagen über Kopfsteinpflaster gerast und mein Mann ist mit ihr im Tragtuch die Treppen auf und ab getigert - er hasst Treppensteigen. Mein Vater konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, samt Säugling wieder in die Klinik zu flüchten. Es ist krank! Dachte ich. Ach wo. Es hatte Blähungen. Später habe ich Hannah mit Spielzeug abgelenkt, damit sie wenigstens ein paar Löffel Brei hinunterwürgt. War das ein Krampf!

Heute ist Hannah vier, ich habe wieder ein Baby - und bin verblüfft: Marlene schläft im Bettchen ein, isst mit Begeisterung und spielt auch einmal eine halbe Stunde zufrieden in ihrem Kinderwagen. Toll - oder? Der Haken dabei: Jetzt merke ich erst, was ich früher alles falsch gemacht habe. Wie wäre das wohl bei Hannah gewesen, hätte ich schon damals gewusst, dass auch Babys lieber in Gesellschaft essen?! Oder wenn ich sie nicht beim kleinsten Quäker hochgehoben hätte? Oder wenn sie anfangs bei mir im Bett hätte schlafen dürfen? Aber ich hatte ja Angst, sie zu zerdrücken.

"Tja, die Zweiten", meint meine Mutter am Telefon: "Die haben es besser. Wenn ich daran denke, wie das bei dir war!" Meine Mutter hat nämlich auf die Kinderärzte gehört - und die waren rigider als heute. Höchstens alle drei Stunden stillen! Ich hab gebrüllt. Mit drei Monaten den ersten Brei! Und ich spuckte. "Mir tust Du jetzt noch leid!" - "Die Ersten", sage ich, "sind eben die Versuchskaninchen". Die müssen spielen, wenn sie Ruhe brauchen; werden ins Bett gesteckt, wenn sie munter sind. Jeder grippale Infekt stürzt die Mutter in Panik, hinter jeder Abweichung von der Norm wird eine Entwicklungsstörung vermutet! Arme Erstgeborene!

Andererseits: Wie kommt es dann, dass sie doch so normal werden? Oder sagen wir: Wenigstens nicht weniger normal als die Zweiten? Meine Vermutung: Es ist alles nicht so wichtig. Das Kind schläft nur auf dem Arm ein? Schlecht für Mamas Bandscheiben. Es hasst Brei? Pech für die Wände. Wacht in der Nacht zehnmal auf? Dem Baby schadet das jedenfalls nicht.

Wie sagt man in Vorarlberg? "Verkopf di net". Vermutlich ist es das, was man vom zweiten Kind wirklich lernt.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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