Als die Chefsessel zum Schleudersitz wurden

2002 war das Jahr der Vorstandswechsel.

WIEN (red.). Es hat Zeiten gegeben, da waren Manager Stars: Ihre Gesichter wurden auf Titelseiten gedruckt, ihre Erfolgsrezepte und Visionen wurden kopiert und Anleger vertrauten ihnen kofferweise Geld an.

2002 war dies anders: Die Vorstände, die Sparprogramme durchziehen mußten, wurden bei der Belegschaft und - angesichts der schwachen Aktienkurse - an der Börse zu Buhmännern. Heftig wurde an ihren Sessel gesägt, viele gaben endgültig auf.

Who-is-Who der Wirtschaft

Die Liste der "freiwillig-unfreiwillig" zurückgetretenen Top-Manager liest sich wie ein Who-is-Who der Wirtschaft. Der wohl bekannteste von ihnen ist Ron Sommer. Nach sieben Jahren an der Spitze der Deutschen Telekom verlor der einst gefeierte Boß den Machtkampf gegen die Regierung. Mit seinem Rücktritt im Juli kam er seiner Abwahl zuvor.


Ebenfalls im Juli traf es den Vorstandschef des Medienkonzerns Vivendi, Jean-Marie Messier - die bis dahin schillerndste Managerpersönlichkeit Frankreichs. Seine Strategie, aus dem ehemals behäbigen Staatsunternehmen General des Eaux den gigantischen Medienkonzern Vivendi zu machen, der sich im Film-, Musik-, Fernseh- und Telekommunikationsmarkt tummelt, wurde von den Investoren nicht mehr mitgetragen. Seit Messier weg ist, werden verschiedene Unternehmensteile des mit 35 Mrd. Euro verschuldeten Mischkonzerns nach und nach verkauft.

Relativ geräuschlos ging der Wechsel bei British Telecom zu Jahresanfang über die Bühne: Hier ersetzte Ben Verwaayen den bisherigen Chef Sir Peter Bonfield.

Schon mehr Wirbel machte der Abgang von Michel Bon beim französischen Ex-Monopolisten France Telecom. Seine Expansionsstrategie und vor allem die Beteiligung an der deutschen MobilCom ließ die Nettoverschuldung auf gigantische 69,7 Mrd. Euro ansteigen.

Unter dem Druck von Rekordverlusten verließ auch der Konzernchef und Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse Corp., Lukas Mühlemann den Chefsessel. Er verzichtete sogar auf die in solchen Fällen oft übliche Millionenabfindung.

Beim Medienkonzern Bertelsmann nahm Chef Thomas Middelhoff seinen Hut. Anschließend trennte sich das Unternehmen im Eiltempo auch von Vertrauten und Lieblingsprojekten des Topmanagers.

Einen überraschenden Wechsel an der Spitze gab es auch beim Technologiekonzern ABB, wo der Schwede Jörgen Centerman im Spätsommer durch den Deutschen Jürgen Dormann abgelöst wurde.

Im Abgang von Fiat-Boss Paolo Cantarella - nach nur fünf Monaten - gipfelte die Krise des italienischen Autokonzerns, die das ganze Land erschütterte. Insgesamt vier Top-Manager legten im Laufe von zwölf Monaten ihre Funktion zurück.


Auch in Österreich gab es Abgänge in den Vorstandsetagen - auch wenn nicht so spektakuläre wie im europäischen Ausland dabei waren. Bei Austria Microsystems ging im Juli Vorstandsvorsitzender Hans Jörg Kaltenbrunner und im Dezember ging Technik-Vorstand Wolfgang Pribyl. Gerhard Schuberth verließ im Vorjahr Colt und heuer die börsenotierte Update Software AG. Der an der Wiener Börse notierte Computerspieleproduzent JoWood verlor Finanzvorstand Uwe Deisenhammer, dann seinen Nachfolger Andreas Wiedwald sowie Vorstandschef Wilhelm Hamrozi.

Doch auch mancher Betrieb aus der Old Economy kämpfte mit Schwierigkeiten. Bei der Wiener Großbäckerei Anker schied Hasso von Düring nach zwei Jahren im Amt im Jänner aus, auch Otto Hasmiller verließ das traditionsreiche Wiener Backunternehmen.

Turbulent ging's beim Faserproduzent Lenzing zu. Der Aufsichtsrat setzte im April Vorstandschef Jochen Werz fristlos ab, eine in der österreichischen Wirtschaftsgeschichte ungewöhnliche Vorgangsweise. Die Klage von Werz läuft noch.

Am kürzesten - nämlich gar nicht - im Amt war der designierte Immobilien-Chef der ÖBB, Martin Neidthard: Der 46jährige hatte zwar schon seinen Vertrag, dieser wurde aber wieder aufgelöst als sein Engagement in einer rechten militanten Gruppe in den 70er und 80er Jahren bekannt wurde.

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