"Gegen die Ausgliederung der Immobilien werden wir uns wehren"

ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde im "Presse"-Gespräch über die Effizienz der Bahn, über schärferen Wettbewerb für den Güterverkehr und den Widerstand gegen Pläne der Regierung.

DIE PRESSE: Eine Wifo-Studie stellt den ÖBB ein schlechtes Zeugnis aus: Die Verkehrsleistungen gehen zurück, die Produktivität hinkt hinter anderen Bahnen zurück - vor allem gegenüber der Schweizer Bahn. Ist dies ein Alarmzeichen für den Generaldirektor?

Rüdiger vorm Walde: Das sind Benchmarkwerte, und da ist immer die Frage, welche Benchmark Sie als relevant bezeichnen. Daß wir etwas tun müssen, das wissen wir selber, da sind wir dran. Andere tun auch etwas, es kommt immer darauf an, wer welche Ausgangssituation hat. Wenn Sie sehen, welches Investitionsprogramm die Deutschen im Moment haben, wie explosionsartig sie in ihr System hineininvestieren, dazu wäre Österreich gar nicht in der Lage.

Muß es nicht das Ziel sein, zumindest die Produktivität der Schweizer Bahn zu erreichen?

vorm Walde: Nein, die Schweizer Bahn hat historisch gesehen immer schon einen Vorteil gehabt, weil die Verkehrspolitik insgesamt Maßstäbe gesetzt hat, die in Europa einzigartig sind. Man hat den Schwerlastverkehr nie in dem Umfang gewollt. Das sehen Sie an den Brückenkonstruktionen und Steigungen von Autobahnen. Es war immer schon so, daß man den Transitverkehr auf der Bahn durchführt und nicht per Lkw.

Aber Ihr Problem scheint ja nicht so sehr der Güterverkehr zu sein. Da haben die ÖBB ja deutlich zugelegt. Rückgänge gab es im Personenverkehr.

vorm Walde: Ach, das ist die Sicht von außen. Wenn Sie sich den Ertragsanteil des Güterverkehrs der SBB ansehen, werden Sie erkennen, das ist ein anderer Güterverkehr mit anderer Qualität, der dort durchgeführt wird.

Das klingt nicht so optimistisch wie bei Ihrem Vorgänger, der ja mit dem Güterverkehr sogar an die Börse wollte.

vorm Walde: Ach, haben Sie sich einen Börsegang jemals vorstellen können? Das geht doch nicht. Die ÖBB sind nicht nur ein Unternehmen. Da geht es um Infrastruktur für Regionen, da geht es darum, Wirtschaftsräume zu erschließen. Man kann den Güterverkehr nicht vom Rest der Bahn abkoppeln.

Wie schätzen Sie die Zukunft des Güterverkehrs ein?

vorm Walde: Ich sehe zwei Probleme. Das eine ist die Gesamtentwicklung bei den schienenaffinen Gütern. Die Entwicklung geht heute eher Richtung Sonnenkollektoren, Windkrafträder, früher hatte man sehr viel Kohle zur Stahlerzeugung, für Kraftwerke. So haben Sie auch einen Wandel der Güter, die die Bahn transportieren muß. Es geht weg von den Massengütern wie Kohle oder Erz. Sie sehen auch bei den künftigen EU-Mitgliedern, das nimmt alles drastisch ab. Das zweite ist: Deutschland beginnt ein massives Investitionsprogramm für den Güterverkehr. Das ist eine Gefahr. Wenn einer massiv investiert, hat er Abschreibungen, also Fixkosten. Und wenn er Fixkosten hat, muß er expandieren. Das kann er auf dem heimischen Markt tun, das kann er aber auch international tun.

Wachstumsmarkt Busse

Dann wird die Deutsche Bahn bald den osteuropäischen Markt entdecken und Ihnen dort Konkurrenz machen.

vorm Walde: Die hat ihn schon entdeckt.

Im Personenverkehr haben Sie erklärt, eine Erhöhung des Marktanteils von acht auf fünfzehn Prozent anstreben zu wollen. Das würde ja einem gigantischen Zuwachs an Fahrgästen entsprechen.

vorm Walde: Das hat man in der Presse daraus gemacht. Ich habe gesagt, wir kommen von zehn Prozent, gehen auf acht, wir wollen zwölf.

Das wäre aber immer noch ein Plus von 50 Prozent.

vorm Walde: Sie können rechnen. Wir haben sicherlich beim Fernreiseverkehr Chancen, da heranzugehen. Wenn Sie unsere bisherige Struktur sehen, waren wir im städtischen und Überlandverkehr nicht stark vertreten. Wir haben nur 800 Omnibusse, daher das starke Interesse am Postbus. Die Ballungsräume werden sicher ein Wachstumsmarkt sein. Das heißt aber nicht unbedingt, nur Marktanteile dazuzukaufen, sondern auch, Anteile auszubauen.

Aber wie wollen Sie einen derartigen Zuwachs erreichen? Wird es eine große Werbekampagne geben?

vorm Walde: Ich glaube kaum, daß Sie über Werbung real das Verhalten beeinflussen können. Ich setze eher auf die Integration von Bus und Schiene. Es soll nicht ein Gegeneinander, sondern ein vernünftiges Miteinander sein. Und das bedeutet, daß wir Übergänge haben und in einem vernünftigen Takt fahren. Sie haben den größten Ärger, wenn Sie die Leute zur Schiene hinfahren und einer von beiden derart unpünktlich ist, daß der Anschluß nicht klappt. Das ist schon ein integriertes System.

Der Kauf der Postbusse ist aber noch keineswegs sicher. Minister Reichhold hat sich diese Woche sehr kritisch zu dem Plan geäußert.

vorm Walde: Auch das ist Wettbewerb. Es ist klar, daß im Privatgewerbe die Angst besteht, daß wir dominant werden, wenn wir den Postbus kaufen. Dieser Ansatz ist legitim und bedeutet eben Lobbying. Auch der französische Konzern Connex hat mit Sicherheit Interesse. Aber man muß letztendlich eine Gesamtstrategie anbieten, die für Österreich vernünftig ist.

Der Wettbewerb hat nämlich auch eine andere Facette, daß man vielleicht dem eigenen Laden nicht so glaubt und sagt, da kommt ein Neuer und frisches Blut und alles ist phantastisch. Da gehen einige über die Lande und versprechen Ihnen alles.

In einem anderen Punkt haben Sie sich gegen die Politik durchgesetzt: Die Teilung der Bahn in zwei Unternehmen ist vom Tisch.

vorm Walde: Ich gehe nicht vom Gewinnen aus. Ich gehe davon aus, daß wir dieses Unternehmen, wie es ist, möglichst störungsfrei in den Wettbewerb führen müssen. Denn wenn Sie diesen Organismus stören, indem Sie starke organisatorische Änderungen vornehmen, dann haben Sie keine Effektivität mehr, weil Sie sich intern stark mit den Dingen beschäftigen müssen. Das war auch ein Maßstab für mich, wie ich in das Unternehmen gekommen bin: Es ist so gut wie nichts geändert worden. Jedenfalls nicht in der Organisation, die funktioniert wie in der Vergangenheit. Sie mag schlecht funktionieren, aber dann funktioniert sie in der alten Art. Diese Art lerne ich kennen, analysiere sie und stelle sie um, wie das vernünftig ist.

Geplant ist, daß die Vermögenswerte der Bahn an die Schieneninfrastrukturgesellschaft (Schig) ausgegliedert werden, um so die Maastricht-Kriterien zu erfüllen. Können Sie damit leben?

vorm Walde: Sicher nicht, dagegen werden wir uns wehren. Die Immobilien sind sehr profitabel, sie liefern einen wesentlichen Bestandteil des Ertrags. Es ist für uns aber auch unvorstellbar, das Eigentum an der Infrastruktur abzugeben. Der Eigentümer entscheidet über die Benutzung der Infrastruktur. Als reiner Nutzer hätten wir niemals die gleichen Rechte.

Wie wollen Sie dann die Maastricht-konforme Behandlung der Schulden garantieren?

vorm Walde: Vorstellbar ist für uns das sogenannte Integrationsmodell, daß also die Schig inklusive der Schulden wieder in die ÖBB eingegliedert wird.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den beiden tragischen Zugskollisionen der vergangenen Tage?

vorm Walde: Der Tod der sechs Fernfahrer und die 14 Verletzten sind ein schwerer Schlag für mich. Mein Mitgefühl gehört den Hinterbliebenen, denen wir jetzt unbürokratisch helfen. Bevor wir genau analysieren können, was wir machen können, damit so etwas nicht mehr passiert, brauchen wir gesicherte Erkenntnisse. Die Untersuchungen zur Ursache sind aber noch nicht abgeschlossen. Eines muß man allerdings klar sagen: Wir investieren in die Sicherheit jährlich 200 Millionen Euro und sind technisch up to date. Wir sind auch bisher nicht mit Risiko gefahren. Und wie man weiß, ist das Bahnfahren außerordentlich sicher.

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