Bubble-Profiteure: Manager wurden zu Multimillionären

Hitliste. Auch als die Börsen schon taumelten, stießen sich die "Insider" gesund. Jetzt gibt es erste Antworten auf die Frage, wer von der US-High-Tech-Bubble am meisten profitiert hat. Das "Wall Street Journal" und die Zeitschrift "Fortune" haben erste Listen publiziert.

NEW YORK. Daß Gary Winnick, der Gründer von Global Crossing, mit Aktienverkäufen 743 Mill. Dollar verdiente, wußte man. Daß Ken Lay, der Chef von Enron, gleich vier Chalets im Ski-Kurort Aspen besaß, war ebenfalls bekannt. Und daß WorldCom-Chef "Bernie" Ebbers noch im letzten Herbst von seiner Firma einen "Kredit" von 408 Mill. Dollar bekam, wurde überall vermeldet.

Aber wer waren die andern Bosse, die von der im März 2000 geplatzten "Bubble" profitierten, indem sie ihre Aktien gerade noch rechtzeitig verkauften? Wer stieg rechtzeitig aus, bevor die Internet-, die Telekom- und Fiberoptik-Aktien kollabierten, und wie groß ist der Schatz, auf dem sie heute sitzen? Wieviele Profiteure gab es überhaupt? Waren es Hunderte oder eher Tausende? Auf alle diese Fragen gibt es jetzt wenigstens partielle Antworten.

Alte und neue Namen

Das "Wall Street Journal" hat die Telekom-Branche durchleuchtet, und das Magazin "Fortune" hat soeben eine Liste der größten Profiteure aller Branchen publiziert. "Fortune" untersuchte die sogenannten "Insiderverkäufe" (die meldepflichtigen Aktientransaktionen von Firmenangehörigen) bei 1035 Firmen, deren Aktienkurs seit 1999 um mindestens 75 Prozent gefallen ist. Von Interesse waren also nur jene Unternehmen, die keinen Erfolg gehabt haben. Konzerne wie General Electric, Citigroup oder Microsoft fehlen.

Die Namen, die man an der Spitze findet, sind zum Teil bekannt, aber in vielen Fällen auch der Öffentlichkeit neu. Denn die größten Börsengewinne wurden oft mit Aktien relativ obskurer Firmen erzielt, und die größten Profiteure waren nicht immer die Firmengründer, sondern andere Manager.

Die "Fortune"-Liste stützt sich auf die offiziellen Verkäufe, die der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) gemeldet werden müssen. Es handelt sich also nur um die Gewinne, die Manager und Verwaltungsräte offiziell während ihrer Amtsdauer erzielten. Börsengewinne, die nach dem - freiwilligen oder unfreiwilligen - Abgang erzielt wurden, sind in den Zahlen nicht enthalten. Ebenfalls nicht enthalten sind Gewinne, die mit Derivatkonstruktionen erzielt wurden, wie sie die großen Investmenthäuser den High-Tech-Managern zur "Diversifikation" ihrer Vermögen offerieren. Und natürlich umfassen die Zahlen nur die Verkäufe von Managern und Verwaltungsräten. Was befreundete Venturekapitalisten und Banker kassierten, ist unbekannt.

Aber über den Trend geben die Zahlen ein gutes Bild. Laut diesen Zahlen war der größte Profiteur seit Januar 1999 der Financier Philip Anschutz. Der zurückgezogen lebende Multimilliardär Anschutz ist der Geldgeber hinter dem in großen Schwierigkeiten steckenden Telekom-Konzern "Qwest Communications". Er steckte während seiner Amtszeit als Qwest-Verwaltungsrat mit dem Verkauf von Qwest-Aktien 1,57 Mrd. Dollar ein, wie "Fortune" errechnet hat. Joe Nacchio, der Mann, den Anschutz holte, um den neu gebildeten Konzern zu führen, ist die Nummer 18 auf der Liste, mit einem offiziellen Erlös von 230 Mill. Dollar. (Anschutz verteidigt sich damit, er habe fast eine Mrd. Dollar eigenes Geld eingeschossen; sein Gewinn sei also nicht exorbitant. Anschutz hatte seine erste Milliarde mit Beteiligungen an Energieunternehmen in den Rocky Mountains gemacht).

Kranke Firmen, reiche Chefs

Nummer zwei auf der Liste ist Ted Waitt, der Chef des Computerkonzerns Gateway. Er steckte 1,1 Mrd. ein. Gateway ist eine renommierte Firma, aber während der Zeit, in der Waitt seine Gewinne realisierte, sackte der Aktienkurs von 60 Dollar auf weniger als vier Dollar ab. Der Börsenwert des ganzen Konzerns beträgt heute weniger als 1,2 Mrd. Dollar. Waitt - der immer noch Chef ist - hat also in etwas mehr als drei Jahren soviel herausgeholt, wie der PC-Hersteller heute wert ist. Dieses Muster zeigt sich auf der "Fortune"-Liste immer wieder.

Die Nummern drei und vier auf der Liste sind Henry Samueli und Henry Nicholas, zwei Manager der Firma Broadcom, die Komponenten für Glasfasernetze herstellt. Sie lösten je zirka 800 Millionen Dollar, aber die Broadcom-Aktien sind in den letzten zwei Jahren von 240 Dollar auf 16 Dollar gefallen, und der Börsenwert der Firma beträgt heute nur noch drei Mrd Dollar. Peregrine Systems, die Firma von John Moores (Nummer fünf auf der Liste), die EDV-Lösungen für Unternehmen anbietet, ist heute noch 40 Cents je Aktie wert. Die Marktkapitalisierung beträgt noch ganze 77 Mill. Dollar. Aber Moores brachte es fertig, seit 1999 immerhin 646 Mill. Dollar auf die hohe Kante zu legen.

Sanjiv Sidhu, der Vorsitzende des E-Commerce-Spezialisten "i2 Technologies" (Nummer acht auf der Liste) holte 447 Mill. Dollar ab, aber seine Firma hat heute nur noch einen Börsenwert von 300 Mill. Und Naveen Jain, der Chef des Telekom- und Internet-Ausrüsters Infospace (Nummer neun) kassierte laut den SEC-Zahlen 406 Mill. Dollar, aber die Aktien liegen bei 50 Cents, und der Marktwert der Firma beträgt noch 150 Mill.

66 Mrd. Dollar kassiert

Insgesamt kassierten die "Insider" bei den 1000 analysierten Firmen laut "Fortune" etwa 66 Mrd. Dollar. Allein bei den 25 Unternehmen mit den größten Aktienverkäufen strichen 466 "Insider" 23 Mrd. ein. Diese Zahlen beziehen sich wie erwähnt nur auf Firmen, die gestrauchelt sind. Wenn man General Electric, Microsoft oder Citicorp hinzuzählen würde, würden sich die "Insider"-Verkäufe seit 1999 auf weit über hundert Mrd. Dollar summieren.

Der High-Tech-Boom der neunziger Jahre hat somit zur größten Reichtums-Umverteilung seit hundert Jahren geführt. Ein paar tausend Manager, Venturekapitalisten und Banker haben mehrere hundert Mrd. Dollar, die vorher Kleinaktionären und Mitarbeitern gehörten, in die eigene Tasche umgeleitet. Die Konzentration des Reichtums hat einen gewaltigen Sprung nach vorn getan.

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