Gasmarkt wird liberal - aber keiner bemerkt's

Ab Oktober kann sich jeder seinen Gaslieferanten aussuchen. Ob davon Gebrauch gemacht wird, ist noch offen.

Nach der Telekom- und der Strombranche wird nun auch der Gasmarkt freigegeben. Wird das vom Ministerrat bereits abgesegnete Gaswirtschaftsgesetz auch im Parlament beschlossen, so können ab Oktober alle Konsumenten ihren Gaslieferanten frei wählen. Bisher hatten nur Großabnehmer aus der Industrie diese Möglichkeit. Damit spielt Österreich eine Vorreiterrolle. In den meisten anderen EU-Ländern gibt es eine derart weitreichende Liberalisierung noch nicht.

Die Einschätzungen über die Auswirkungen der Liberalisierung gehen weit auseinander. Während Wirtschaftsminister Martin Bartenstein mit einer Preissenkung von zehn bis zwanzig Prozent rechnet, sieht Karl Skyba, Generaldirektor der Wiener Stadtwerke und damit einer der wichtigsten Anbieter, die Möglichkeiten einer Preisreduktion praktisch bei Null.

Unbestritten ist, daß der Gasmarkt im Vergleich zu anderen liberalisierten Bereichen Besonderheiten aufweist. Daß mit den Netzen quasi Monopolstrukturen aufgebaut wurden, gab es auch schon in der Telekom- und Strombranche. In der Gasbranche gibt es aber dazu auch eine fast monopolartige Stellung der Lieferanten. Rund 80 Prozent des in Österreich verbrauchten Gases kommt aus Rußland und wird von der Gazprom geliefert, der Rest aus Norwegen und aus der Eigenproduktion der heimischen OMV.

Die Gazprom hat nun keinerlei Interesse, den Wettbewerb in Europa anzuheizen. Sie setzt auf einen einheitlichen Abgabepreis, und denkt nicht daran, Konkurrenten billiger zu beliefern. Das geht hin bis zur Wettbewerbsverzerrung: Der Gaspreis, zusammengesetzt aus Energiepreis und Kosten für den Transport, ist in allen Ländern gleich hoch. Dies bedeutet, daß Länder mit einem weiteren Transportweg, wie etwa Frankreich, deutlich niedrigere Energiepreise zahlen.

Wenn also die Energie um den gleichen Preis eingekauft und über das gleiche Netz transportiert wird - wo soll da die Kostenersparnis herkommen, fragen die bisherigen Monopolisten.

Verfechter der Liberalisierung sehen dagegen durchaus Chancen. So hätten tschechische und ungarische Unternehmen im Rahmen von Langfristverträgen zu hohe Mengen geordert. Ein freier Markt von 250 Mill. Kubikmeter (bei einem Gesamtverbrauch von 7,5 Mrd. Kubikmetern) könnte entstehen, meint Thomas Pflanzl, der Industriebetriebe in Gasmarkt-Fragen berät.

Pflanzl setzt aber vor allem auf die Zukunft. Die Gazprom werde bald marktwirtschaftlicher agieren als bisher, zudem würden neue Anbieter auftreten. So etwa die italienische Edison, die ein Regasifizierungsterminal baut (wo Flüssiggas, das mit Tankern aus dem arabischen Raum geholt werden kann, in Gas zurückverwandelt wird).

Die bisherigen Monopolisten werden als Verhinderer einer echten Liberalisierung eingestuft. Mit dem Argument fehlender Leitungskapazitäten würden sie den Auftritt neuer Marktteilnehmer verhindern, so der Vorwurf. So gab es zwar vor Beginn der Liberalisierung für Industriebetriebe im August 2000 drei Fälle von Lieferantenwechsel, seither aber keinen einzigen mehr. Das Gaswirtschaftsgesetz hat da mit dem "Rucksackprinzip" zumindest eine Richtungsentscheidung für den freien Markt vorgegeben: Wer seinen Lieferanten wechselt, behält die ihm bisher eingeräumten Transportkapazitäten.

Noch ist unklar, wer überhaupt am österreichischen Markt tätig werden will. Die deutsche Ruhrgas hat Ambitionen erkennen lassen, auch die steirische Ferngas könnte in den Revieren der EnergieAllianz (Wien, Niederösterreich, Oberösterreich) wildern. Profitieren werden - wie schon bei der Strommarktliberalisierung - vor allem die Großkunden und nicht die Haushalte. Das liegt an den einfacheren Vertriebsstrukturen - und an den Größenordnungen: In Oberösterreich etwa verbrauchen die zehn größten Industriekunden so viel Gas wie 700.000 Haushalte.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.