Spaniens Landwirtschaft zwischen Profiten aus dem Obst- und Gemüseexport und Strukturproblemen. Ein Lokalaugenschein in der "Huerta" von Valencia.
Es ist fast wie im Film: Über dem Tor in der geschwungenen Mauer prangt auf bunten Fliesen "Santa Mara de aguas vivas". Die Einfahrt ist gesäumt von Palmen und Platanen, dahinter sorgfältig gestutzte Hecken, durchmischt mit Oleander und Datura. Und schließlich die strahlend weiße Finca der Besitzer einer der größten Orangenproduzenten der Region Valencia.
Seit 1922, nun in der vierten Generation, bewirtschaftet die Familie 80 Hektar Zitrus-Plantagen. Und zwar auf höchstem Niveau: Fast alle Felder wurden auf Tropfbewässerung umgestellt. Dabei werden die Pflanzen nicht mehr mit offenen Kanälen - die vielfach noch von den Römern und Mauren stammten - bewässert, sondern mit Schläuchen, die bei jedem Baum ein kleines Loch haben.
Aufgebaut wurde in den vergangenen Jahren ein Pflanzenschutzsystem, bei dem jede Maßnahme genau geplant und dokumentiert wird. Zur Schädlingsbekämpfung von wurden biologische Methoden eingeführt: In Kartoffelpflanzen werden Nutzinsekten gezüchtet, die im Bedarfsfall gegen Blattläuse eingesetzt werden. Dadurch ist es gelungen, statt wie früher zweimal jährlich nun nur mehr einmal "spritzen" zu müssen.
Ganz neu ist die hauseigene Verarbeitungsanlage. Jede einzelne Orange wird per Kamera vermessen und nach Größe und Farbe vollautomatisch sortiert. Auf hunderten Förderbändern, die kreuz und quer durch die riesige Halle laufen, gelangen die Orangen zur Oberflächenbehandlung gegen Schimmel und dann zur großteils noch händischen Verpackung.
Selbst in diesem Musterbetrieb kommt aber die andere Seite der spanischen Landwirtschaft ins Spiel: einer Masse an Klein- und Kleinstbauern, die im Nebenerwerb als Zulieferer fungieren. Durch Erbteilungen in der Vergangenheit ist dem Großteil der valencianischen Bauern gerade ein halber Hektar Grund geblieben. Und dieser muß dementsprechend intensiv bewirtschaftet werden, soll er Ertrag abzuwerfen. Mit modernster Agrartechnologie ist in den vergangenen dreißig Jahren rund um Valencia eine florierende Obst- und Gemüseproduktion aufgezogen worden, in der die Vielzahl an Kleinstbauern in mächtigen Genossenschaften zusammenarbeiten.
In der Kooperative Perello etwa produzieren 120 Mitglieder auf 60 Hektar Gemüse: Paradeiser und Paprika etwa für den lokalen Markt, aber chinesisches Frischgemüse, das nach London und Paris geliefert wird. In diesem Segment ist Perello Europas Nummer Eins. Die Gemüsefelder stehen großteils unter Folie, pro Jahr gibt es vier Ernten: drei mit Chinagemüse, eine mit mediterranen Produkten. Daß dafür ein hoher Einsatz von Dünger und Pestiziden nötig ist, versteht sich.
Die Fläche mit Obstproduktion wächst rasant, und zwar vor allem auf Kosten der traditionellen Reisfelder. Spanien ist hinter Italien der zweitgrößte Reisproduzent der EU, angebaut werden Sorten, die man für Paella braucht. Diese Flächen werden zweimal pro Jahr für je drei Monate unter Wasser gesetzt: Ab Mai für das Wachstum der Pflanzen, und im Winter - von der EU großzügig gefördert -, um das Eindringen von Meerwasser zu verhindern. Die Lage der Landwirte in den Bewässerungsgebieten in der fruchtbaren "Huerta" um Valencia ist besser als deren Kollegen in den nicht bewässerten Gebieten. Dort ist zwar die Größe eines Hofes mit vier Hektar zehnmal so groß, deren Produkte - Mandeln, Wein, Oliven - können aber mit der hohen Wertschöpfung von Obst und Gemüse nicht mithalten.
Die Folgen: hohe Abwanderung, Überalterung, Verschuldung, kaum Bewegung am Grundstücksmarkt - und eine "Maskulinisierung", wie die spanische Generaldirektorin für Frauenfragen, Pilar D¡vila, erzählt. "Es wandern vor allem jüngere Frauen ab, wohingegen vergleichsweise viele Männer zuwandern." Die Beschäftigungsquote der Frauen auf dem Land liegt um vier Prozentpunkte unter dem Durchschnitt.
Auch wenn die Bauernvertreter jammern, wie schlecht die EU die mediterrane Landwirtschaft behandle, betont Agrarminister Miguel Arias Canete, daß der Obst- und Gemüsesektor konkurrenzfähig sei. Um die Strukturprobleme zu bekämpfen, will er nun die die ländliche Entwicklung ausweiten.
Einer der Streitpunkte ist das Wasser. Dem Wunsch der Bauern nach einer Ausweitung der Bewässerungsgebiete erteilt Canete eine Abfuhr: Es würden zwar im nationalen Wasserplan Pipelines vom Ebro und Tajo gen Süden gebaut, diese sollen aber vor allem der Versorgung der wachsenden Städte dienen.
Am gleichen Strang wie seine Klientel zieht der Minister bei der Zuwanderungspolitik. Er will die Wünsche nach billigen Erntehelfern gerne erfüllen, aber das System umkrempeln: "Die Migranten sollen längere Arbeitsverträge bekommen, und etwa in Murcia mit der Erdbeerernte beginnen und dann gleich bei der Haselnußernte in Tarragona weitermachen", sagt er.
Ziemlich überrascht werden Landwirte und Kooperationen von der Veränderung der Konsumentenwünsche in Mitteleuropa. "Bisher haben die Kunden fast nur auf das Aussehen Wert gelegt, seit kurzem fragen sie aber auch nach Geschmack und Pestizidrückständen", wundert sich etwa Jos© Miquel, Manager bei der größten valencianischen Genossenschaft Anecoop.
Qualität wird aber immer größer geschrieben. Es gibt immer mehr Gütesiegel, regionale Herkunftsbezeichnungen - und der Biobereich wächst. Allerdings gibt es dabei Probleme: Erst am Donnerstag hat die EU-Kommission ein Verfahren gegen Spanien eröffnet, weil manche konventionelle Produkte als "Bio" vermarktet werden.