Chef der Swiss Life stolpert über Verluste und zwielichtige Geschäfte

Roland Chlapowski nimmt beim größten Schweizer Lebensversicherer den Hut. Die Swiss Life benötigt dringend eine Kapitalerhöhung.

ZÜRICH (reuter). Zum zweiten Mal innerhalb von acht Monaten hat der größte Schweizer Lebensversicherer, Swiss Life, kurzfristig den Konzernleiter auswechseln müssen. Der vom Finanzkonzern Credit Suisse kommende Rolf Dörig übernahm am Mittwoch per sofort die Führung der Assekuranz von Roland Chlapowski, der selbst erst im Februar angetreten ist.

Die mit Eigenkapitalproblemen kämpfende Versicherung mußte kürzlich Fehler in zwei Rechnungsabschlüssen einräumen. Zudem wurde die Existenz einer Beteiligungsfirma unter dem Dach der Rentenanstalt mit den Namen Long Term Strategy (LTS) bekannt, an der sich Manager wie Chlapowski und sein Vorgänger Manfred Zobl mit eigenem Geld beteiligten. Das Vehikel hat riesige Gewinne durch spekulative Parallelgeschäfte im Einklang mit der Swiss Life erwirtschaftet. Sechs Topmanager der Versicherungsgruppe lukrierten über die LTS insgesamt 11,5 Mill. Franken. Die Geschäfte wurden zwischenzeitlich aus "übergeordneten Gründen" wieder eingestellt - wie Verwaltungsratschef Andreas Leuenberger festhielt -, obwohl sie rein rechtlich korrekt gewesen seien. Auch Chlapowski verteidigte die Vorgangsweise erneut und meinte, LTS sei explizit mit dem Ziel gegründet worden, Interessenskonflikte zu vermeiden.

Der Wechsel an der Spitze kommt zu einem für die Rentenanstalt kritischen Zeitpunkt. Erst vor kurzem wurde eine Kapitalerhöhung in die Wege geleitet, die dem Konzern frische Mittel von bis zu 1,2 Mrd. Franken bringen soll. An der Börse führte der Führungswechsel zu einem Kurssprung. Swiss Life will auf jeden Fall am Zeitplan für die Kapitalerhöhung festhalten.

Nachfolger Dörig war zuletzt Leiter des Schweizer Firmenkunden- und Retailgeschäfts von Credit Suisse Financial Services und Chairman Switzerland der CS Group, zu der auch die Winterthur Versicherung zählt. Credit Suisse ist auch einer der Großaktionäre der Swiss Life. Dörig will die unter Chlapowski eingeleitete Strategie der Konzentration auf das Kerngeschäft Lebensversicherung in der Schweiz und in ausgewählten europäischen Ländern fortsetzen.

Noch bis im letzten Jahr hatte die Rentenanstalt unter der Führung von Zobl und seinem Finanzchef Dominique Morax eine rasante Expansionsstrategie durchgezogen. So wurde etwa die in der Vermögensverwaltung tätige Gotthardbank übernommen, die heute wohl nur mit einem kräftigen Nachlaß wieder verkauft werden kann. Auch Morax hatte in die LTS investiert, die in der Schweizer Presse mit Skandalfirma tituliert wurde.

Die Investments des Managements sowie Fehler bei Rechnungsabschlüssen haben nicht nur zu einer Untersuchung der Schweizer Versicherungsaufsicht sondern auch Ermittlungen der Justiz ausgelöst. Die Bezirksanwaltschaft Zürich führt ein sogenanntes Vorabklärungsverfahren wegen ungetreuer Geschäftsführung durch.

Beobachter befürchten, daß die Pannen und Enthüllungen die dringend benötigte Kapitalerhöhung gefährden könnten. Die Details der Transaktion sollen am 13. November bekannt gegeben werden. Falls die Mittelzufuhr scheitert, muß Swiss Life mit einer weiteren Rückstufung durch die Ratingagenturen rechnen. Es ist aber auch möglich, daß die Banken einspringen und die Kapitalerhöhung zeichnen. Einige Analysten vertraten gestern die Auffassung, daß der Umbruch eine Verschiebung um zwei bis drei Monate bringen könnte, "bis sich der Staub gelegt hat", so ein Analyst.

Auch die Ertragsaussichten von Swiss Life sind verhalten. Nach eigener Einschätzung erwartet des Unternehmen bis 2004 kein spürbares Wachstum und die angestrebte Eigenkapitalrendite von zehn Prozent dürfte nicht vor 2005 erreicht werden. Im ersten Halbjahr 2002 hatte Rentenanstalt einen Verlust von 578 Millionen Franken verzeichnet.

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