Der direkte Draht zum Innenohr und ins Gehirn

Die Innsbrucker Firma Med-El behauptet sich seit einem Jahrzehnt mit innovativen Hörgeräten auf dem Weltmarkt.

WIEN. Gegen Taubheit war lange Zeit in der Menschheitsgeschichte kein Kraut gewachsen. Und wirksame, dabei gleichzeitig kleine und unauffällige Hörhilfen gibt es erst seit kurzem. Voraussetzung dafür war erst die Erfindung des Mikrophons, das erste Patent für ein Hörgerät - ein Mikrophon mit nachgeschaltetem Verstärker und beim Ohr plaziertem Lautsprecher - wurde 1901 angemeldet. Das erste wirklich tragbare Hörgerät kam 1935 in London auf den Markt, es hatte aber immer noch das stolze Gewicht von 1,25 Kilogramm. Heute übliche Geräte, die hinter dem Ohr getragen werden können, werden erst seit den 60er Jahren gebaut.

Bis dahin beruhte das Wirkungsprinzip auf der Verstärkung der Schallwellen. Erst in den späten 70er Jahren wurde ein neues Prinzip der Hörhilfe eingeführt: Die direkte Reizung der Hörnerven durch elektrische Signale. Denn das bloße Verstärken der Schallwellen hilft nur jenen Patienten, bei denen die Hörnerven weitgehend intakt sind.

Vorreiter dabei war Österreich, denn 1977 wurde im Wiener AKH das weltweit erste "Cochlea-Implantat" implantiert, entwickelt von einer Arbeitsgruppe um Erwin und Ingeborg Hochmair. In den 80er Jahren begannen die Wissenschafter mit dem aus der jahrelangen Forschung erworbenes Wissen ein Unternehmen aufzubauen. Heute zählt Med-El mit mehr als 300 Mitarbeitern in 14 Niederlassungen neben einem US-amerikanischen und einem australischen Unternehmen zu den Top 3 auf dem Weltmarkt - auf dem bisher rund 60.000 Cochlea-Implantate verkauft wurden. Diese Geräte bestehen im Prinzip aus zwei Teilen: Außerhalb des Körpers, hinter dem Ohr, befindet sich ein Gerät, in dem ein Sprachprozessor die Schallwellen, die per Mikrophon aufgenommen wurden, in elektrische Impulse verwandelt und an eine Spule weiterleitet. Über die dort gebildeten elektromagnetischen Felder werden die Signale dann in den Körper übermittelt - und zwar an das Implantat, das hinter dem Ohr in den Knochen eingesetzt ist.

Nervenprothesen

Dieses Gerät wiederum leitet die übermittelten Signale an eine Elektrode weiter, die direkt in die Cochlea, also in die Hörschnecke im Innenohr, implantiert ist. Durch die elektrischen Impulse wird direkt der Hörnerv stimuliert, und diese Impulse werden schließlich im Gehirn als akustisches Ereignis interpretiert.

Das Prinzip klingt relativ einfach, die Umsetzung erfordert aber großes Know-How und ständige Innovationen. Entwickelt werden derzeit etwa Methoden, um die Einführung der Elektroden in die Hörschnecke besser überwachen zu können, laufend verbessert und verkleinert wird die Elektronik. Und es tauchen immer wieder neue Anforderungen auf: etwa Handys, deren Strahlung die Hörgeräte stören können.

Mit von der Partie ist Med-El auch beim nächsten Entwicklungsschritt von Hörgeräten. Ist nämlich auch der Hörnerv geschädigt, was bei bestimmten Krebserkrankungen der Fall ist, dann hilft auch ein Colchea-Implantat nichts. Seit einigen Jahren versucht man daher, noch weiter "unten" in der Signalverarbeitungskette anzusetzen und den Hörnerv durch eine Prothese zu ersetzen. Eine Elektrode soll dabei direkt den "Hörkern" im Hirnstamm anregen und dadurch dieselben Impulse erzeugen, die im Gehirn als Schallwellen interpretiert werden.

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