Zweite Welle an Pharma-Fusionen rollt an

Nur mehr eine Handvoll Pharmamultis werden in wenigen Jahren den Markt beherrschen, glauben Experten. Die neue Merger-Welle gehorcht aber anderen Gesetzen.

WIEN. Offiziell gesteht derzeit kein Pharmamulti Akquisitionspläne ein. Im Gefolge der jüngsten Megafusion von Pfizer und Pharmacia zum weltgrößten Pharmakonzern wird aber hinter den Kulissen um weitere Merger gefeilscht. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß neue Gerüchte auftauchen: sei es um die ins Trudeln geratene Bayer, von der über ein Zusammengehen mit GlaxoSmithKline gemunkelt wird, sei es um eine Fusion von Aventis mit Sanofi oder um eine stärkere Verschränkung von Novartis mit Roche.

Die neue Merger-Welle wird aber anderen Gesetzen gehorchen als die vor zwei, drei Jahren, glauben Insider. Stand damals die Schaffung kritischer Größen in der Forschung und die Ausnützung von Synergieeffekten im Vordergrund, sind nun eher die sich immer weiter lehrenden Produkt-Pipelines und die auslaufenden Patente die Fusions-Treiber, meint eine Studie des Consulters PriceWaterhouseCoopers.

Diese Einschätzung teilt auch der Pharmaexperte des Beratungsunternehmens Accenture, Gregor Wick. "Nur größer werden reicht nicht aus, und große Forschungskapazitäten aufzubauen allein bringt auch nichts", umreißt er im "Presse"-Gespräch Erfahrungen der letzten Jahre. Auch die Synergie-Effekte seien überschätzt worden, im Vertrieb etwa habe es oft keine merkbaren Verbesserungen gegeben.

Bei der jetzt startenden Merger-Welle gehe es vor allem darum, neue Produkte oder - für kleine, innovative Unternehmen - Marktmacht einzukaufen. "Auch die Aktionäre sind nun skeptischer geworden; der Nutzen eines Zusammengehens muß für sie klar auf der Hand liegen", so Wick.

Entscheidend ist es dabei auch, ob es von Anfang an gelingt, zu einer gemeinsamen Unternehmenskultur zu finden. Denn die Prozesse müßten von Beginn weg funktionieren, sonst verliere man nur Zeit - und diese ist auf dem schnellen Pharmamarkt kostbar. Die Verschiebung einer Medikamenteneinführung um einige Monate kann Milliarden Euro kosten. Auch die Führungsstruktur muß von Anfang an klar sein. "Ein paritätisch besetztes Management interessiert heute niemanden mehr", sagt Wick.

Dabei könne es ohne weiteres dazu kommen, daß der kleine Fusionspartner von Beginn weg das Ruder übernimmt. Konkret könnte es bald soweit sein, daß eine kleine Biotechnologie-Firma mit einer interessanten Substanz sich ein großes Pharma-Unternehmen als Vertriebskanal kauft - ein völlig neues Phänomen.

Schon in wenigen Jahren wird es Wick zufolge nur mehr eine Handvoll globaler Player geben, die alle zweistellige Marktanteile haben. "Dahinter freilich gibt es weiterhin hochspezialisierte Firmen, die sich etwa nur um Forschung oder nur um Vermarktung kümmern." Und darunter gibt es Massen an Nischenplayern, wie sie auch in der Vergangenheit stets nach großen Mergern entstanden seien, meint Wick.

Nicht verändern wird sich dabei aber, daß sich das Schwergewicht der Pharmaindustrie zunehmend in Richtung USA verschiebt: Noch 1990 hatten Unternehmen in den USA und in Europa je einen Drittel-Anteil am Weltmarkt; im Vorjahr lagen die USA schon bei 42 Prozent, Europa sackte auf 22 Prozent ab.

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