Christian Konrad, mächtigster Raiffeisen-Boß, stellt sich im "Presse"-Gespräch "materiell und ideell" hinter Wolfgang Schüssel.
WIEN. Hat der erklärte Anhänger der großen Koalition seinen Frieden mit Schwarz-Blau gemacht? "Ich bin Pragmatiker und habe zur Kenntnis genommen, daß Wolfgang Schüssel nicht in die Politik gegangen ist, um dann zu Hause sitzen zu bleiben. Ich habe seine Kooperationspartner akzeptiert", meint Christian Konrad, Raiffeisenverband-Chef und Obmann der Raiffeisenholding Niederösterreich-Wien, im "Presse"-Gespräch. Die Koalition habe "vieles richtig begonnen. Einiges ist aber steckengeblieben, weil Mut und Durchsetzungsfähigkeit gefehlt haben."
Alternative Häupl
Obwohl "heute alle Parteien die Notwendigkeit eines Reformkurses einsehen", hat Konrad doch eine eindeutige Präferenz: "Mein Wunschteam heißt Schüssel-Gusenbauer." Freilich gibt es auch eine Alternative: "Schüssel-Häupl wäre auch denkbar." Eine große Koalition könnte "sicherstellen, daß der Vorwurf einer Verringerung des Sozialstaates nicht schlagend wird". Daß Raiffeisen den Wahlkampf der ÖVP "materiell und ideell" unterstützt, räumt Konrad ein, läßt sich aber keine Größenordnung entlocken - und auf die Frage, welche Anliegen er im Gegenzug behandelt wissen will, meint er nur: "Die sage ich ihm." "Er" - das ist natürlich Wolfgang Schüssel.
Mit Ferdinand "Ferry" Maier, dem Generalsekretär des Raiffeisen-Verbandes, hat Konrad auch eine Personalsubvention an die ÖVP geleistet. Maier kämpft im 21. und 22. Wiener Gemeindebezirk um ein Grundmandat für die ÖVP. Sollte Maier, dem man bei Raiffeisen seit einiger Zeit gelegentlich Amtsmüdigkeit nachsagt, in den Nationalrat einziehen, "wird das seiner Arbeit für die Genossenschaftsidee nur förderlich sein", meint Konrad: "Seine Arbeit als Generalsekretär würde das in keiner Weise beeinträchtigen."
Scharfe Kritik übt Konrad am Umgang der blau-schwarzen Regierung mit dem Finanzsektor. "Ohne unsere Bereitschaft mitzuzahlen, wäre etwa die Vergangenheitsbewältigung nicht in dieser Manier möglich gewesen." Für Minister Böhmdorfer seien aber die Banken "pfui Teufel" geblieben. Gleichzeitig habe auch "der Finanzminister den Versicherungen über die Besteuerung von Rückstellungen die größte Steuerlast in der Geschichte aufgebürdet." Das wiege umso schwerer, weil die Versicherungsbranche durch die weltwirtschaftliche Lage massiv unter Druck sei.
Generell wolle man bei Raiffeisen die Bankengruppe und den Versicherungsbereich in Österreich und international "ordentlich weiterbauen". Die Frage, ob dazu ein internationaler Partner für RZB oder Uniqa nötig sei, stelle sich heute nicht. Raiffeisen habe aber in anderen Bereichen, etwa Zucker, Medien etc. gezeigt, daß man sehr wohl und auch rechtzeitig internationale Partnerschaften eingehe, wenn dies sinnvoll ist.
Die von Spitzenvertretern des Raiffeisen-Geldsektors geäußerte Abneigung gegen einen Börsengang für Raiffeisenbanken kann Konrad so nicht teilen: "Das ist für mich kein emotionales, sondern ein rationales Thema. Derzeit würde es keinen Sinn machen, es gibt aber bei mir keine grundlegende Ablehnung für einen solchen Schritt."
Die Dreistufigkeit im Raiffeisen-Geldsektor - Primärbanken, Landesbanken, RZB - ist für Konrad völlig unbestritten. Die Aktivitäten der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich unter ihrem Generaldirektor Ludwig Scharinger, der mit Alleingängen im Sektor immer wieder für Aufregung sorgt, "könnte man in Wien manchmal als Versuch einer Provokation ansehen". Stein des Anstoßes ist derzeit vor allem das von der RLB OÖ etablierte Oberösterreich-Haus in Wien, das gegen das bei Raiffeisen hoch gehaltene Regionalitätsprinzip verstößt.
"Modetrends" wie Corporate Governance Codes sind nach Ansicht von Konrad für Genossenschaften völlig überflüssig. "Das brauchen nur Menschen, die weder eine Kinderstube noch ein funktionierendes Gewissen haben." Fehlentwicklungen, wie in den USA Enron & Co., habe es bei den Genossenschaften bisher nicht gegeben. "Genossenschafter sind nicht von Geburt her bessere Menschen. Es kann immer vereinzelt Fehlentwicklungen geben. Aber unsere Mechanismen und die Zivilcourage der Verantwortlichen sind so stark, daß unsere Selbstreinigungskraft ausreicht, derartige Entwicklungen bereits im Ansatz zu stoppen."
Konrad ist seit kurzem Präsident der Internationalen Raiffeisen-Union - und von der Zukunft der Genossenschaftsidee überzeugt. Als wichtiges Aktionsgebiet der Union nennt Konrad die Reformstaaten, wo Genossenschaften als "kommunistische Keimzellen" historisch vorbelastet seien. Er wolle dort die Etablierung eines "genossenschaftsfreundlichen Klimas" und entsprechender Gesetze unterstützen. Dies wäre auch ein "wichtiger Beitrag für die Entwicklung einer mittelständischen Wirtschaft".
Vorsorge für Nachfolge
Die gesamtwirtschaftliche Situation sieht Konrad "vorsichtig optimistisch". Die Budgets der diversen Raiffeisen-Unternehmen seien für 2003 zumeist beschlossen und würden keinerlei Investitionskürzungen vorsehen. Doch nicht alle Sparten machen uneingeschränkt Freude. Auf die Frage, ob er mit der Entwicklung des Raiffeisen-Minderheitsanteils am Telekomanbieter UTA zufrieden sei, meint Konrad lapidar: "Das weiß ich noch nicht." Ihm sei noch nicht klar, "ob wir uns da stärker engagieren werden. Ich bin auch nicht sicher, ob die Strukturbereinigung in dieser Branche schon abgeschlossen ist." Mit Sicherheit werde die Informationstechnologie "kein künftiges Kerngeschäft" von Raiffeisen sein.
Konrad wird im kommenden Jahr 60. Seine Funktion als Obmann von Raiffeisen in Niederösterreich läuft noch sechs Jahre - und die will er auch ausfüllen. Seit einiger Zeit ist er nach eigenen Worten dabei, "Vorsorgen für eine entsprechende Nachfolge zu treffen." Vorstellbar wäre für ihn auch ein zeitlich gestaffelter Rückzug aus seinen diversen Funktionen. Ob dabei eher Nachfolger aus dem Haus zum Zuge kommen sollen ? "Ich will keine Spekulationen nähren . . ."