Eine Strafklage gegen Credit Suisse First Boston verlangt der US-Bundesstaat Massachusetts. Klagen gegen J. P. Morgan und Goldman Sachs könnten folgen.
NEW YORK. "Was wir herausgefunden haben, ist sehr beunruhigend", sagte der zuständige Beamte des US-Bundesstaates Massachusetts, William Galvin, einem US-Fernsehkanal. Er meinte die Untersuchungen gegen die Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB). Es handle sich nicht nur um vereinzelte Fälle von Unregelmäßigkeiten, sondern um ein "konsistentes Muster der Täuschung" mit dem Ziel, die Anleger hinters Licht zu führen, sagte Galvin. Ein Strafverfahren sei eingeleitet.
Massachusetts ist einer von 22 Bundesstaaten, welche die Praktiken der Wall-Street-Banken untersuchen. Massachusetts durchleuchtet CSFB, Texas kümmert sich um J. P. Morgan, Utah nimmt Goldman Sachs unter die Lupe. Die Staaten sind nur für ihr eigenes Gebiet zuständig. Galvin hat das Dossier an New York weitergeleitet. Aufgrund eines alten Gesetzes ("Martin Act") kann der Staat New York - als einziger Bundesstaat - die Investmentbanken an der Wall Street nicht nur zivilrechtlich klagen, sondern auch strafrechtlich verfolgen. Der Justizminister von New York, Eliot Spitzer, muß jetzt entscheiden, ob er Strafklage einreicht.
Seit etwa einem Jahr gilt Spitzer als "Schrecken der Wall Street". Im Mai zwang er Merrill Lynch zu einem Vergleich, in dem sich das größte Brokerhaus der Welt verpflichtete, seine Praktiken zu ändern und eine Buße von 100 Mill. Dollar zu zahlen. Spitzer hat auch die gesetzliche Kompetenz, öffentliche Hearings durchzuführen. Diese sind für Angeklagte potentiell noch ungemütlicher, weil die Beweisstücke, die an die Öffentlichkeit kommen, von privaten Anwälten verwendet werden können. Die Wall-Street-Banken riskieren milliardenhohe Klagen erboster Kunden.
Massachusetts werde in jedem Fall tun, was angemessen sei, sagte Galvin. Möglicherweise werde man CSFB das Recht zur Geschäftstätigkeit in Massachusetts entziehen. CSFB mußte bereits im Dezember 2001 eine Buße von 100 Mill. Dollar zahlen, wegen "kickbacks" (Bestechungsgelder) im Zusammenhang mit Börsengängen. Gegen CSFB-Banker laufen auch Untersuchungen im US-Kongreß.
Die Research-Abteilung von CSFB habe systematisch Aktien empfohlen, die sie selbst als negativ beurteilt habe, behauptet Galvin. Der Zweck der Übung sei gewesen, von den empfohlenen Internet- oder E-Commerce-Firmen Mandate für Börsengänge und andere Wertpapiergeschäfte zu bekommen. Die Analysten seien nicht für ihren Research bezahlt worden, sondern für den Umfang an Wertschriftengeschäft, den sie "gebracht" hätten. In vielen Fällen hätten sie Aktien zum Kauf empfohlen, deren Bruchlandung voraussehbar gewesen sei.
CSFB bestreitet diese Anschuldigungen. Man habe sich stets an die "höchsten professionellen Standards" gehalten. Man werde jedoch mit den Behörden kooperieren.
Die Beamten Galvins durchsuchten 80.000 E-Mails. Diese hätten gezeigt, daß "die Bank zwei Listen hatte, eine für sich selbst und eine für die Kunden". Die CSFB-Analysten hätten das Publikum bewußt getäuscht, und die Vorgesetzten hätten dies gebilligt.